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Unsere innere Uhr : Zeitumstellung 2017: Biologe fordert Abschaffung

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Till Roenneberg erklärt wie unsere innere Uhr tickt - und der Wechsel von Sommer- auf Winterzeit sie durcheinanderbringt.

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erstellt am 28.Okt.2017 | 19:19 Uhr

Bringt die Zeitumstellung in der Nacht von Samstag, 28. November 2017, auf Sonntag, 29. November, unsere innere Uhr aus dem Takt? Im Interview warnt der Chronobiologe Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München vor Gesundheitsrisiken durch das Konzept von Sommer- und Winterzeit.

 

Wie tickt unsere innere Uhr?

Sie ist ein fundamentales biologisches Programm, das es nicht nur beim Menschen, sondern in allen Organismen gibt. Alle Zellen in unserem Körper, ob in der Leber, im Herzen, im Gehirn, in den Muskeln und in der Haut, haben innere Uhren. Sie stimmen die Körpertemperatur, den Blutdruck, die Hormonproduktion, das Hungergefühl und den Stoffwechsel optimal auf den Tag-Nacht-Rhythmus ab. Das ist auch deshalb notwendig, weil der Körper nachts ganz anders eingestellt ist als tagsüber.

Und wie wird unsere innere Uhr gestellt?

Ihr Zentrum sitzt im Gehirn. Es misst über die Augen, wann Licht und wann Dunkelheit ist. Diese Information über den Tag-Nacht-Rhythmus und wie sich die innere Uhr des Individuums darauf eingestellt hat, wird dann an alle Zellen im Körper weitergegeben. So sorgt die innere Uhr dafür, dass sich unsere gesamte Physiologie, unser Stoffwechsel und auch unser Verhalten an die voraussagbaren Veränderungen in unserer täglichen Umwelt optimal anpassen kann.

Tickt die innere Uhr bei allen Menschen gleich?

Nein. Jeder Mensch hat zum Beispiel ein individuelles Schlaffenster, in dem er optimal zu schlafen vermag. Über den sogenannten Chronotypus eines Menschen bestimmen unter anderem seine Gene. Aber auch das Alter spielt eine Rolle: Von der Kindheit bis zum Alter von 20 Jahren sind wir immer später dran. Von ungefähr 20 an dann kontinuierlich wieder immer früher.

Spielt auch die Dauer des Aufenthalts im Freien eine Rolle?

Der Licht-Dunkel-Wechsel ist der dritte Faktor: Bei einem Menschen, der den ganzen Tag draußen ist, ist die innere Uhr sehr früh dran, weil diese Menschen tagsüber sehr viel Licht bekommen. Büromenschen sind dagegen später dran, da sie nicht mehr genug Licht bekommen. Damit sie sich im 24-Stunden-Rhythmus trotzdem noch passend einstellen können, muss es immer später werden. Wer aber dauerhaft gegen seine innere Uhr lebt, dem drohen gesundheitliche Beeinträchtigungen. Die Störung des natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus wird auch als sozialer Jetlag bezeichnet.

Welche Folgen kann das haben?

Eine dauerhafte Störung kann chronischen Stress auslösen. Das kann zu erheblichen Stoffwechselproblemen wie zum Beispiel Diabetes Typ 2 führen. Eine mögliche Folge können auch Herzkreislaufprobleme sein. Schichtarbeiter entwickeln mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bestimmte Krebsarten. Das ist aber ganz individuell. Zur Verdeutlichung lassen Sie es mich deshalb so formulieren: Alles, was Sie persönlich kriegen könnten, wenn Sie 130 Jahre alt würden, kriegen Sie früher.

In der Nacht vom 28. .zum 29. Oktober werden die Uhren wieder um eine Stunde auf die sogenannte Winterzeit gestellt. Wie finden Sie das?

Es gibt doch gar keine Winterzeit! In Wirklichkeit führen wir im März einfach nur einen Uhrensprung ein und nennen das die Sommerzeit. Jetzt wird uns ja nur die im Frühjahr geklaute Stunde wieder zurückgegeben.

Sie sind also ein Gegner der Zeitumstellung…

Die Umstellung im März ist eine gesundheitsschädliche Aktion. Es ist das Dümmste, was wir machen können. Ab dann gehen wir ja alle eine Stunde früher zur Arbeit. Da die inneren Uhren von Büromenschen aber sowieso schon zu spät dran sind, wird auf den Unterschied zwischen der individuellen biologischen Zeitzone und der sozialen Zeitzone, in der man leben muss, jetzt noch mal eine Stunde draufgesattelt. Die innere Uhr des Menschen kommt jetzt noch zusätzlich aus dem Takt. Es kann mehr als vier Wochen dauern, bis sich Betroffene an die künstliche Zeitverschiebung angepasst haben, manche Spättypen passen sich eventuell überhaupt nicht an.

Was schlagen Sie vor?

Die Zeitumstellung sollte so schnell wie möglich abgeschafft werden. Darüber hinaus sollten allgemein die Arbeitszeiten flexibler gestaltet und der inneren Uhr des Einzelnen angepasst werden. Das gilt übrigens auch für die Unterrichtszeiten an Schulen.

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