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Statistisches Bundesamt : Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland hoch wie nie

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10,9 Prozent aller Menschen, die in Deutschland leben, haben ausländische Wurzeln. Mit den Jahren ist auch der Bildungsstand der Zuwanderer deutlich gestiegen.

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2015 | 13:16 Uhr

Wiesbaden | Noch nie hat es in Deutschland mehr Zuwanderer gegeben: Die Zahl der Menschen mit ausländischen Wurzeln ist 2014 auf 10,9 Millionen gestiegen und hat damit einen Rekordstand erreicht. Insgesamt habe gut jeder fünfte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag mit. Erhoben werden die Zahlen seit 2005.

Das Plus zum Vorjahr (2013) beträgt den Angaben zufolge 3,7 Prozent. Im Vergleich zu 2011 sind das eine Million Zuwanderer oder 10,6 Prozent mehr. Die Bevölkerung ohne ausländische Wurzeln ging dagegen seit 2011 um 885.000 oder 1,4 Prozent auf rund 64,5 Millionen zurück.

Gut jeder Fünfte der rund 80,89 Millionen Einwohner Deutschlands hat einen Migrationshintergrund. Das sind 3,0 Prozent mehr als 2013. Bei den fast 16,4 Millionen Menschen ausländischer Herkunft werden in Deutschland geborene Kinder von Einwanderern mitgezählt. Mehr als die Hälfte dieser Bevölkerungsgruppe (56,0 Prozent) besitzt einen deutschen Pass.

Der Bildungsstand der seit 2011 Zugezogenen ist deutlich höher als der jener Zuwanderer, die vor 1990 nach Deutschland übersiedelten. Fast die Hälfte der seit 1960 Zugewanderten schätzte die eigenen Deutschkenntnisse als fließend oder sogar muttersprachlich ein.

Foto: dpa

Besonders viele Menschen kamen aus den Ländern der Europäischen Union. Dabei spielen die EU-Osterweiterung und die Finanzkrise in Südeuropa eine wichtige Rolle. „Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben sich die Zuwanderungsmotive deutlich verschoben“, stellen die Statistiker fest. Nicht mehr die Familienzusammenführung, sondern eine Erwerbstätigkeit war seither der Hauptgrund, um nach Deutschland zu kommen.

Die Statistiker nahmen 2011 als Vergleichsjahr, weil seither die Zuwanderung von Jahr zu Jahr deutlich gestiegen ist. Außerdem wurden die Ausgangszahlen nach der Volksbefragung Zensus korrigiert.

Die Bevölkerung Deutschlands 2014 im Vergleich mit dem Vorjahr. Eine Übersicht:

Status 2014 Veränderungen gegenüber dem Vorjahr
Bevölkerung insgesamt 80.897.000 286.000
ohne Migrationshintergrund 64.511.000 – 187.000
mit Migrationshintergrund 16.386.000 473.000
Davon Zugewanderte 10.877.000 387.000
Davon in Deutschland geborene 5.510.000 87.000


Nach Einschätzung von Fachleuten werden Zuwanderer und Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt auch dringend gebraucht. Die Bundesagentur für Arbeit etwa rechnet in der alternden Gesellschaft mit einem Rückgang der Erwerbstätigen bis 2030 um acht Millionen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was verstehen die Statistiker unter Zuwanderern?

Der Mikrozensus ist die Grundlage der Statistik. Bei dieser Stichprobenerhebung wird jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung befragt. Dabei werden auch Gemeinschaftsunterkünfte wie Asylbewerberheime berücksichtigt. Die Statistiker fragen aber nicht nach dem rechtlichen Aufenthaltstitel.

Wie steht es um ein Einwanderungsgesetz in Deutschland?

Die Grünen bezeichneten Deutschland schon vor etlichen Jahren als Einwanderungsland und forderten ein Einwanderungsgesetz. Die Union hat sich dem lange verschlossen. Inzwischen spricht zwar auch sie davon, dass Deutschland nach den USA das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt sei. Um ein Gesetz wird in CDU und CSU aber noch heftig gerungen. Die CDU von Kanzlerin Angela Merkel könnte sich im Dezember auf einem Parteitag dafür aussprechen, die derzeit mehr als 90 Rechtsgrundlagen für die Erteilung eines Aufenthaltstitels für Zuwanderer in einem speziellen Gesetz zu vereinfachen und zu bündeln. Die CSU will kein Gesetz mitmachen, das ein Mehr an Zuwanderung bedeutet. Der Koalitionspartner SPD dringt auf ein Einwanderungsgesetz noch in dieser Wahlperiode.

Weshalb kommen die Menschen nach Deutschland?

„Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben sich die Zuwanderungsmotive deutlich verschoben“, stellen die Statistiker fest. Für die seither Zugezogenen war ein Job der wichtigste Grund, nach Deutschland zu kommen (28 Prozent). Mehr als die Hälfte dieser Zuwanderer hatte bei der Einreise bereits eine Stelle. Die Arbeitsaufnahme habe das zuvor dominierende Ziel der Familienzusammenführung abgelöst, stellt Migrationsexperte Ludger Pries fest.

Wie gut sind die Zuwanderer ausgebildet?

„Am oberen Ende sind die Zuwanderer klar besser qualifiziert als die Deutschen“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Das hilft dem Arbeitsmarkt.“ Hochschulabsolventen seien leichter zu integrieren. „Was uns ein bisschen fehlt, ist die Mitte, also die klassischen Facharbeiterqualifikationen.“ Allerdings gebe es auch mehr Zuwanderer ohne Berufsausbildung als Deutsche, die keinen Migrationshintergrund haben. Dies sei aber nicht per se negativ. „Sehr viele Zuwanderer arbeiten in Berufen wie der Gastronomie, der Landwirtschaft und der nicht-examinierten Pflege, wo man nicht unbedingt eine formelle Berufsbildung braucht.“ Dies seien aber auch anspruchsvolle Tätigkeiten mit einer hohen Nachfrage.

Wie gut sprechen die Zuwanderer Deutsch?

Mehr als die Hälfte der rund 16,4 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln (56,0 Prozent) hat einen deutschen Pass. Fast die Hälfte der seit 1960 Zugewanderten im Alter von 15 bis 64 Jahren schätzen ihre Deutschkenntnisse als fließend oder sogar muttersprachlich ein.

Wie wird sich die Zuwanderung entwickeln?

Bis 2014 kamen die Zuwanderer vor allem aus EU und hatten günstige Qualifikationen, wie Brücker sagt. „Dies sieht bei Asylbewerbern und Flüchtlingen anders aus.“ Dies sei jedoch nicht gravierend. „Das Gravierendere ist, dass wir diese Menschen viel schwieriger in den Arbeitsmarkt integrieren können, weil da auch rechtliche Hürden bestehen.“ Daher seien Änderung des Einwanderungsrechts notwendig.

Der starke Zuzug aus der EU werde zudem mittelfristig abnehmen.

 
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