Neue Spekulationen um Malaysia-Airlines-Flug : Wrackteil auf La Réunion stammt „nahezu sicher“ von MH370

Im März 2014 verschwindet Flug MH 370. Jetzt wird ein mit Muscheln überzogenes Wrackteil auf der Insel La Reunion im Indischen Ozean gefunden. Gehört es zu der verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine?

shz.de von
30. Juli 2015, 18:54 Uhr

Paris/Saint André | Erste Untersuchungen eines angeschwemmten Wrackteils wecken Hoffnungen, dass das Schicksal des seit 16 Monaten verschwundenen Malaysia-Airlines-Flugs MH370 aufgeklärt wird. Das auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean angespülte mit Muscheln besetzte Teil stammt nach Worten von Australiens Vize-Premierminister Warren Truss mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Flugzeug des Typs Boeing 777. „Das Flugzeugteil ist nahezu sicher ein kleiner Flügelteil einer Boeing 777, und MH370 wurde tatsächlich von einer Boeing 777 durchgeführt“, sagte Truss am Freitag dem Sender Sky News TV. Derzeit wird nur eine solche Maschine vermisst - die, die für MH370 eingesetzt wurde. AUstralien koordiniert die Suche nach dem verschollenen Flugzeug. Klarheit sollen die Untersuchungen französischer Luftfahrt-Experten bringen.

Die Boeing 777 war am 8. März 2014 mit 239 Menschen an Bord auf dem Weg von Kuala Lumpur nach nach Peking spurlos verschwunden. Zwei Drittel der Fluggäste waren Chinesen. Die Piloten hatten sich 40 Minuten nach dem Start zum letzten Mal beim Tower gemeldet, ohne Hinweis auf Probleme. Weniger als eine Stunde nach dem Start verschwand die Maschine vom Radar. Das Flugzeug wurde seither ohne Erfolg gesucht.


Ein ebenfalls auf der Insel aufgetauchter Koffer hingegen dürfte keine Verbindung zu MH370 haben, sagte Truss dem Sender weiter. Im Gegensatz zum Flugzeugteil seien an dem Koffer keine Spuren marinen Lebens gefunden worden. Dies deute darauf hin, dass er nicht lange im Wasser gewesen sei.

Australien wird laut Truss die Suche nach dem Wrack im südlichen Indischen Ozean westlich vom australischen Perth fortführen. Dort, etwa 4000 Kilometer von der jetzigen Fundstelle entfernt, soll MH370 abgestürzt sein. Mit Schiffen wird der Meeresboden auf einer Fläche von 120. 000 Quadratkilometer untersucht. Bislang wurden 55.000 Quadratkilometer abgetastet. Es könnte noch ein Jahr dauern, bis das ganze Areal erfasst ist.

Das Wrackteil wurde am Mittwoch auf der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion im Indischen Ozean gefunden. Wann Ergebnisse zu erwarten sind, war am Donnerstag unklar, die französischen Behörden hielten sich bedeckt. Die Herkunft des Wrackteils sei nicht identifiziert, teilte das Außenministerium am Abend in Paris mit. „Zu diesem Zeitpunkt kann keine Hypothese ausgeschlossen werden, einschließlich, dass es von einer Boeing 777 stammt.“

Das Fundstück soll bis Samstag nach Frankreich gebracht und im Luftfahrttechnikzentrum der französischen Rüstungsbehörde DGA untersucht zu werden. Diese Einrichtung in der Nähe von Toulouse übernimmt regelmäßig technische Analysen nach Flugzeug-Unglücken, zum Beispiel im Auftrag der französischen Untersuchungsbehörde für die Zivilluftfahrt (Bea) oder des Justizministeriums. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums, zu dem die DGA gehört, kann das Zentrum beispielsweise die Mechanik analysieren, Materialermüdung untersuchen und die Leistungsfähigkeit von Materialien testen. Es sei ein europaweit bedeutendes Test- und Kompetenzzentrum.

„Wir hatten schon oft falschen Alarm, aber um der Familien Willen, die geliebte Menschen verloren haben, bete ich, dass wir die Wahrheit herausfinden werden“, sagte der malaysische Regierungschef.

Die chinesischen Angehörigen der Passagiere schwanken derweil zwischen Unglauben, Misstrauen und Ungewissheit. Dort mehren sich auch Klagen, dass das Verbindungsbüro für die Familien in Peking im April geschlossen wurde. Viele Angehörige fühlen sich schlecht informiert. Auch machen wieder Verschwörungstheorien die Runde.

Dass der Fund des Wrackteils tatsächlich eine heiße Spur der Maschine der Malaysia Airlines ist, können die Familien nicht glauben. Zu oft gab es Gerüchte und Informationen, die falsche Hoffnung aufkommen ließen. „Ich fühle nichts mehr“, sagte Men Wancheng, dessen Sohn an Bord war, am Freitag. „All diese Informationen kommen und gehen.“ Er will nicht wieder enttäuscht werden. „Mich kann nichts mehr überraschen.“

Auch Meng Yan, deren Bruder in der Maschine saß, will endlich Klarheit und Wahrheit. Dass das Verbindungsbüro geschlossen wurde, sei ein echtes Problem. „Es gibt keinen direkten Kontakt zu den Behörden“, sagt Meng Yan. „Alles was wir erfahren, jedes Wort, jede vage Information kommt von Medien.“ Auch an ihr nagt jetzt das ungute Gefühl, dass den Angehörigen bewusst etwas vorenthalten wird. „Informationen werden vor uns versteckt.“

Der Fund Hunderte Kilometer vor der Ostküste Afrikas sei eine bedeutende Spur, sagte Truss. Dort, etwa 4000 Kilometer von der Fundstelle entfernt, soll MH370 abgestürzt sein. Winde und Strömungen könnten schwimmende Teile über eine so weite Strecke bis nach La Réunion bringen, sagen Meeresforscher.

An dem Wrackteil, das eine Flügelklappe zu sein scheine, sei eine aufgedruckte Nummer gefunden worden, sagte Truss. Das sei keine Serien- oder Registrierungsnummer, aber vielleicht eine Wartungsnummer. Auch diese könne helfen, die Herkunft des Flugzeugteils zu bestimmen. Die Muscheln auf dem Fundstück sollen von Meeresbiologen untersucht werden. Die französische Flugunfall-Untersuchungsbehörde Bea hat Experten nach La Réunion geschickt und soll die Ermittlungen mit der internationalen Untersuchung abzustimmen.

Boeing wollte zunächst nicht Stellung nehmen, alle Informationen müssten von den Ermittlern kommen. Auch Malaysia Airlines wollte sich an Spekulationen über den Fund nicht beteiligen. Einen Tag nach dem Fund ist auch ein Teil eines Koffers entdeckt worden. Es sei an der gleichen Stelle aufgetaucht, wo das Wrackteil angeschwemmt worden sei, berichtete die Regionalzeitung „Le Journal de l'Île de la Réunion“. Ob es einen Zusammenhang gibt, ist bislang unklar.

Australische Meeresforscher stützten die MH370-Theorie. „Wir hatten erwartet, dass 12 bis 18 Monate nach dem Absturz Teile in Madagaskar oder Umgebung auftauchen“, sagte Küsten-Ozeanograph Charitha Pattiaratchi von der Universität Westaustraliens. Er hoffe, dass noch weitere Wrackteile gefunden würden. Der Rumpf des Flugzeugs liege aber wohl auf dem Meeresgrund.

Die Forscher dämpfen aber Erwartungen, vom Fundort eines Treibgut-Stücks Rückschlüsse auf die Absturzstelle ziehen zu können.„Wir wüssten höchstens: Sie ist im östlichen Teil des Ozeans, südlich des Äquators und nicht zu nah an der australischen Küste“, sagte Jochen Kämpf von der Flinders-Universität in Adelaide. Das sei ungenauer als das 120.000 Quadratkilometer große Gebiet, das mit Hilfe von Satellitensignalen ermittelt worden sei. Dort suchen derzeit Schiffe mit Unterwasser- und Sonargeräten.

Angehörige äußerten sich skeptisch über den Fund. Viele fürchten, es handele sich nur um ein Gerücht - sie warten auf eine offizielle Bestätigung.„Es ist so weit weg, wo sie das Teil gefunden haben“, wunderte sich Liu Dongliang, dessen Bruder an Bord der Maschine war. „Die Nachricht kommt nicht von einer offiziellen Quelle, deswegen bezweifle ich, dass es wahr ist“, sagte Liu Dongliang am Donnerstag telefonisch der Deutschen Presse-Agentur in Peking.

Es gibt verschiedene Theorien, was mit dem Flugzeug passiert ist:

Kann das Verschwinden mit einem technischen Defekt erklärt werden?

An Bord war zwar eine Ladung mit gut 200 Kilogramm hoch brennbaren Batterien. Ein Brand hätte womöglich die beiden Kommunikationssysteme zerstören können - aber die Piloten hätten zuvor im Cockpit Alarm gehört und über Funk eine Notsituation gemeldet, sagen Piloten. Hätten toxische Dämpfe oder ein Druckabfall Passagiere und Crew bewusstlos gemacht, hätte die Maschine nach dem letzten Radarkontakt nicht zwei abrupte Kursänderungen nehmen können.

Kann die Maschine von Terroristen entführt worden sein?

Als die Kursänderungen eine Woche nach dem Verschwinden enthüllt wurden, sagte Malaysias Regierungschef Najib Razak: „Diese Bewegungen deuten auf absichtliches Eingreifen durch jemanden an Bord hin.“ Die Ermittler haben alle Passagiere und Besatzungsmitglieder unter die Lupe genommen. Niemand hatte Terror-Sympathien oder -Verbindungen, auch die beiden Iraner nicht, die mit gefälschten europäischen Pässen an Bord waren. Sie träumten vom besseren Leben in Europa. Keine Terrororganisation hat sich je zu einem Anschlag bekannt.

Was ist mit der US-Bundespolizei FBI?

Das FBI taucht immer bei Verschwörungstheorien auf: Die USA seien hinter etwas her gewesen, das an Bord war, meint der chinesische Blogger He Xin. Die US-Botschaft in Kuala Lumpur sah sich sogar genötigt zu dementieren, dass das Flugzeug auf dem US-Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean landete. Ex-Airline-Chef und Buchautor Marc Dugain kombiniert diese Theorien zu seiner Version: Hacker manipulierten die Bordcomputer von außen und lenkten die Maschine auf den US-Stützpunkt, vor dem das US-Militär die Maschine abschoss.

Kann die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein?

Das behauptet der britische Autor Nigel Cawthorne in einem Buch. Bei einer damals stattfindenden thailändisch-amerikanischen Militärübung im Südchinesischen Meer sei scharfe Munition verwendet worden. Die Geschichte vom stundenlangen Flug in Richtung Süden sei erfunden worden, um sicherzustellen, dass das Wrack an falscher Stelle gesucht und nie gefunden wird. Seriöse Experten zweifeln nicht an den Angaben der Satellitenfirma Inmarsat, die Stunden nach dem Verschwinden Daten von der Maschine auffing.

Hat der Pilot selbst die Maschine ins Verderben gelenkt?

Das halten mehrere erfahrene Unfallermittler für die wahrscheinlichste Variante. Sie äußern sich in einer Dokumentation des Senders National Geographic: Der Pilot dirigiert den Kopiloten unter einem Vorwand aus dem Cockpit, nimmt eine Sauerstoffmaske, löst in der Kabine einen Druckabfall aus, der alle ins Koma versetzt und fliegt Richtung Süden, bis die Maschine mit leeren Tanks abstürzt. Warum würde aber jemand auf Suizid-Mission die Maschine so lange fliegen lassen?

Was gibt es noch für Theorien?

Im Internet kursieren verschiedene Theorien. Zwei Beispiele: Ein Schurkenstaat habe die Maschine gekapert, wolle sie mit Atomwaffen ausstatten und eines Tages auf eine US-Stadt lenken. Der US-Autor Jeff Wise vermutet die Maschine dagegen in russischen Händen und spekuliert wild über abwegige Motive.

 
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