Vermisste Fünfjährige aus Schönbeck : Wo ist Inga? Eine Spur führt nach Berlin

Das Foto entstand nur kurz vor Ingas Verschwinden.
Foto:
Das Foto entstand nur kurz vor Ingas Verschwinden.

Bei Suchtrupps herrscht Ratlosigkeit: Das bei Stendal vermisste Mädchen bleibt verschwunden. Die Helfer geben die Hoffnung aber nicht auf, doch eine Straftat wird wahrscheinlicher

shz.de von
08. Mai 2015, 12:50 Uhr

Stendal | Knapp eine Woche nach dem mysteriösen Verschwinden der fünfjährigen Inga im Norden Sachsen-Anhalts geht die Polizei mehreren Hundert Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Dabei führt ein Hinweis nach Berlin: Eine Zeugin gab an, das Kind dort mit einem Mann gesehen zu haben. Die Polizei prüfe nun, ob die Angaben für die Veröffentlichung eines Phantombildes reichen, sagte eine Polizeisprecherin am Freitag.

Inga wird seit dem 2. Mai vermisst. Sie verschwand beim Stendaler Ortsteil Wilhelmshof im Wald, wo sie mit ihrer Familie zu Besuch war. Polizei, Feuerwehr und Hunderte Helfer suchen seither Tag und Nacht nach dem blonden Mädchen. Mehrere Waldgebiete wurden am Dienstag von einer Hundertschaft Polizisten zum wiederholten Male durchkämmt. Zudem wurden die Bewohner, Patienten und Mitarbeiter einer nahe gelegenen Klinik erneut befragt. Zu dem evangelischen Diakoniewerk Wilhelmshof gehören Gebäude mit Wohngruppen für geistig und seelisch Behinderte, eine Kureinrichtung der Suchtkrankenhilfe und ein Seminar- und Gästehaus.

Zuletzt hatte die Polizei erklärt, eine Straftat werde immer wahrscheinlicher. Die Fahnder haben eine eigene Ermittlungsgruppe „Wald“ gebildet, die zuletzt aus 30 Beamten bestand. Ein Verfahren wegen Entziehung Minderjähriger wurde eingeleitet.

Um die schnelle öffentliche Fahndung in solchen Fällen zu verbessern, hat sich die Initiative Vermisste Kinder dafür ausgesprochen, in Deutschland eine zentrale Spezialeinheit aufzubauen. In Polen etwa gebe es eigens eine Vermissteneinheit, sagte der Vereinsvorsitzende Lars Bruhns am Mittwoch. Diese könne auf ein landesweites Alarmsystem zurückgreifen, an das alle Rundfunksender angeschlossen seien. Gerade bei der Suche nach kleinen Kindern seien frühe Hinweise aus der Bevölkerung oft entscheidend. „Der Faktor Zeit ist bei der Suche das A und O“, sagte Bruhns.

Die Initiative hilft seit 1997 Eltern vermisster Kinder. Jedes Jahr werden nach Zahlen des Vereins in Deutschland 100.000 Kinder als vermisst gemeldet. In fast 100 Prozent der Fälle tauchten die Gesuchten innerhalb kürzester Zeit wohlbehalten wieder auf. Bei Inga ist das bisher nicht der Fall. Es seien weder Schreie gehört noch besondere Beobachtungen gemacht worden, sagte Polizeisprecher Marc Becher. Es gebe keine Fuß- oder Reifenspuren, keine Kampfspuren mit Tieren, keine verlorenen Gegenstände, keine abgeknickten Äste. Die Ermittler baten daher am Donnerstag erneut um Hinweise aus der Öffentlichkeit, auch über die direkte Umgebung von Stendal hinaus.

„Wir wollen alle Hinweise haben. Jedes noch so kleine Detail kann hilfreich sein“, sagte Becher. Die Zahl der bisherigen Hinweise gehe bereits in die Hunderte. Die Ermittlungsgruppe „Wald“ gehe ihnen allen nach. „Die Teams werten weiter von frühmorgens bis spätabends die Befragungen der Menschen vor Ort aus, sagte Becher. „Das ist eine Puzzlearbeit, die feinen Spürsinn erfordert.“ So sollen weitere Ermittlungsansätze gefunden werden. „Das Mädchen muss ja dort vor Ort verschwunden sein.“

Vermisstenfälle: Im Januar 2014 waren laut Bundeskriminalamt 6800 Menschen als vermisst gemeldet. Täglich werden jeweils etwa 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht. Erfahrungsgemäß werden 50 Prozent der Vermisstenfälle innerhalb einer Woche aufgeklärt. Innerhalb eines Monats liegt die Aufklärungsquote bei 80 Prozent. Der Anteil der Personen die länger vermisst bleiben, bewegt sich laut BKA bei drei Prozent. Die Hälte aller Vermissten sind Kinder und Jugendliche. Eine Personenfahndung bleibt bis zu 30 Jahren bestehen. Weitere Zahlen gibt es auf der Homepage des BKA.
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen