Zum 95. Geburtstag : Wir waren Schauder-Lehrlinge: Drei Erinnerungen an Otfried Preußlers Geschichten

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Drei Redakteure denken zurück ihre Zeit mit Pfefferpistolen und Rumpumpel. Preußlers Werk sitzt tief und bleibt ein Fest.

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20. Oktober 2018, 17:45 Uhr

Am ehutigen 20. Oktober wäre Otfried Preußler 95 Jahre geworden. Der Autor starb am 18. Februar 2013 in Prien am Chiemsee.

Unglaublich. Eindrucksvoll. Prägend.

Sie ist erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt – viel zu jung und unerfahren für eine Hexe. Aber sie hat Mumm. Sie weiß, was sie will. Und sie ist gut. Richtig gut. Das muss sie den anderen Hexen nur noch beweisen...

Wieder und wieder habe ich als Kind und später dann als vorlesende Erwachsene mit der „Kleinen Hexe“ von Otfried Preußler mitgefiebert. Ich habe ein klares Bild von ihr und Abraxas – den meine Schwester als Origami-Vogel auch einmal mit zum Karneval in die Schule nahm – vor Augen. Und spätestens seit wir drei Jahre in der Nähe des Harzes und damit quasi am Brocken lebten, weiß ich genau, welche Szenen sich da beim Hexen-Sabbath abgespielt haben müssen. Unglaublich. Eindrucksvoll. Prägend.

Kein Wunder, dass mein Exemplar dieses Kinderklassikers mittlerweile so zerlesen ist, dass meine Kinder es nur noch unter Aufsicht anfassen dürfen. Aber auch sie haben schon eine klare Vorstellung von Recht und richtig, wenn die Muhme Rumpumpel (– was für ein grandioser Name!) sie erschauern lässt. Kathrin Emse

Der lebendige Hotzenplotz

Die gespannte Stimmung in unserer selbst gebauten Höhle auf dem Spielplatz kann ich noch heute spüren, wenn ich an die warmen Sommertage mit dem Räuber Hotzenplotz zurückdenke. Anke, unsere Hort-Pädagogin, hatte ein großes Herz für die Kinderbuchklassiker. So kamen wir auch in den Genuss von Otfried Preußlers Kasperlgeschichte. Eng aneinander gepfercht saßen wir Grundschulkinder da in unserer mit dicken Wolldecken verdunkelten Lesehöhle, während Anke mit ihrer ausdrucksstarken Stimme von Kasperl, Seppel, Großmutter, Polizist, Zauberer und Hotzenplotz erzählte.

Nein, sie spielte die Dialoge regelrecht, verstellte ihre Stimme rau und grummelig, wenn der Räuber sprach, hoch und gebrochen, wenn das Großmütterchen um ihre gestohlene Kaffeemühle trauerte. War das Kapitel zu Ende, spielten wir es draußen einfach weiter. Da flog der Pfeffer aus Hotzenplotz’ Pistole, die Räuberhöhle nahm immer detailliertere Form an, Gefangene wurden genommen, Gefangene wurden befreit. Es war uns ein Fest. Merle Bornemann

Die wärmende Pfeffer

Rrrumsdich!  Papperlapapp! Au weh! Holla, Seppel! In seinen Geschichten rrrummst und stampft Otfried Preußler, schluchzt und heult und holterdiepoltert und vor allem: erzählt. Denn was für ein Erzähler! Ich weiß noch, wie gebannt und ergriffen ich als Jugendliche vom düsteren „Krabat“ war. Und wie begeistert, als ich Preußlers Klassiker nach so vielen Jahren – nun mit meinen eigenen Kindern – abermals las. Diese Sprache! Da hält sich der Mond hinter dichtem Gewölk verborgen, Zauberer Petrosilius Zwackelmann schnackelt mit den Fingern und das kleine Nachtgespenst, dessen Schluchzen schauerlich dumpf und traurig klingt, schläft in einer schweren, eisenbeschlagenen Truhe aus Eichenholz.

Es ist auch erstaunlich, wie die altmodische Sprache wärmt statt irritiert. Zwischen  Schutzmann und Schnupftabak, Klaubholz und Krämer, Bierkutscher und Buckelkorb, Kappellmeister und Knebelbart fühlt man sich geborgen – und schließlich stiebt aus des Räubers Pistole ja auch nur Pfeffer. Hatzi! Saperlott! Pfüüüüüüüitt! Oho!  Einfach toll. Sina Wilke

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