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Schwere Partnerwahl : Wer mit wem – Wo die Liebe hinfällt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Frühling haben „Schmetterlinge im Bauch“ Hochsaison. Deshalb heißt es: „Wir verlieben Sie!“ Warum die (richtige) Partnerwahl aber viel schwieriger ist und was Single-Börsen damit zu tun haben, erklärt Constanze Klein.

Flensburg | Laut der Evolutionsbiologie ist es total einfach mit der Liebe. Demnach wollen Männer seit Jahrtausenden nur das eine: Die Frau möglichst jung und schön, um den Fortbestand der Menschheit mit möglichst vielen Nachkommen mit 1-A-Erbgut zu garantieren. Frauen suchten dazu passend einen verlässlichen Partner mit Status und Einkommen – möglichst ausreichend für ein Haus, die kieferorthopädische Behandlung der Kinder und ein paar Designertaschen.

Studien bestätigen, dass Frauen sich vor allem zu Alpha-Männchen mit hohem Status hingezogen fühlen, also eher zum Arzt als zum Handwerker, während Männer sich häufiger statusmäßig ‚nach unten’ verlieben. Das erklärt Heiner Lauterbauch und seine Frau Victoria, Dieter Bohlen und Carina, Joschka Fischer und Minu. Aber nicht Angela Merkel und Joachim Sauer oder Michelle und Barack Obama oder Andre Agassi und Steffi Graf. Es gibt da offenbar noch etwas ganz anderes, das uns zusammenbringt, als nur der kategorische Imperativ der Gene „seid fruchtbar und mehret euch!“

Tatsächlich fanden Psychologen und Beziehungsforscher in unseren unbewussten Suchprofilen ein ganzes Sammelsurium von Erwartungen, Bedürfnissen und Wünschen, das sich schon ab früher Kindheit ausbildet und die Kriterien für die Rasterfahndung nach dem richtigen Partner bestimmt: Die Dominanz des Vaters, der Humor der Mutter, die Beziehung der Eltern, die Position im Geschwisterverband, das Milieu, aus dem wir stammen – das alles und noch viel mehr hinterlässt seine Spuren in unserem Beuteschema.

Wir suchen nicht die Unterschiede, sondern die Gleichheit in Kultur, Bildung, Milieu, Werten und bei der Attraktivität. Liebe wäre deshalb entgegen anders lautender Annahmen nicht dazu da, Grenzen zu überwinden, sondern im Gegenteil dazu, sich auch bei der Partnersuche in seinen biografischen Grenzen zu bewegen. Deshalb bleiben Akademiker und Hollywoodstars weitgehend unter sich, ist der Prettywoman-Geschichte nur im Kino ein Happy-End beschieden. Verständlich. Erstens ist es viel angenehmer, sich von seinem Partner bestätigen zu lassen, dass man auf der richtigen Seite des Lebens steht.

Zweitens erspart es einem eine Menge Dissonanzen, wenn etwa Professor Joachim Sauer mit seiner Frau Angela Merkel nicht erst darüber diskutieren muss, ob man heute gemeinsam Arte schaut oder ‚Germany’s next Topmodel’. „Partner sind im Allgemeinen umso zufriedener mit ihrer Beziehung, je mehr Ähnlichkeiten sie an sich wahrnehmen“, so auch Professor Hassebrauck in seinem Buch „Warum wir aufeinander fliegen“.

Und was ist mit den Gegensätzen, die sich doch angeblich anziehen sollen? Die gibt es durchaus. Aber auch sie sind meist ein Reaktion auf das Bekannte. Da sucht die überaus Disziplinierte beim ausgewiesenen Chaoten vielleicht die Retourkutsche für den überstrengen Vater. Oder einen Geburtshelfer für bislang nicht verwirklichte Träume. Manche wollen mit der Partnerwahl eben auch offene Rechnungen aus einem früheren Leben begleichen und binden sich gerade in dem Versuch, etwas ganz anderes zu tun an ihre Vergangenheit. Dann soll der andere vergangenes Unglück in ein Happy End verwandeln, ohne auch nur zu ahnen, welche Rolle ihm da zwangsverordnet wird. Eine Partnerwahl, der wenig Zukunft beschieden ist. Ausgenommen: Man wirft einmal einen kritischen Blick auf sein Beuteschema und hält sich an den Satz: Aus Erfahrung wird man klug. Das könnte der Beginn einer wunderbaren Beziehung und der Anfang vom Ende der ewigen Klage sein „wieso gerate ich eigentlich immer an die Falschen“, würde der Single noch ein paar weitere Eigenschaften für die erfolgreiche Suche mitbringen: Großzügigkeit, Toleranz, Milde.

Es ist schon erstaunlich: Fragt man Singles nach ihrem Beuteschema, steigen die meisten erstmal niedrig ein. Sagen, sie wünschten sich eigentlich nur einen Menschen zum Liebhaben, mit dem man sonntags im Bett frühstücken und alt werden kann. Erkundigt man sich jedoch nach den Details, zeigt sich oft eine Gnadenlosigkeit gegen die selbst das beinharte Auswahlverfahren bei ‚Germany’s next Topmodel’ wie ein Streichelzoo wirkt. Da sagt eine Freundin, sie erwarte ja nicht viel, bloß „einen sportlichen Typen, schon beruflich sehr erfolgreich, aber nicht so ein Workaholic. Er sollte fürsorglich sein, zuhören können und mich auch mal mit einem Wochenendtrip überraschen.“ Ein Freund, gleichfalls solo, findet, dass die Frau seiner Träume zwar ihr eigenes Geld verdienen müsste, aber damit nicht so beschäftigt sein darf „dass sie kein anderes Thema mehr kennt, als ihren Beruf“. Natürlich muss sie ‚toll aussehen, so vom Typ her ein wenig wie Angelina Jolie’. Klug sollte sie sein, aber nicht zwingend klüger als er. Dann wäre es noch schön, „sie wäre nicht so hardcore-emanzipiert und würde ab und zu auch mal was kochen oder mir einen Knopf annähen“.

Bei den meisten Frauen scheitern Kandidaten schon bei der Vorauswahl, bloß weil sie ein Bäuchlein haben und mit 1,75 Metern leider mindestens fünf Zentimeter entfernt sind vom Männer-Ideal: Groß, muskulös, dunkelhaarig. Auf der anderen Seite geht es auch nicht freundlicher zu. Da werden Frauen aussortiert, wenn sie etwas moppelig oder „viel zu alt“ – also bloß zwei Jahre jünger sind. Weil sie Kinder wollen und auch noch drüber reden oder mehr verdienen als er und ihren Beruf mindestens so ernst nehmen wie der Mann den seinen. Frustrationstoleranz? Nein Danke!! Und wozu auch: Es scheint ja ausreichend ‚Material’ zu geben.

Das täuschen jedenfalls die unendlich vielen Single-Online-Portale vor. Wozu sich mit Macken und kleinen Materialfehlern arrangieren, wo doch offenbar genug Nachschub in der Single-Etappe bereitsteht. So hat man mit seinen maximalen Ansprüchen gleich zwei Probleme: Einmal schränkt man die Auswahl unnötig ein. Zum anderen läuft man Gefahr, sich an den eigenen Maßstäben messen lassen zu müssen. Wer viel verlangt, muss mindestens ebenso viel zu bieten haben. Und nicht nur gleich am Anfang und bloß einen Abend. Hoch einzusteigen, bedeutet auch im weiteren Verlauf der Beziehung tunlichst auf der Höhe seines Versprechens zu bleiben, allzeit stabil, fröhlich, schön und in der Lage zu sein, ein emotionales Feuerwerk zu zünden. „Früher haben wir Paare beraten, die sich trennen wollten, weil die Beziehung zerrüttet war“, erklärte der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt einmal. „Heute sagen sie: Na ja, es ist nicht wirklich schlecht mit uns, aber vielleicht ist es mit einem anderen besser.“ Ja, vielleicht. Möglicherweise bleibt aber alles gleich, wenn es zur Regel wird, ständig die Ausnahme zu suchen. Weil man nichts ändert an den Ansprüchen, an der Einstellung. Dabei ist durchaus ein gewisses Problembewusstsein vorhanden. Als die Internet-Partneragentur Elite-Partner rund 10.000 Singles danach befragte, weshalb es eigentlich bislang nicht geklappt hatte mit dem Suchen und Finden der Liebe, lautete die häufigste Antwort: Ich bin zu anspruchsvoll.

Allerdings folgt darauf nicht die einzig zwingende Einsicht: Dass zuviel Perfektionsdrang entschieden weniger und oft auch die falsche Beute bringt. Denn was sagt es schon über die Beziehungsqualitäten eines Menschen, ob er ein Sixpack hat? Ob er unter 1,80 Meter misst oder Handwerker ist? Kommt es nicht auf ganz andere Dinge an? Oder – wie es Susanne Fröhlich einmal formuliert hat: „An schlimmen Klamotten kann man etwas ändern, an Dummheit nicht.“ Was man verpasst, wenn man den zweiten Blick auslässt und nicht wenigstens einmal ein Auge zudrückt – zeigte kürzlich eine Fernsehdokumentation über eine internationale Online-Single-Börse. Ein TV-Team begleitete eine Frau aus Kanada zu ihrem ersten Treffen mit ihrem Online-Flirt in New York.

Da stand dann also am vereinbarten Treffpunkt am Times-Square: Ein kleiner, rundlicher Mann, schlampig angezogen, mit Tennissocken in den Birkenstocksandalen. Ein Waldschrat auf Freiersfüßen. Diese Frau sah ihn bereits, bevor er sie entdeckte, und war entsetzt. Überlegte dann aber – der lange Weg, der Flug und wo man schon mal da war. Also entschied sie sich, wenigstens den Nachmittag mit ihm zu verbringen. Einige Wochen später besuchte das Fernsehteam die beiden erneut in New York. Und während sie erzählten, wie es so gelaufen war, hätte man als Zuschauerin am liebsten gesagt: „Packen Sie mir den ein. Ganz egal, wie viel Zoll er kostet.“ Dieser eher unscheinbare Mann, übrigens ein Opernsänger, hatte die wunderbarsten Seiten der Stadt für diese Frau aufgeblättert. Hatte die nettesten Dinge für sie getan, sie auf Händen getragen, sie mit Charme dermaßen eingewickelt, dass sie für ihn vermutlich sogar Daniel Craig stehen lassen würde. Ach ja, Tennissocken trug er auch nicht mehr.

Es ist immer einen Versuch wert, einmal genauer hinzuschauen. Auf die Persönlichkeit des anderen, nicht auf seine Birkenstocksandalen. Und nein: Das ist nicht dasselbe. Wenigstens einen kleinen Lebensbereich sollten wir frei halten vom Leistungsdenken, Effizienz und Optimierungswahn. So stellen wir sie uns doch eigentlich auch vor, die Liebe: Dass sie großmütig ist, tröstlich, dass wir uns in ihr aufgehoben fühlen. Auch und gerade dann, wenn wir einmal nicht in Bestform sind. Krank, alt, schwach. Dazu sollten wir uns mit der Idee anfreunden, dass es eben einfach nicht genug George Clooneys oder Angelina Jolies für alle gibt. Diesen Satz bitte unbedingt unterstreichen! Er kann dazu führen, dass man doch noch jemanden findet. Ja, sogar, wenn man über 50 ist.
 

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erstellt am 04.Mai.2014 | 09:29 Uhr

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