Die Problem-Bären : Was der Klimawandel aus Alaskas Bären macht

<p>Wie ihre braunen und schwarze Artgenossen sehen die Eisbären durch den Klimawandel ihre traditionellen Lebensräume bedroht.</p>

Wie ihre braunen und schwarze Artgenossen sehen die Eisbären durch den Klimawandel ihre traditionellen Lebensräume bedroht.

Der Klimawandel macht den Schwarz-, Braun- und Polar-Bären in Alaska zu schaffen. Immer häufiger kommt es zu Angriffen auf Menschen.

shz.de von
25. Dezember 2017, 16:55 Uhr

Anchorage | James Frederick (33) fuhr auf seinem Mountainbike mit seinem Freund Alex Ippolito (34) auf einer beliebten Radstrecke nahe des Clunie Sees im Südwesten Alaskas. Das letzte, woran er sich erinnern kann, war ein Rascheln im Unterholz. Dann riss ihn etwas mit großer Wucht vom Fahrrad. „Es ging alles ganz schnell“, sagt Fredrick, der Dank des furchtlosen Handelns seines Freundes den Angriff eines Braunbären überlebte. Geistesgegenwärtig zog Ippolito die Dose mit Pfefferspray und hielt sie auf den mächtigen Vierbeiner, der sich in den Wald davon machte. 

Am selben Juni-Wochenende griff im Turnagain Fjord hundert Kilometer südlich von Anchorage ein anderer Braunbär mit seinem Bärenjungen Joshua Brekken (45) an, der Feuerholz holte. Der Mann kletterte auf einen Baum, aus dem ihn der Bär herunterschüttelte. Glück im Unglück ließen die Bären den Verletzten am Boden dann unbeachtet zurück und trollten sich.

Viel ungewöhnlicher endeten im selben Monat zwei tödliche Schwarzbär-Angriffe bei einem Drei-Meilen-Lauf im „Chugach State Park“, östlich von Anchorage, sowie auf einen Geologen in der Nähe der „Pogo Mine“ im Norden der Metropole. In beiden Fällen lauerten die Bären ihren Opfern regelrecht auf.

Ranger: Klimawandel bringt den Rhythmus der Bären durcheinander

„Das ist extrem selten“, sagt Ken Marsh vom „Alaska Department of Fish and Game“. Genauer gesagt gibt es in den vergangenen 130 Jahren nur sechs dokumentierte Fälle tödlich endender Angriffe der sehr viel kleineren Schwarzbären. Kurz hintereinander zwei zu haben, gibt Wissenschaftlern, Rangers und Outdoor-Experten gleichermaßen Rätsel auf.

<p>Naturführer Rick Brown: „Der gefährlichste Bär ist ein hungriger Bär im Frühjahr.“</p>
Thomas J. Spang

Naturführer Rick Brown: „Der gefährlichste Bär ist ein hungriger Bär im Frühjahr.“

 

Der Naturführer Rick Brown (70), einer der erfahrensten im „Kenai National Park“ von Alaska, erklärt sich die Verhaltensänderungen mit dem Klimawandel. Die rapide Erwärmung der Arktis, die fast zwei Mal so schnell aufheizt wie der Rest des Planeten, bringe den natürlichen Rhythmus der Allesfresser durcheinander und bedrohe deren Lebenswelt.

„Weil der Schnee früher schmilzt, kehren die Bären aus ihrem Winterschlaf zurück, bevor die Vegetation ihnen genügend Nahrung bietet,“ sagt Brown. „Der gefährlichste Bär ist ein hungriger Bär im Frühjahr.“ Das andere Problem ergebe sich aus den durch den Klimawandel ausgelösten Wanderungen der Populationen.

Keine Tour ohne Bärenspray

Im „Kenai National Park“ zum Beispiel habe es früher viel mehr Schwarzbären gegeben. Diese würden nun zunehmend von den sehr viel größeren Braunbären verdrängt. „Die vertragen sich nicht“, weis Rick von den Revierkämpfen, die den Lebensraum der Schwarzbären veränderten, und diese deshalb auch gegenüber Menschen aggressiver machten.

<p>Gletscher-Tour in Alaska – auf gefährliche Begegnungen mit Bären sollte man vorbereitet sein.</p>
Thomas J. Spang

Gletscher-Tour in Alaska – auf gefährliche Begegnungen mit Bären sollte man vorbereitet sein.

 

Auf seinen Touren in die Gletscher zieht Rick nie ohne Bärenspray los, das stets griffbereit an seinem Holster baumelt. Rick stimmt mit den Rangern des Nationalparks überein, die es für keine gute Idee halten, auf Bären zu schießen. Jemand, der mit dem ersten Schuss nicht richtig treffe, mache das Tier bloß rasend. „Das endet meistens tödlich“, mahnt Brown.

Die Führer bei „Adventure 61“ trainieren den Einsatz des Sprays an „Yogi“-Bären aus Pappmaché. „Sie müssen wissen, was sie tun“, mahnt Rick. Das sagt auch Rangerin Laura Vaydenova, die meint, Touristen könnten nicht oft und drastisch genug auf das richtige Verhalten bei Bären-Kontakt hingewiesen werden. „Die Leute unterschätzen die Gefahr.“

„Wenn er sie fressen möchte, wird es Zeit, um ihr Leben zu kämpfen.“

Im „Kenai National Park“ schärfen Schilder den Parkbesuchern Umgangsregeln ein. Bei einer Begegnung mit einem Schwarzbären sollte man sich bemerkbar machen. „Sprechen sie ihn an. Langsam, nicht hektisch. Machen sie sich größer als sie sind und vermeiden direkten Blickkontakt.“ Die letzte Option sei der Einsatz von Pfefferspray.

Eindringlich der Rat bei einer Braunbär-Attacke. Mit bitterem Ernst raten die Experten, sich tot zu stellen. „Wenn er sie fressen möchte, wird es Zeit, um ihr Leben zu kämpfen.“

Noch einmal anders verhält es sich mit Eisbären, für die es im Südwesten Alaskas zu warm ist. Sie leben nördlich der Beringstraße in den Regionen jenseits des arktischen Kreises. Dort sind sie auf das Packeis angewiesen, das ihnen die Plattform für die Robbenjagd liefert. Wie ihre braunen und schwarze Artgenossen sehen die Eisbären durch den Klimawandel ihre traditionellen Lebensräume bedroht. Mit Rückwirkungen auf die Ureinwohner der Inupiat-Eskimo, für die sich, je nachdem wo sie leben, alles geändert hat.

<p>Inuit-Jäger Clifford Weiyouana.</p>
Thomas J. Spang

Inuit-Jäger Clifford Weiyouana.

 

Scheinwerfer und Feuerwerk verjagen Eisbären

Zum Beispiel Clifford Weiyouana (75), ein erfahrener Jäger auf Shishmaref, einer vorgelagerten Insel in der Tschuschken-See. „Ich habe in meinem Leben sechs Eisbären erlegt“, erinnert sich der Ureinwohner stolz. Weil das Eis im Frühjahr früher taue und sich im Herbst später forme, seien die Tiere weiter in den Norden gezogen. „Sie kommen nur noch selten.“

Dafür werden sie andernorts, wie im Örtchen Kaktovik, hoch oben im Norden Alaskas, zur Plage. Manchmal streifen im Herbst bis zu 80 Eisbären in der Umgebung des Walfänger-Dorfs, in der Hoffnung, die am Strand hinterlassenen Reste der ausgeweideten Meeressäuger auffressen zu können. Statt draußen auf dem Eis zu sein, ziehen die Eisbären nun auf das Land und werden immer öfter auch zu einer Bedrohung der Menschen. 

Der Eisbär, der vor zehn Jahren in Al Gore’s Film „An Inconvenient Truth“ im Eismeer nach der Scholle sucht, ist zehn Jahre später vielerorts in Alaska auf dem Festland zum Problembären geworden. Und wird von Patrouillen mit Scheinwerfern und Feuerwerk verjagt. Alles andere könnte tödlich enden.

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