Interview zum Weltwettertag : Was das Wetter mit Wetterfühligen macht

<p>Frühlingswetter löst bei vielen Menschen positive Gefühle aus. Doch wenn es wechselt, kann das für Wetterfühlige unangenehm werden.</p>

Frühlingswetter löst bei vielen Menschen positive Gefühle aus. Doch wenn es wechselt, kann das für Wetterfühlige unangenehm werden.

Wetterfühlige Menschen reagieren besonders sensibel auf Umschwünge. Warum, erklärt Biometeorologe Andreas Matzarakis.

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22. März 2017, 17:10 Uhr

Flensburg/Freiburg | Wenn sich das Wetter ändert, spüren das viele Menschen bereits vorher, manche haben sogar Schmerzen. Zum Weltwettertag durchleuchtet shz.de das Phänomen der Wetterfühligkeit. Andreas Matzarakis, Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg, beantwortet dazu die wichtigsten Fragen. Der Biometeorologe, der sich bei seiner Arbeit überwiegend mit den Auswirkungen der Atmosphäre auf die lebendige Umwelt, schwerpunktmäßig auf den Menschen, beschäftigt, sagt, ob uns Wetterwechsel krank machen können, welchen Einfluss der Klimawandel auf die Wetterfühligkeit hat und wie Betroffene ihre schmerzhaften Symptome lindern können.

Forscher befragen immer wieder Menschen zum Thema Wetterfühligkeit. Vor etwa drei Jahren stellten sie in einer Studie fest, dass die Hälfte aller Menschen in Deutschland wetterfühlig ist. Ein Teil von ihnen spürt sogar Wetterveränderungen an einzelnen Körperstellen. Ihnen schmerzen bei bestimmten Wetterlagen etwa Narben oder Gelenke.

Das Interview mit Andreas Matzarakis


Können uns Wetterwechsel krank machen?

Um diese Frage zu beantworten, muss zwischen den Auswirkungen der Atmosphäre auf den Menschen unterschieden werden. So gibt es Schadstoffe in der Luft, die eingeatmet werden und nachteilig für die Gesundheit sein können. Auch auf Hitze und Kälte reagiert der menschliche Organismus unterschiedlich. Zudem kann die Nahrung für die Gesundheit förderlich oder abträglich sein. Gleiches gilt für die biologische Wirkung der UV-Strahlung. Zu viel Sonneneinstrahlung etwa kann zu Hautveränderungen führen.

Auf Temperatur- und Wetteränderungen reagiert der Körper mit Regulationen des vegetativen Nervensystems, die unter anderem auch Auswirkungen auf das hormonelle Geschehen haben. Inwiefern ist meist abhängig davon, wie sich der Mensch fühlt und verhält.

So kann man sagen, dass Wetterwechsel generell nicht krank machen. Allerdings können individuelle Faktoren wie zum Beispiel Stress oder wenig Schlaf sich in dieser Hinsicht negativ auswirken und vorhandene Beschwerden verstärken. Problematisch kann es auch werden, wenn durch Erkrankungen die Regulationsfähigkeit eingeschränkt ist oder eine Abweichung von der Norm der Regulation besteht, zum Beispiel zu niedriger oder auch zu hoher Blutdruck.

<p>Bei Wetterfühlingen können Wetterumschwünge oder extreme Wetterlagen starke Kopfschmerzen hervorrufen.</p>
dpa

Bei Wetterfühlingen können Wetterumschwünge oder extreme Wetterlagen starke Kopfschmerzen hervorrufen.

 

Wie reagieren Menschen allgemein aufs Wetter?

Reaktionen des Menschen auf das Wetter lassen sich nach drei Arten unterscheiden.

Wetteragierende Jeder Mensch reagiert auf das Wetter. Zum Beispiel indem er schwitzt, wenn die Temperaturen plötzlich steigen, oder indem er friert, wenn es kalt wird. Der Körper passt sich so der Wettersituation an.
Wetterfühlige Ist es im Herbst wochenlang kalt, grau und regnerisch, fühlen sich einige Leute müde und schlapp. Ihr Körper und Laune reagieren auf das Wetter. Studien haben gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland zu den Wetterfühligen gehört. Bei diesen Menschen können Wetterumschwünge, etwa der Wechsel von einer Warm- zur Kaltfront, genau wie extreme Wetterlagen Befindlichkeitsstörungen auslösen (zum Beispiel Kopfschmerzen oder Kreislaufbeschwerden), auch wenn sie ansonsten gesund sind. 
Wetterempfindliche Dies betrifft etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Bei ihnen können extreme Wetterlagen oder Wetterwechsel die Symptome vorhandener Krankheiten verstärken, etwa Gelenkschmerzen bei Rheuma oder Atembeschwerden bei chronischer Bronchitis.


Ist Wetterfühlig- oder empfindsamkeit gefährlich?

Für die Betroffenen kann das unangenehm und belastend sein. Wie bereits beschrieben, kann es gefährlich werden, wenn man sich nicht richtig verhält.

Haben die Symptome für Wetterfühligkeit zugenommen?

Der Anteil der Wetterfühligen liegt immer bei knapp 50 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bei wetterempfindlichen Menschen schwankt es um die 15 Prozent.

Wie entstehen die Symptome?

Ursächlich sind Irritationen im vegetativen Nervensystem, die in bestimmten Wettersituationen auftreten. Was genau dahinter steckt und wie es funktioniert, wissen wir aber noch nicht.

Was kann die Wetterfühligkeit verstärken?

Eine Krankheit, Stress und Schlafmangel können sich negativ auswirken. Auch die Fitness und der aktuelle Gesundheitszustand spielen eine Rolle.

Wie verhalten sich Wetter und menschlicher Organismus zueinander?

Besonders die kurzfristigen Änderungen im Wetterablauf sind ein Stressor für den Organismus, da sie eine Anpassung verlangen; man spricht von der Biotropie des Wetters. Darunter ist die Wirkung aller das Wetter charakterisierenden, meteorologischen Elemente als Akkord auf den menschlichen Organismus zu verstehen. Diese Akkordwirkung ist besonders ausgeprägt im Bereich markanter Wetteränderungen, also im Übergangsbereich zwischen einem abziehenden oder sich abschwächenden Hochdruckgebiet und einem herannahenden Tief, beim Durchzug von Warm- und Kaltfront sowie auf der Rückseite eines abziehenden Tiefdruckgebietes.

Wann wird der menschliche Körper am stärksten vom Wetter beeinflusst - und wann am geringsten?

Die stärksten Wettereinflüsse auf die Gesundheit lassen sich bei starken Wetteränderungen feststellen. Je stärker die Wetteränderung, desto größer sind auch die Auswirkungen auf die Gesundheit. Am geringsten ist die negative Beeinflussung der menschlichen Gesundheit im Bereich eines Hochdruckzentrums, sofern gleichzeitig keine thermische oder lufthygienische Belastung vorliegt.

Wie unterscheidet sich die Wetterfühligkeit bei kaltem und bei warmen Wetter?

Bei warmen Wetter funktioniert es ein bisschen besser. Schwieriger wird es in kalten Situationen. Der Körper muss mehr arbeiten, um Energie zu produzieren, dadurch ist er anfälliger.

Welche Auswirkungen hat ein Föhnwind auf die Wetterfühligkeit?

Ein Föhn wirkt sich anfangs positiv auf die Wetterfühligkeit aus, dann wechselt es allerdings ins Negative.

Warum sind einige Menschen wetterfühlig und andere nicht?

Dafür sind individuelle Faktoren ausschlaggebend, etwa die Empfindsamkeit und auch die Wahrnehmung.

Sind auch Tiere wetterfühlig?

Tiere verhalten sich sehr intuitiv und reagieren deshalb wahrscheinlich auch auf Wetterveränderungen. Man kann deshalb sagen, dass Tiere wetteragierend sind.

Hat der Klimawandel einen Einfluss auf die Wetterfühligkeit?

Es gibt es wissenschaftliche Studien zum Klimawandel, die gezeigt haben, dass Situationen mit besonderen Wetterlagen, bei denen negative Effekte auftreten, zunehmen werden. Das würde bedeuten, dass auch die Wetterfühligkeit noch mehr wird. Zudem wird die Hitzebelastung durch die Erderwärmung stärker werden, das fördert wiederrum die Wetterfühligkeit.

Können Sfercis, als schwache elektromagnetische Impulse, Auslöser für Wetterfühligkeit sein?

Bis jetzt wurde dazu noch kein Nachweis erbracht.

Was sind die neuesten Erkenntnisse der Forschung zur Wetterfühligkeit?

Derzeit gibt es keine bahnbrechend neue Erkenntnisse auf diesem Feld. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass atmosphärische Elemente nicht nur draußen, sondern auch im Innenraum, wo Beschwerden eigentlich aufhören sollten, wirken. Auch Veränderungen des Luftdrucks in kleinen zeitlichen Schritten, die etwa im Minuten- und Sekundenbereich liegen, machen etwas aus. Wie genau das funktioniert, wissen wir aber noch nicht.

Was können Betroffene gegen Wetterfühligkeit unternehmen?

Um besser gegen Wetterwechsel gewappnet zu sein. sollten gesunde Ewachsene versuchen, ihren Körper abzuhärten. Dafür bietet es sich an bei jedem Wetter – außer bei Sturm oder Gewitter – täglich eine halbe Stunde raus an die frische Luft zu gehen. Dadurch lernt der Organismus, sich an Temperaturänderungen anzupassen. Auch Wechselduschen können helfen, die Anpassungsfähigkeit zu trainieren.

Anders als gesunde Menschen, müssen chronisch Kranke und Ältere umsichtiger vorgehen. Sie sollten mit einem Arzt abklären, was sie am besten tun können.

Wer aufgrund von Stress sensibel auf das Wetter reagiert, kann sich möglicherweise mit Entspannungsmethoden behelfen, auch eine ausgewogene Ernährung hilft, den Körper fit zu halten.

Der Deutsche Wetterdienst gibt täglich Gefahrenindizes für Wetterfühlige heraus, die man sich auf einer Karte anschauen kann

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