Fake News : Warum der Kampf gegen Falschmeldungen überfordert

Demonstration für die Pressefreiheit im März 2017 in New York.
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Demonstration für die Pressefreiheit im März 2017 in New York.

Der Kampf gegen Fake News ist eine Herausforderung. Doch wer soll die Verantwortung tragen: Politik oder Unternehmen? Und wer überwacht dann die Wächter der Wahrheit?

Medienexperte Stephan Richter.    von
09. Juni 2017, 19:21 Uhr

Das Internet hat in der schriftlichen Kommunikation alles verändert. Auf die schnell in Smartphone oder PC getippte Mitteilung folgt die ebenso rasche Verbreitung der Nachricht, wobei der Kreis der Empfänger oft ungleich größer ist als beim klassischen Brief oder der Postkarte. Was in den auf Papier festgehaltenen Botschaften stand, entzog sich weitgehend der Öffentlichkeit. Wie viele Falschmeldungen deshalb auf alt hergebrachte Weise in den Umlauf gebracht wurden, wissen wir nicht. Heute wird ein Großteil der Kommunikation auf offenem Markt ausgetragen. So entsteht der Eindruck, als seien „Fake News“ ein neues Phänomen.

Für offene Gesellschaften sind die „Fake News“ ein doppelte Herausforderungen. Demokratien müssen stark genug sein, um mit ihnen fertig zu werden, ohne die Presse- und Meinungsfreiheit aufs Spiel zu setzen. Der Rechtsstaat muss daneben konsequent gegen Gesetzesverstöße vorgehen. Das gilt nicht nur für Falschmeldungen, sondern auch für Hass-Mails.

Vor allem in der politischen Kommunikation herrscht Aufregung. Dabei gehörte die Verbreitung von Unwahrheiten schon immer zum Machtspiel. Doch jetzt, da die Verbreitung von Falschmeldungen nicht mehr steuerbar scheint, wird nach breiter Aufklärung gerufen. Schön und gut. Oft aber sind populistische Aussagen über Klima, soziale Ungleichheit oder Religion und Gewalt nicht mit zwei Sätzen zu widerlegen. Zumal es meist nicht nur eine Wahrheit gibt. Selbst die Wissenschaft, so der Physiker und Philosoph Marco Wehr, wird zunehmend von den Datenmengen irritiert, die Computer zu erzeugen vermögen. Sie machen Berechnungen möglich, die dem Menschen per Kopf nie möglich wären – die er dann aber auch ungeprüft glauben muss.

Beim Kampf gegen die „Fake News“ gibt es zudem, wie der französische Soziologe Didier Eribon beschrieben hat, gesellschaftliche Gruppen, die keine oder nur wenig Lust am Lernen, an der Frage haben, ob etwas richtig oder falsch ist. Wissensdurst, so Eribon, hänge stark von der gesellschaftlichen Umgebung und sozialen Zugehörigkeit ab. Wer diese Erkenntnis ernst nimmt, wird weniger gegen einzelne Falschmeldungen anrennen so wie einst Don Quichotte gegen Windmühlen. Er muss vielmehr auf Bildung setzen. Bildung, die alle sozialen Schichten erreicht und Menschen in die Lage versetzt, sich selbst ein Urteil über einzelne Nachrichten zu bilden.

Gefühl der Machtlosigkeit

Die breite Empörung über „Fake News“ mag allerdings auch etwas mit einem Gefühl der Machtlosigkeit zu tun haben. Gegen offenkundig falsche Behauptungen oder „alternative Fakten“ kann sich der Mensch wehren. Falschmeldungen lassen sich mit empirischen Mitteln, mit wissenschaftlicher Erkenntnis enttarnen. Wie aber der eigentlichen Gefahr politischer Stimmungsmache und Beeinflussung der öffentlichen Meinung begegnen, die klammheimlich erfolgt – zum Beispiel durch Geheimdienste und kriminelle Machenschaften? Wäre die Aufdeckung solcher Machenschaften einfach, wüsste man längst, ob Russland bei der Wahl des neuen US-Präsidenten die Finger im Spiel hatte oder nicht. Selbst Suchmaschinen wie Google, denen die meisten blind vertrauen, können Ergebnisse verfälschen, ohne dass der Nutzer es merkt. Hier liegt die viel größere Gefahr der Irreführung als in der plumpen Verbreitung falscher Sachverhalte. So lässt Chinas Staatsrat gerade von 20.000 Autoren ein eigenes Wikipedia schreiben, weil den Mächtigen das westliche Internetlexikon nicht passt und Zensoren es regelmäßig sperren.

Zurück zum Post-Zeitalter. Briefe oder Ansichtskarten waren keine Massensendungen, sondern Unikate. Wurden die persönlichen Botschaften handgeschrieben, achteten die Absender auf Schönschrift – und natürlich auf die Rechtschreibung. Bei der schnellen Internet-Kommunikation ist das anders. Allein schon wegen der täglichen Flut von Mitteilungen bleibt keine Zeit, sorgfältig eine Antwort zu formulieren und dabei nicht nur den Inhalt, sondern auch die Sprache und die korrekte Schreibweise im Blick zu behalten. Entweder, das automatische Korrekturprogramm hilft, oder es wird gleich mit Abkürzungen und Bildschriftzeichen – Emoji-Piktogrammen – gearbeitet. Ach ja, und schnell noch ein Foto dazu. Dann muss nicht so viel geschrieben werden. Ein BG (steht für „Beste Grüße“) reicht.

So hat sich die Schlagzahl versendeter Nachrichten nicht nur in einem atemberaubenden Maße erhöht. Kein Logistikunternehmen der Welt könnte noch die unzähligen E-Mails, Twitter- oder Whatsapp-Nachrichten mit dem Postboten zustellen. Dass die Mitteilungen immer häufiger Rechtschreibfehler enthalten, fällt gar nicht mehr auf. Der Empfänger weiß ja, was gemeint ist.

Schnelligkeit vor Genauigkeit

Wo aber die äußere Form einer Botschaft nicht mehr ganz so wichtig erscheint, stellt sich die Frage, wie genau es die Absender mit dem Inhalt nehmen. Dass viele Mitteilungen so banal sind, dass man für sie zu Post-Zeiten keine Briefmarke ausgegeben hätte, ist die eine Seite. Die andere Seite betrifft alle jene Nachrichten, die spontan verfasst werden. Solche subjektiven Momentaufnahmen in sprachlicher Form oder gern auch als Smartphone-Foto oder – Video können schon deshalb ungewollt zu Falschmeldungen mutieren, weil jede Reflexion fehlt. Schnelligkeit vor Genauigkeit.

Der Eindruck, das heute viel mehr Falschmeldungen als zu früheren Zeiten im Umlauf sind, hat also keineswegs nur mit der Zunahme populistischer Bewegungen zu tun. Es ist schlicht auch eine Frage der Menge verbreiteter Nachrichten. In Anlehnung an den großen Mathematiker Carl Friedrich Gauß wurde in Wissenschaft und Technik der Begriff der Gaußschen Normalverteilung geprägt. Danach gibt es bei Prozessen, die von unabhängigen Faktoren überlagert werden, stets Abweichungen. Gerade bei Kommunikationsprozessen sind die äußeren Einflüsse groß – man denke an die aktuelle Massenpanik in Turin während des Fußball-Champions-League-Finales. Entsprechend nehmen mit der wachsenden Nachrichtenflut frei nach Gauß die „Streuverluste“ – sprich die Falschmeldungen – zu. Gleiches gilt übrigens auch für die klassischen Medien. Oft berichten professionelle Journalisten „live“ von Schauplätzen, ohne dass die Ereignisse bereits umfänglich bekannt und Einschätzungen möglich sind. Wissen wird durch Vermutungen ersetzt. Das alles macht die Flut von Falschmeldungen nicht besser, erklärt aber einiges.

Das Internet ist weder ein rechtsfreier Raum noch die Spielwiese für Unternehmen wie Facebook oder Google. Wenn Bundesjustizminister Heiko Maas die Verbreitung von Hass-Nachrichten und Falschmeldungen mit einem Gesetz bekämpfen will, das sozialen Netzwerken vorschreibt, offenkundig strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu löschen, dann ist dies eigentlich selbstverständlich. Die andere Seite betrifft die Frage der Deutungshoheit. Wer entscheidet über „richtig“ oder „falsch“? Und noch wichtiger: Wer kontrolliert – der Staat oder Internetkonzerne sich selbst?

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