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Aktiv in SH : Wandern in SH und der Welt: Draußen ist das neue Drinnen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es gibt eine neue Lust am Draußensein: Sie wandern vor der eigenen Haustür oder suchen das Abenteuer.

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2017 | 16:07 Uhr

Bernhard Petersen ist schon viermal um die Welt gewandert. Gerade hat er die 167.000 Kilometer geknackt, mit 79 Jahren. 100 Kilometer pro Woche schafft er, bei gutem Wetter auch mehr.

Wandern sei wie eine Sucht, sagt er, eine Sucht nach Kilometern, die er in seinen Wanderpass eintragen kann, nach neuen Orten, an denen er noch nie gewesen ist. Und eine Sucht nach Freiheit. Denn jeder Schritt mache den Kopf frei und lasse ihn wieder klar denken. „Manchmal stehe ich morgens auf und kann mich selbst nicht leiden. Dann gehe ich ein paar Stunden Wandern und hinterher ist alles wieder gut.“ Petersen lacht. Der 79-Jährige ist gertenschlank, braungebrannt und immer gut drauf. „Für mich gibt es nichts Schöneres als Wandern: Man hält sich fit, man trifft so viele Leute und das Beste ist, dass man immer draußen an der frischen Luft ist“, sagt er.

Dieses Gefühl des Draußenseins erlebt gerade einen Boom. Statt für zwei Wochen All-Inclusive-Urlaub auf Mallorca entscheiden sich immer mehr junge Menschen für einen Campingtrip in den Bergen. Sie wandern durch die Natur, schlafen auf Isomatten und löffeln gefriergetrocknete Spaghetti-Bolo aus dem Plastikbeutel. Die Camping-Industrie hat dafür ein Wort erfunden: Outdoor.

Angefangen hat es vermutlich 2002, als der Funktionskleidungs-Hersteller Jack Wolfskin eine neue Werbekampagne startete: „Draußen zu Hause“ lautete der Slogan, der mit sportlichen Models in Wanderstiefeln und Wollmützen und Fotos von malerischen Berggipfeln oder verlassenen Pfaden im Urwald das verstaubte Image des Unternehmens aufmöbelte. Bekannt war Jack Wolfskin bis dahin eher bei Abenteuerreisenden und Naturliebhabern. Plötzlich sah man sie überall, die bunten Funktionsjacken mit der Tatze: in der U-Bahn, auf dem Schulhof, im Büro. Das Unternehnmen hatte mit seiner Kampagne einen Nerv getroffen, sie sprach die Sehnsucht der Menschen nach Abenteuer und Freiheit an. Raus aus dem Alltag, rein ins Leben.

In den darauffolgenden Jahren explodierte die Branche, die Umsätze schnellten nach oben. Zielgruppe war und ist vor allem die jüngere Generation der 20-40-Jährigen mit gutem Einkommen und unbändigem Tatendrang. Denn anders als in Ländern wie Österreich oder den USA haben Wandern, Camping und Natursport lange ein Nischendasein in Deutschland gefristet.

Doch das war nicht immer so. Bernhard Petersen kann sich noch gut daran erinnern, wie Ende der 1970er die Wanderbewegung in Deutschland ankam. „Damals waren alle ganz verrückt aufs Wandern“, erinnert er sich, „da kam immer die ganze Familie mit, mit Kind und Kegel.“ In dieser Zeit wurden viele Wandervereine gegründet, darunter auch die Wanderfreunde Lindewitt. Petersen ist Erster Vorsitzender.

Zusammen mit seinen Kollegen richtet er an diesem Tag die 135. Internationale Volkswanderung aus. Bis zu 40 solcher Tage veranstaltet der Deutsche Volkssportverband (DVV) als Dachverband im Jahr. Ausrichter ist jedes Mal ein anderer Verein, so dass die Strecken in ganz Deutschland verteilt sind. Die Lindewitter haben sich für Großenwiehe entschieden.

Auf fünf oder zehn Kilometern geht es vorbei an Maisfeldern, Wiesen, über Brücken und durch Wohngebiete. Schon von weitem sieht man ganze Heerscharen von Menschen mit Trekking-Westen und Nordic-Walking-Stöcken durch die Straßen pilgern, immer den kleinen roten Pfeilen hinterher, die die offizielle Strecke markieren. Sie schwatzen und lachen, klönen und erfreuen sich an der schönen Landschaft. Fast keiner von ihnen ist unter 60. „Die jungen Leute interessieren sich nicht fürs Wandern“, klagt Petersen. Der Verein hat, wie so viele andere, Probleme, neue Mitglieder zu gewinnen.

Ortswechsel. In einem kleinen schottischen Pub in der Nähe des berühmten Loch Ness lässt Esther ihre Wanderstiefel vor dem knisternden Kaminfeuer trocknen. 17 Kilometer ist die 24-Jährige heute gewandert, die meiste Zeit des Tages hat es geregnet, die Füße tun weh. Zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Vater verbringt sie zehn Tage auf dem West Highland Way, ein Fernwanderweg in den schottischen Highlands.

1300 Euro hat jeder von ihnen gezahlt, um 154 Kilometer zu Fuß von Milngavie bei Glasgow nach Fort Williams zu laufen. 1300 Euro für durchnässte Kleidung, Blasen an den Füßen, Mückenstiche und Muskelkater. Dafür wird das schwere Gepäck mit einem Bus zum nächsten Zwischenstopp gefahren. „Manchmal frage ich mich schon, warum ich das eigentlich mache. Ich hätte ja auch zwei Wochen nach Thailand fliegen können“, sagt sie und lacht. „Wir wollten dieses Mal richtig was vom Land sehen“, erklärt ihr Bruder, der im letzten Jahr eine Pauschalreise mit dem Bus gemacht hatte. „Das war nur: anhalten, aussteigen, Fotos machen und weiter. Da hast du gar keine Zeit, die Natur zu genießen.“

Der Wandertrip war ein Geschenk der beiden Geschwister für den Vater zum 60. Geburtstag. Der sieht trotz seines Alters und gemütlicher Statur noch recht fit aus. „Ich gehe eben ein bisschen langsamer und mache viele Pausen“, sagt er. Er habe ja schließlich keinen Stress, so wie viele andere auf dem Weg, die täglich an ihnen vorbeirasten als hinge „ihr Leben davon ab“. Das Credo: Immer schneller, immer weiter, immer extremer.

Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum Wandervereine wie der von Bernhard Petersen trotz des Outdoor-Booms bald aussterben werden. Denn andern vor der Haustür ist heute nicht mehr genug, es fehlt die Exotik, das Besondere.

„Guck mal, wie schön das hier ist“, sagt Brigitte. Zusammen mit ihrer Freundin Sabine wandert sie heute beim 35. Internationalen Volkswandertag in Großenwiehe mit. Seit zehn Jahren sind sie dabei, machen fast jede Wanderung mit, die angeboten wird. „Wie viel wir durch das Wandern schon von Deutschland gesehen haben“, sagt sie. Die Kilometer im Wanderpass sind ihr dabei nicht wichtig. Es gebe viele Vereinskollegen, die in ihrer Freizeit nur noch Wanderwege liefen, die auch im Verzeichnis des DVV aufgelistet sind. Für die Stempel. Brigitte hat ihre eigene Meinung dazu: „Es geht doch darum, dass man draußen in der Natur ist und Spaß hat und viele neue Menschen kennenlernt. Nicht darum, der Beste oder der Schnellste zu sein.“

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