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Von 1957 bis heute : Wahlwerbespots: Kurios, stockernst und niedlich

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Ob Europa- oder Bundestagswahl: Die Parteien setzen auf Wahlwerbung in Bewegtbildern. shz.de wirft einen Blick zurück in die Geschichte des Stimmenfangs. Es wird nicht nur kurios.

Wer in diesen Tagen den Fernseher einschaltet, kommt kaum drum herum: Vor der Europawahl am 25. Mai gehen die Parteien mit ihren Wahlwerbespots auf Sendung. Die Videos – veröffentlicht im TV und auch im Internet – sollen die Wähler von ihren Ideen überzeugen. Das Prinzip ist nicht neu. Schon seit Jahrzehnten setzen die Parteien auf Bewegtbilder, um auf Stimmenfang zu gehen. Ein Blick in die Geschichte lohnt sich.  

Die CDU setzt im Jahr 1957 vor der Bundestagswahl voll und ganz auf Konrad Adenauer – umgesetzt wird die Wahlwerbung mit einem Zeichentrickfilm. Ganz genau: Der Kanzler als Cartoon-Figur. Aus heutiger Sicht undenkbar. Die Botschaft lautet aber genauso wie die der Spots von heute: Wählt uns! Und die Lage ist ernst, versichert die Stimme in dem Drei-Minuten-Filmchen. „Alles steht auf dem Spiel. Drum sorgt, dass es beim Alten bleibt!“, heißt es aus dem Off.

 

Konrad Adenauer wird als Kanzler bestätigt, die Union gewinnt die Wahl deutlich mit 50,2 Prozent der Stimmen. Vier Jahre später schickt die SPD Willy Brandt gegen den CDU-Kanzler ins Rennen. Der Wahlwerbespot der SPD fällt vor allem durch seine Länge auf. Ganze zehn Minuten wird der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin vorgestellt. Privates und Berufliches werden miteinander vermischt. Der Kanzlerkandidat wird als Teamplayer vorgestellt, seine Zigarette begleitet ihn im Gespräch mit Mitarbeitern. Aber „Zeit für Besinnung und Ablenkung“ muss auch sein – unter anderem beim Angeln und Kanufahren. „Die Zeit ist da“, sagt eine entschlossene Stimme am Ende des Spots, „für Deutschlands Zukunft Willy Brandt“. Daraus wird bekanntlich zunächst nichts. Adenauer regiert noch bis 1963 weiter, Brandts Stunde schlägt 1969.

 

Auch spannend: Ein junger Hans-Dietrich Genscher wirbt Ende der 1960er Jahre für die „politischen Gedanken der FDP“. Viel Geld hat das Video damals nicht kosten können. Die Partei konzentriert sich auf das Wesentliche.

 

Geburtstag in trauter Familienrunde: Hans wird 13 Jahre alt und pustet glücklich die Kerzen auf seiner Torte aus. Er und seine Familie – von Schwester bis Großeltern – können sich freuen, dass die CDU wieder an der Regierung ist. So lautet zumindest die Botschaft dieses Videos vor der Bundestagswahl 1983. „Mit der CDU sind die Weichen gestellt für den Weg aus der Krise“, sagt eine Männerstimme aus dem Off, während die Familie genüsslich den Kuchen verspeist und Flötenmusik die Zufriedenheit unterstreicht.

 

Ein Jahr später steht die Europawahl auf dem Programm. Auch hier will die CDU natürlich auf Stimmenfang gehen: „Schon Konrad Adenauer setzt auf ein geeintes Europa. Jeder sechste Arbeitsplatz hängt von Europa ab. Jede Stimme für die CDU ist eine Stimme für Europa.“ So lauten die Botschaften der CDU aus dem Jahr 1984. Ach ja, eine Französin wird auch noch interviewt.

 

Erinnern Sie sich noch an Rudolf Scharping? Der heutige Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer tritt 1994 bei der Bundestagswahl gegen Helmut Kohl an. Erfolglos. Dabei hatte sich die SPD doch so viel Mühe gegeben mit der Wahlwerbung. Es ist doch alles dabei: Klaviermusik, Scharpings Mutter spricht liebevoll über den Sohnemann, seine Ehefrau erinnert sich an das Kennenlernen und Videos der gemeinsamen Kinder spielen die Emotions-Karte aus.

 

„Ich bitte Sie: Wählen Sie die Grünen“, ruft Joschka Fischer den Zuschauern vor der Bundestagswahl 2005 zu. Doch nach sieben Jahren Rot-Grün ist es wieder Zeit für einen Wechsel im Kanzleramt. Dass der Aufruf nicht hilft, hätte man schon erahnen können: Der damalige Außenminister sitzt einsam auf einer Wiese. Kuhglocken läuten. Der Grünen-Politiker blickt in die Ferne.

 

Nächste Woche sind Europawahlen. Und auch „Die Partei“ – gegründet von Satiriker Martin Sonneborn – gibt seinen Senf dazu. Mit ihrem Wahlwerbespot zur Europawahl 2014 ruft sie zu... ja, wozu ruft sie eigentlich auf?! Der Partei ist Europa egal, aber: Ja zu Europa. Und: Nein zu Europa. Vielleicht doch lieber am 25. Mai einen Porno gucken? Weitere Fragen und Antworten:

 

 

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erstellt am 16.Mai.2014 | 06:00 Uhr

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