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Vom Umgang mit Tod und Ewigkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 23.Nov.2014 | 13:46 Uhr

Der demografische Wandel verändert den Tod und nicht nur das Leben. Wenn die Generationen, die schon die Ehe, das Verhältnis der Geschlechter und den Begriff der Toleranz umkrempelten, erstmal ihre vielen Alten unter die Erde bringen, wird das den Umgang mit dem Tod gar revolutionieren. Dafür muss man kein Prophet sein. Trauerrituale, Gedenken, Friedhofskultur – schon in ein paar Jahren wird alles anders sein.

Tod und Sterben sind derzeit noch an den Rand des gesellschaftlichen Lebens verbannt. Der Tod ist eine leise, verdruckste, schamhafte Angelegenheit, die Freunde und Angehörige des Sterbenden oft einfach nur über die Bühne bringen wollen. „Hoffentlich hat er/sie es bald hinter sich“ meint nicht selten etwas ganz anderes: „Hoffentlich haben wir es bald hinter uns.“


Schattenseite der Leistungsgesellschaft


Wohlgemerkt: Das wird nicht immer so sein. Aber die Hilflosigkeit im Umgang mit Todgeweihten und dem, was da kommen wird, ist in einer glücklicherweise wenig jenseitsbezogenen Leistungsgesellschaft deutlich spürbar. Deren Schattenseite ist, dass der Tod in ihr keinen Wert hat und, zugespitzt gesagt, nur noch ein Entsorgungsproblem darstellt – nicht erst, wenn's vollbracht ist, sondern wenn das Ende klar absehbar ist. Wohin mit Oma?

Sterbende werden gewiss nicht nur in Hospize verklappt, weil die Angehörigen mit ihrer Pflege überfordert wären, sondern auch, weil ihre Anwesenheit, ihr Anblick, ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit als Zumutungen gelten. Hospize und Heime sind Wartehallen des Todes. Alte und Sterbende werden hier weitab vom Leben geparkt, weil die Gesellschaft sie oftmals nicht ertragen will. Diese Einrichtungen sind – nicht alle, aber doch sehr viele – wie die zurecht seit einigen Jahren in Verruf geratenen Sonderschulen. Es ist Zeit für Inklusion. Wie die aussieht und was sie kosten soll und darf, wird verhandelt werden müssen.

Der Tod muss neu in ein Alltagsleben integriert werden, das nicht mehr so stark von Kirchen und familiären Bindungen bestimmt wird, wie bis vor ein paar Jahren noch. Dass diese Neuintegration noch nicht geschehen ist, liegt nicht daran, dass die Generation Spaß am Ruder ist und sich drückt, sondern dass das große Sterben ihrer Elterngeneration noch nicht eingesetzt hat. Die Generation Spaß hat schon viele ernste Fragen beantwortet und Krisen gemeistert. Diese Fragestellung wird für diese Generation aber erst noch akut.

Was ist so schwer am Umgang mit dem Sterben? Der nahende Tod verändert den Menschen. Der Tod und seine Vorboten bedeuten in vielen Fällen den Verlust von Souveränität. Eine Biografie, die gerne vorgezeigt wird, ähnelt dem Verlauf der Apple-Aktie nach Steve Jobs Wiedereinstieg in die Firma – es geht stetig bergauf. Der Prozess des Sterbens ist abseits des plötzlichen Todes durch Unglücksfälle das Gegenteil. Alter und Altersschwäche können Inkontinenz, Parkinson oder Alzheimer bedeuten. Menschen, an die sich andere angelehnt haben, brauchen mit einem Mal selbst Unterstützung. Das verändert alles. Nicht jeder kann mit dieser Veränderung umgehen. Statt sich dieser Aufgabe zu stellen, wird die Last an die Profis in den entsprechenden Einrichtungen übergeben. Dass die gesellschaftliche Neuordnung des Todes bevorsteht, zeigt das kleinste Bundesland der Welt. Bremen, der bettelarme aber stets innovative Trendsetter unter den Ländern, verabschiedete diese Woche in seiner Bürgerschaft ein Gesetz, nach dem es ab dem kommenden Jahr erlaubt sein wird, die Asche Verstorbener im eigenen Garten zu verstreuen. Die Initiative ging von den Grünen aus.


Privatisierung des Todes


Ähnlich wie viele gesellschaftliche Debatten kommt auch hier der Gegenwind von den Kirchen, deren Vertreter eine „Anonymisierung“ und „Privatisierung“ des Todes beklagten. So sei der Verstorbene mit einem Mal dem Gedenken entzogen, wenn einer oder wenige Hinterbliebene die Verfügungsgewalt über seine Überreste haben.

Ganz falsch ist das Argument nicht. Im Rest des Landes werden die sterblichen Überreste immer noch nur auf Friedhöfen bestattet werden dürfen, wo jeder mal vorbeischauen kann, wenn er seines Freundes oder seiner Verwandten gedenken will. Nur: Braucht das Gedenken einen konkreten Ort, an dem der Tote begraben ist? Auch diese Frage wird in Kürze im gesellschaftlichen Raum verhandelt werden.

Auch wegen des Widerstands der Kirchen ist aus der bremischen Neuregelung nicht der ganz große Wurf geworden. Innerhalb der rot-grünen Koalition des Zwei-Städte-Staates verhinderten die Sozialdemokraten, dass man sich die Urne mit den Überresten des Verstorbenen auf den heimischen Kaminsims stellen kann.

Aber: Wollen wir das wirklich? Gut, dass wir drüber diskutieren. Denn die Diskussion um Bestattungsriten und -vorschriften ist nicht die einzige mit dem Sterben assoziierte Debatte in diesen Tagen. Die Abgeordneten im Bundestag stritten vor eineinhalb Wochen leidenschaftlich über die Vorstufe. Es ging um Sterbehilfe.

Die Parlamentarier hatten sich zuvor darauf geeinigt, den Fraktionszwang aufzuheben. Jeder sollte bei diesem Thema völlig frei sein. Darf es Vereine geben, die Sterbehilfe leisten? Wann ist Hochleistungsmedizin sinnvoll und wann ist es unmenschlich, einem ausgelaugten Organismus noch Hilfestellungen zu geben? Wann ist Lebensverlängerung in Wahrheit nur noch Todesvermeidung ohne weitere Perspektive? Braucht es ein neues Gesetz, das Ärzten klare Regeln im Umgang mit Palliativpatienten gibt? Oder vertrauen wir so wie bisher darauf, dass die Mediziner in diesen Grenzbereichen die individuell richtigen Entscheidungen treffen?


Entscheidung nur nach dem eigenen Gewissen


Es war eine richtig gute Entscheidung der parlamentarischen Geschäftsführer der Bundestagsfraktionen, die Debatte komplett freizugeben. Ähnlich wie sexuelle Vorlieben, Ängste und Leidenschaften ist der Blick auf den Tod eine höchst individuelle Sache, die – wenn man nicht gerade extrem religiös ist – wenig mit der Frage zu tun hat, ob man sich selbst als konservativ oder revolutionär empfindet oder welcher Partei man angehört. Während die Kirchen ihr Mandat, die Regeln des Umgangs mit dem Tod zu definieren, sukzessive verlieren, werden wir alle gezwungen, dieses Vakuum zu füllen, das da entsteht. So war es bereits mit Ehe und Familie, denen heute Patchwork-, Singlehaushalte und Wohngemeinschaften in der gesellschaftlichen Akzeptanz ebenbürtig sind. Und wo es keine informellen Regeln mehr gibt, tritt der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen in den Vordergrund. Gut so! Individualismus ist keine Formel nur fürs Leben, sondern auch fürs Sterben. Doch ein Problem wird immer bleiben: Eine Ehe, eine Patchworkfamilie und eine Wohngemeinschaft können jederzeit aufgelöst werden. Die Ruhe des Toten ist hingegen ewig. Einmal verstreute Asche lässt sich nicht mehr einsammeln und zurück in die Urne werfen. Und damit ist die individuelle Entscheidung, wie der eigene Tod aussehen soll, irreversibel. Das macht sie unendlich schwieriger. Das macht auch den Abschied von den Traditionen schwieriger. Die mögen zwar ein Korsett sein, entbinden uns aber auch von der freien Entscheidung, die mit Verantwortung einhergeht. Wie so oft.

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