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Angst vor dem H5N8-Virus : Vogelgrippe: Was Sie jetzt wissen müssen

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Aus der Onlineredaktion

Der neue Ausbruch der Vogelgrippe wirft viele Fragen auf: Besteht eine Gefahr für den Verbraucher? Was sind die Folgen für die Züchter - und was ist mit den Alsterschwänen?

shz.de von
erstellt am 26.Nov.2014 | 15:21 Uhr

Worin unterscheidet sich der jetzige Ausbruch von der Geflügelpest 2006?

Anfang 2006 war die Geflügelpest, auch Vogelgrippe genannt, schon einmal in aller Munde. Damals hatte sich der aus Asien stammende Erreger H5N1 rasant über Sibirien bis nach Deutschland ausgebreitet. Auch Schleswig-Holstein war 2006 betroffen. Im Kreis Ostholstein wurden damals zwei tote Enten gefunden, die mit einer Variante des Erregers infiziert waren. Auf der Insel Rügen, wo 2006 die ersten deutschen Fälle der Vogelgrippe auftauchen, wurde nach kurzer Zeit der Notstand ausgerufen. Dort wurden immer wieder infizierte Wildvögel gefunden. Auf der Insel wurden massenweise Nutzvögel vorsorglich getötet. Nachdem das Virus in einem sächsischen Mastbetrieb ausgebrochen war, werden auch dort Zehntausende Tiere gekeult. 

In Deutschland infiziert sich 2006 kein Mensch mit dem H5N1-Virus. In Asien und der Türkei fordert das Virus jedoch auch menschliche Todesopfer. Weltweit stecken sich über 600 Menschen mit dem Erreger H5N1 an, mehr als die Hälfte der Infizierten stirbt daran.

Auch das H5N8-Virus, welches für die aktuelle Vogelgrippe verantwortlich ist, wird als hochpathogenes („stark krank machendes“) Virus eingestuft. Anders als bei H5N1 ist bei dem Erreger H5N8 bisher jedoch keine Übertragung auf den Menschen bekannt.

Wann trat der Erreger H5N8 erstmals in Deutschland in Erscheinung?

Bis zum aktuellen Ausbruch in Europa war das H5N8-Virus nur in Südostasien bekannt. Dort grassiert seit Anfang des Jahres eine immer wieder aufflammende Epidemie mit dem Erreger.  Am 5. November wurde ein Befall mit diesem Erregerstamm bei Tieren einer Mastputenhaltung in Mecklenburg-Vorpommern festgestellt. Inzwischen sind weitere Fälle aus Großbritannien und den Niederlanden bekannt.

Wie kommt der Erreger nach Europa?

Bislang ist unklar, wie sich der Erreger von Asien bis nach Europa ausbreiten konnte. Eine Möglichkeit ist, dass er über kontaminierte Personen oder Waren nach Deutschland gelangte. Dafür gibt es bislang aber keine Belege. Denkbar ist auch, dass Wildvögel das Virus nach Europa verschleppt haben. Diese Hypothese stützt auch der Fund einer infizierten Wildente auf Rügen am vergangenen Wochenende. 

Wie wird die Geflügelpest übertragen?

Die Geflügelpest ist ein für Hühner, Puten und andere Vogelarten hochansteckendes Virus. „Wie jedes andere hochpathogene Virus hat es eine Veränderung im Genom, so dass es sich schnell im gesamten Tier ausbreitet und dann zum Tode führt“, sagt Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit.

Infizierte Vögel scheiden das Virus über die Atemwege sowie Sekrete und Exkrete aus. Daher breitet sich das Virus schnell aus, wenn ein infiziertes Tier eng mit anderen Tieren in Kontakt steht. Das ist zum Beispiel in der Stallhaltung aber auch beim Transport des Geflügels der Fall.  

Besonders wild lebende Wasservögel, wie die infizierte Krickente, die am vergangenen Wochenende auf Rügen gefunden wurde, gelten häufig als Virusüberträger, die den Erreger über große Entfernungen verschleppen können.

Auch indirekt kann das Virus übertragen werden – beispielsweise über ungereinigte Kleidungsstücke, Fahrzeuge, Transportkisten, Mist und Futter.

Wie gefährlich ist das Virus für den Verbraucher?

„Wir müssen davon ausgehen, dass jeder hochpathogene Erreger auch eine Gefährdung für den Menschen darstellen kann“, sagt Thomas Mettenleiter vom Thomas-Loeffler-Institut. Eine Gefährdung für die Bevölkerung durch den aktuellen Ausbruch der Vogelgrippe ist nach derzeitigem Erkenntnisstand jedoch nicht gegeben. Für den H5N8-Erreger ist eine Übertragung auf den Menschen noch nicht bekannt geworden – auch nicht in Südkorea, wo bislang fast 600.000 Tiere wegen dem Virus getötet werden mussten.

Angst vor dem Verzehr von Geflügelfleisch oder Eiern muss der Verbraucher nicht haben. Das Virus ist hitzeempfindlich und hält Temperaturen von mindestens 70 Grad nicht stand. Durchgegartes Fleisch und hartgekochte Eier können also bedenkenlos genossen werden. Wer ganz sichergehen will, sollte auf Produkte mit rohen Eiern wie etwa Tiramisu vorerst verzichten.

Wie kann man sich vor dem Virus schützen?

Es wird dringend dazu geraten, Vogelkadaver nicht mit den bloßen Händen zu berühren. In betroffenen Gebieten sollte zudem der direkte Kontakt zu Wildvögeln, etwa zur Fütterung, gemieden werden. Tote Tiere sollten den örtlichen Behörden gemeldet werden.

Betroffenen Tieren sollte sich nur in entsprechender Schutzkleidung genähert werden. Das zuständige Friedrich-Loeffler-Institut empfiehlt zudem Menschen, die in Kontakt zur Geflügelzucht stehen, eine Influenza-Schutzimpfung.

Woran erkennt man infizierte Tiere?

Die Symptome des H5N8-Erregers können vielfältig und von Art zu Art unterschiedlich sein. Bei Hühnervögeln ist auf ein stumpfes, gesträubtes Federkleid zu achten, auch voranschreitende Teilnahmslosigkeit der Tiere ist ein Indiz auf eine Infektion mit dem Virus. Verweigerung von Futter und Wasser sowie Fieber, Atemnot, Niesen, Durchfall und Ausfluss aus Augen und Schnabel deuten ebenfalls auf eine Infektion des Tieres hin. Schließlich sind auch zentralnervöse Auffälligkeiten wie Gleichgewichtsstörungen oder eine ungewöhnliche Kopfhaltung bei den Tieren Anzeichen für die Erkrankung. Bei Enten und Gänsen können sich ähnliche Symptome zeigen, sie erkranken jedoch häufig weniger schwer. Hier führt die Krankheit nicht immer zum Tod des Tieres.

Welche Schutzmaßnahmen müssen Landwirte jetzt treffen?

Für Landwirte ist nun vor allem wichtig, die geltenden Biosicherheitsmaßnahmen für ihre Bestände genau zu befolgen. So sollen etwa Tiere in Freilandhaltung ausschließlich in geschützten Bereichen gefüttert werden, um den Kontakt mit Wildtieren zu vermeiden. Zudem wurde in einigen Teilen Deutschlands eine Stallpflicht für Nutzgeflügel verhängt. Bei Verstößen droht ein Bußgeld.

Geflügelhalter sollten nun verstärkt auf Krankheitsanzeichen bei ihren Tieren achten. Bei einem Verdacht ist sofort der zuständige Amtstierarzt zu informieren, eigenständige Behandlungsversuche sind verboten.

Warum gilt die Stallpflicht nur in manchen Teilen von SH?

Am Dienstag wurde für Teile Schleswig-Holsteins eine Stallpflicht angeordnet. „Der Erreger ist in der freien Wildbahn vorhanden“, sagt Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck zur Begründung. Wildvögel, wie die am vergangenen Wochenende auf Rügen gefundene Krickente, können das Virus auf Tiere in Freilandhaltung übertragen. Betroffen sind in Schleswig-Holstein bisher nur Risikogebiete in Wassernähe, in denen ein vermehrtes Aufkommen von Wildvögeln herrscht. Hier ist ein Kontakt zwischen Nutzgeflügel und infizierten Wildvögeln wahrscheinlicher.

Der Bund hatte den Ländern zuvor zur Stallpflicht geraten. In Meckenburg-Vorpommern, wo das Virus zuerst aufgetreten ist, herrscht inzwischen eine landesweite Stallpflicht. Auch in einigen Regionen von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Brandenburg müssen Hühner, Gänse und Puten vorübergehend in den Ställen bleiben.   

Warum ist eine Stallpflicht problematisch?

Nicht alle Tiere sind es gewohnt, in Ställen zusammenzuleben. Daher bedeutet eine dauerhafte Stallhaltung für viele Tiere großen Stress. Züchter fürchten zudem, dass die zusammengepferchte Haltung auf engstem Raum zu Konflikten unter den Tieren führen kann. Besonders Erpel werden dann schnell aggressiv.

Ein weiteres Problem stellen unzureichende Stallkapazitäten bei einigen Züchtern dar. Gänse beispielsweise leben traditionell in der Freilandhaltung. Für viele Züchter bleibt bei einer Stallpflicht somit nur die Schlachtung der Tiere.

Hat die Geflügelpest Auswirkungen auf das Geschäft der Züchter?

Bei der Vogelgrippe im Jahr 2006 entstand für die Bauern ein Millionenschaden. Die Umsatzeinbrüche kamen nicht nur durch die zahlreichen gekeulten Tiere zustande, auch Handelssperren und die Angst beim Verbraucher sorgen für schwerwiegende Folgen im Absatz der Tiere und ihrer Produkte auf dem Markt.

Welche Auswirkung der neue Ausbruch der Vogelgrippe auf die Geflügelbauern haben wird, bleibt abzuwarten. Züchter befürchten vor allem, dass das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr ausbleibt. Thomas Mettenleiter vom Thomas-Loeffler-Institut rät jedoch zur Besonnenheit: „Man sollte den Ausbruch mit einer gewissen Gelassenheit betrachten“.

Ist die Weihnachtsgans in Gefahr?

So kurz vor Weihnachten wirft der Ausbruch der Vogelgrippe auch ganz andere Fragen auf: „Ist meine Weihnachtsgans in Gefahr?“, sorgt sich manch einer. Zumindest der für die Bundeskanzlerin auserkorene Vogel wurde vorsorglich zur Stallpflicht verdonnert. Sie bezieht ihre Gans seit Jahrzehnten bei einem Hobbygeflügelhalter in Mecklenburg-Vorpommern.

Bislang sind deutschlandweit nur zwei Fälle bekannt, die Schlachtsaison für Weihnachtsgänse ist aber bereits angelaufen und in drei bis vier Wochen vorbei – dann sind ohnehin alle Tiere von der Weide und das Festmahl kann bedenkenlos genossen werden.

Und was ist mit den Alsterschwänen?

Die Alsterschwäne schwimmen als Wildtiere in einer rechtlichen Grauzone, sagt der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Rico Schmidt. Beim letzten Vogelgrippe-Alarm vor ein paar Jahren seien die Vögel in ihrem Winterquartier am Eppendorfer Mühlenteich jedoch zu ihrem eigenen Schutz unter ein Zelt gekommen. Schwanenvater Olaf Nieß macht sich noch über Schutzmaßnahmen Gedanken. „Wir sind gerade am Prüfen“, sagte er am Mittwoch.

 
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