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Reaktionen auf Anschläge in Paris : Vielen Dank dafür, ihr Daeschis!

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Terror-Alarm in Deutschland, und die Verunsicherung wächst. Wie geht man mit der neuen Bedrohung im Alltag um? Vier Kollegen aus der Redaktion schreiben über ihre persönlichen Empfindungen.

Flensburg | Viele Deutsche haben in diesen Tagen Angst vor dem Terror nach den Anschlägen in Paris. Vier Redakteure schreiben über ihre persönlichen Empfindungen angesichts der aktuellen Lage. Es schreiben: Julian Heldt, der am Freitag das HSV-Spiel im Volksparkstadion besuchen will. Rieke Beckwermert, die sich so ihre Gedanken über einen Besuch auf den bevorstehenden Weihnachtsmärkten macht. Holger Loose, der seinen bevorstehenden Urlaub in Ägypten verbringen wird. Und Kathrin Emse, die sich bei den Terroristen bedankt, weil sie ihr zeigen, wie wertvoll das Leben ist.

Julian Heldt:

 

„Hamburger SV gegen Borussia Dortmund – dieser Fußball-Klassiker verspricht Spannung und gute Stimmung. Umso größer war die Freude, überhaupt an Karten für dieses Spiel zu kommen. Nach wenigen Stunden waren alle Tickets vergriffen. Nun liegt ein Schatten über dieser Partie. ,Willst du in dieser Situation überhaupt hinfahren?', war eine häufige Frage, die mir nach den Geschehnissen der vergangenen Tage gestellt wurde. Natürlich werde ich zum Spiel fahren! Denn ich will mir nicht von Terroristen diktieren lassen, wie ich mein Leben zu führen habe und welche Großveranstaltungen ich besuche. Meine Freiheit nimmt mir niemand und schon gar nicht in Deutschland. Keine Frage: Das morgige Spiel werde ich vermutlich anders erleben als sonst. Man wird mehr auf die Geschehnisse abseits des Spielfeldes achten, weniger auf den Sport selbst. Das ärgert mich! Genau deshalb ist jedoch so wichtig, morgen ein Zeichen zu setzen. Auf dem Platz und auf den Rängen. Würde das Spiel ausfallen oder viele Zuschauer fernbleiben, hätte der Terror sein Ziel erreicht. Gleiches gilt im Übrigen für die Fußball-EM im kommenden Jahr 2016. Mit einigen Freunden werde ich hier zwei Gruppenspiele in Marseille erleben. Flüge und Unterkunft sind bereits gebucht, die Vorfreude ist riesig. Daran ändern auch die Anschläge von Paris nichts. Im Gegenteil. Jetzt erst recht!“

Rieke Beckwermert:

 

„Der Weihnachtsmarkt in Kiel lockt unzählige Besucher an. Ich selbst habe dort vor Jahren in einer Bude gejobbt. Als Besucherin war ich schon länger nicht mehr dort. Konzerte, Festivals, Flohmärkte besuche ich gern. Ich stelle aber fest, dass ich kleine Veranstaltungen bevorzuge, ganz unabhängig von Paris. Das liegt auch am Gedränge. Ich fühle mich schnell unwohl, sobald ich spüre: Hier kommst du nicht so schnell heraus. Zwischen den Buden oder im Pulk am Glühweinstand kann das passieren, genauso wie während der Kieler Woche. Aus diesem Grund verstärken die terroristischen Anschläge in Paris meine Tendenz, den Weihnachtsmarkt in diesem Jahr in meiner Freizeit nicht zu besuchen. Ich kann jeden verstehen, der so denkt. Gleichzeitig spüre ich einen öffentlichen Druck, sich anders zu positionieren, um ein Zeichen zu setzen. Ich unterstütze daher ganz klar jeden darin, der sagt: Jetzt erst recht. Auch ich bin mir bewusst, dass die Gefahr eines tatsächlichen terroristischen Anschlags bei uns als ,abstrakt' beschrieben wird. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, überwiegt momentan das ganz subjektive Gefühl: Weihnachtsmarkt – ohne mich.“

Holger Loose:

 

„Zugegeben: Der Absturz des russischen Ferienfliegers, möglicherweise ausgelöst durch ein Bombenattentat des IS, hat auch uns nachdenklich gemacht. Sollen wir wirklich unseren schon länger geplanten Urlaub nach Ägypten noch antreten? Die Diskussion mit meiner Frau darüber war von kurzer Dauer. Schnell haben wir uns entschieden: Ja, wir fliegen. Nicht (nur), um den Terroristen zu zeigen, jetzt erst recht. Nein, weil wir uns einfach freuen auf ein paar Tage Sommer während des deutschen Schmuddelherbstes, auf Schnorcheln im Roten Meer und auf jede Menge Entspannung in einem Land, das uns schon einmal mit seiner Gastfreundschaft und seinen liebenswürdigen Menschen beeindruckt hat. Natürlich werden auch wir mit einem etwas mulmigen Gefühl in den Flieger steigen. Aber ist denn ein Flug nach Fuerteventura oder Dubai sicherer? Die Ereignisse von Paris haben es noch einmal deutlich gemacht. Die absolute Sicherheit gibt es nicht – nirgendwo auf der Welt. Wir müssen und wir werden damit leben, aber sollen wir deshalb auf unsere Freiheiten verzichten? Wir wollen das nicht. Wir wollen weiter ohne Angst zum Handball, ins Konzert und auf den Wochenmarkt gehen – und in den Urlaub nach Ägypten fliegen.“

Kathrin Emse:

 

„Terror will Angst machen. Soll er. Muss er – sonst hat er seine Wirkung verfehlt. Die Daeschis – so werde ich sie nur noch nennen, nachdem mir gestern von meinen Kollegen erklärt wurde, dass die Anhänger des IS das gar nicht mögen. Denn das arabische ,Daesch' soll so klingen wie zwei andere arabische Wörter: „Daes“ und „Dahes“. Ersteres bedeutet so viel wie „etwas mit Füßen zertreten“, letzteres bezeichnet jemanden, der Unfrieden sät. Zu Deutsch: ,Daeschis'. Die Daeschis also wollen mit ihrem Terror erreichen, dass wir Angst haben. Dass wir nicht mehr in Kneipen gehen, in Konzerte, zu Fußballspielen. Dass wir aufhören, unser Leben zu leben. Tatsächlich aber vergessen sie, dass sie niemals so gefährlich für uns werden können, wie das Leben selbst. Ein paar Zahlen machen dies deutlich: Deutschlandweit starben 2013 etwa im Verkehr 3542 Menschen, 8675 im Haushalt, 932 bei der Arbeit – und durch islamistischen Terror? Kein einziger! Auch in diesem Jahr gibt es – noch – keinen einzigen Toten. Und selbst wenn, diese Zahlen werden sie nicht mehr schaffen. Wovor haben wir also Angst? Es ist normal, die Angst vor dem alltäglich möglichen Tod auszublenden. Sonst ließe sich schlecht befreit leben. Doch wenn die Daeschis so weitermachen, dann werden auch sie eines Tages normal – und ihr Terror hat sich erledigt. Im Moment aber zeigen sie uns vor allem, wie wertvoll unser Leben ist, was wir nur allzu oft vergessen, vergessen müssen. Vielen Dank dafür, ihr Daeschis!“

Haben Sie Angst vor Veranstaltungen? Sagen sie uns Ihre Meinung.

 

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erstellt am 19.Nov.2015 | 06:35 Uhr

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