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Rückbau des Pannen-Meilers : Video aus dem Kernkraftwerk Brunsbüttel: So funktioniert das Freimessverfahren

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Ein Großteil des Abfalls gilt als unbelastet. Umweltschützer demonstrieren gegen die geplante Form des Abbaus.

shz.de von
erstellt am 22.Aug.2017 | 16:16 Uhr

Brunsbüttel | Einen gelben Helm und Sicherheitsschuhe mit Stahlkappe muss jeder tragen, der im Inneren des abgeschalteten Atomkraftwerks Brunsbüttel unterwegs ist. Das Outfit scheint bislang einziges Zeichen zu sein, dass der Meiler rückgebaut werden soll. Denn wer ein AKW abreißen will, braucht vor allem eins: sehr viel Geduld.

Am 1. November 2012 hatte Betreiber Vattenfall den Antrag auf Stilllegungsgenehmigung gestellt, erzählt AKW-Chef Markus Willicks. Die Genehmigung hofft er, Anfang bis Mitte nächsten Jahres zu bekommen. Bis dahin kann Betreiber Vattenfall nur den Rückbau des abgeschalteten Atomkraftwerks vorbereiten, sagt Willicks. Er erwartet, dass es 2031 dort anstelle des Meilers wieder eine grüne Wiese gibt. Was dann mit den Grundstücken geschieht, weiß noch niemand.

Damit Brunsbüttel als erstes AKW in Schleswig-Holstein abgerissen werden kann, mussten zuerst alle Brennelemente entfernt werden. Diese Arbeiten seien am 13. Juni 2017 beendet worden, sagt Kraftwerks-Chef Willicks. Von außen wird von dem AKW-Abriss viele Jahre nichts zu sehen sein.

Die Arbeiten laufen innen, erklärt der für den Rückbau verantwortliche Hans-Georg Bacmeister. Der Abriss beginnt innen. „Rückbau heißt sägen, schneiden, schleifen und schrubben“, sagt Bacmeister. Sämtliches Material werde zu handlichen Stücken zerkleinert, mit einer Presse verdichtet und eingepackt.

Der Meiler in Brunsbüttel hat laut Umweltministerium ungefähr 300.000 Tonnen Masse. Rund 90 Prozent davon sind „Bauschutt“ und gelten als unbelastet. Das sind Gebäude, Fundamente oder Rohrleitungen, die weit genug vom Reaktor weg waren, um nicht von Radioaktivität verstrahlt zu werden.

Übrig bleiben neben den Brennelementen und anderen stark kontaminierten Materialien, die dauerhaft verunreinigt und dadurch selbst strahlungsaktiv sind, noch 20.000 bis 30.000 Tonnen schwach radioaktive Abfälle. Die sollen „dekontaminiert“ werden: Das kann bedeuten, dass die Oberfläche abgeschrubbt oder abgefräst, mit Zitronensäure abgespült oder mit einem Hochdruckreiniger beziehungsweise Strahlgebläse gereinigt wird.

Denn Abfälle, die nach dem Strahlenschutzgesetz radioaktiv sind, dürfen nicht recycelt werden, sagt das Kieler Umweltministerium. Deshalb wird mit Ausnahme der dauerhaft verunreinigten Materialien sämtlicher Müll in einem silbernen Würfel auf Strahlung geprüft.

Freimess-Anlage heißt der Mess-Roboter. Eine Strahlung von maximal zehn Micro-Sievert lässt er durchgehen, sagt Bacmeister: „Das ist deutlich weniger als die natürliche Strahlung eines Erwachsenen, mit dem man nachts sein Bett teilt.“ Umweltschützer freuen sich zwar über den Abriss von Atommeilern, beurteilen das Vorgehen der Energiekonzerne jedoch kritisch.

Problem sei unter anderem das so genannte Freimessen. Damit kann Bauschutt mit einer Radioaktivität unterhalb einer willkürlich festgelegten Schwelle als normaler Abfall „aus dem Atomgesetz entlassen“ werden, sagt Karsten Hinrichsen von der Initiative „Brokdorf akut“. Auch könne es bei dieser Art des Rückbaus zu einer höheren radioaktiven Belastung kommen als beim Normalbetrieb. Hinrichsen fordert, die 20.000 bis 30.000 Tonnen schwach radioaktive Abfälle nicht zu dekontaminieren, sondern auf dem AKW-Gelände zu lagern.

„In Brunsbüttel werden nach Angaben des Kieler Umweltministeriums voraussichtlich rund 7800 Tonnen zu deponieren sein. Für alle Kernkraftwerke in Schleswig-Holstein werden es in den kommenden 22 Jahren etwa 37.000 Tonnen sein“, sagt Ministeriumssprecherin Nicola Kabel.

Ein Interview mit Umweltminister Robert Harbeck über die Lagerung des Abfalls lesen Sie hier.

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