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Telefonieren und Schreiben im Auto : Verkehrsunfälle: Das Handy – so schlimm wie Alkohol am Steuer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Verkehrsexperten kritisieren: Telefonieren am Steuer wird als Unfallursache nicht erfasst.

Sie finden sich in keiner Statistik: Verkehrsunfälle, die durch Handys am Steuer verursacht werden. „Es gibt keinerlei verlässliche Zahlen“, kritisiert Jens König, Leiter der Dekra-Unfallforschung. „Dabei wird das Thema Ablenkung durch Smartphones immer relevanter für die Sicherheit im Straßenverkehr.“

Der Verstoß gegen das Handyverbot am Steuer wird von vielen Autofahrern als Bagatelle angesehen. Dabei gilt das Verbot schon für das Wegdrücken eines Anrufs. Wer sich nicht daran hält, wird mit 60 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg bestraft. Das ist vergleichsweise milde: In Dänemark werden 200 Euro fällig.

Auch das Kieler Landespolizeiamt bestätigt: Es gibt keine Datenbasis. „Weil der Sachverhalt noch nicht in das bundesweite Verzeichnis der Unfallursachen aufgenommen ist“, erklärt Sprecher Jürgen Börner. Aus diesem Grund lägen auch keine Erkenntnisse vor, inwieweit die unerlaubte Nutzung von Mobiltelefonen die Unfallzahlen erhöhe. „Doch in einer relevanten Anzahl dürften schwere Unfälle Folge der Ablenkung durch Kommunikations- und Unterhaltungsmittel sein.“

Die Forschungsvereinigung Automobiltechnik hat in einer Studie „Freisprecher“ am Steuer gezählt, die Dekra Personen mit Handy am Ohr. Das Ergebnis: „Permanent telefonieren rund 14 Prozent der Autofahrer“, so Dekra-Unfallforscher Walter Niewöhner. „Es muss deshalb dringend diskutiert werden, ob das Mobiltelefon als Unfallursache statistisch erhoben werden sollte.“

Dafür sei die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) zuständig, heißt es aus dem Landespolizeiamt. „Das ist falsch“, sagt Bast-Sprecherin Petra Peter-Antonin. „Neue Kriterien für die Statistik legen die Länder fest, sie müssen sich abstimmen.“

Wie sehr die Problematik drängt, verdeutlicht Mercedes-Manager Ralf Guido Herrtwich, der eine Generation heranwachsen sieht, die „das Autofahren als Ablenkung vom SMS-Schreiben empfindet“. Verkehrsexperten gehen davon aus, dass der Blick aufs Display den Alkoholgenuss mittlerweile als Unfallursache überholt hat. Und Untersuchungen des ADAC zeigen: Das Unfallrisiko beim Telefonieren, selbst mit Freisprechanlage, unterscheidet sich kaum von dem eines alkoholisierten Fahrers mit 0,8 Promille. Und wer eine Nachricht tippt, reagiert wie ein Betrunkener mit 1,1 Promille.

Immerhin: Wenn bei einem schweren Unfall der Verdacht besteht, die Ursache könnte ein Mobiltelefon sein, wird es in Schleswig-Holstein sichergestellt und nach richterlicher Anordnung ausgewertet. Bei kleineren Unfällen ist es aber oftmals nicht möglich, nachzuweisen, ob ein Handy die Unfallursache war. „Die Nutzung wird grundsätzlich nicht oder nur in Ausnahmefällen zugegeben“, so Börner. „Alkoholkonsum ist leicht nachzuweisen, Handynutzung nicht“, sagt Unfallforscher Niewöhner. „Niemand muss sich selbst belasten, wir gelangen da an Grenzen.“ Aufklärung ist deshalb in den Augen des Unfallforschers unerlässlich. In Schleswig-Holstein setzt die Polizei aber auch auf Repression. „Gurt- und Handykontrollen bleiben 2016 ein besonderer Schwerpunkt der Landespolizei“, betont Börner.

9265 Handysünder erwischte die Polizei vergangenes Jahr, 5,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Ursache für den leichten Rückgang war die hohe Einsatzbelastung – es gab einfach nicht genug Beamte für Kontrollen.

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erstellt am 01.Apr.2016 | 20:10 Uhr

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