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Wahl im Januar 2015 : Unwort des Jahres: „Flüchtlingskrise“ oder „Asylkritiker“ sind im Rennen

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Flüchtlinge sind ein großes Thema in Deutschland. Das schlägt sich auch in den Vorschlägen für das Unwort des Jahres 2015 nieder. Am Dienstag gibt die Jury ihre Wahl für das Unwort des Jahres bekannt.

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erstellt am 11.Jan.2016 | 18:16 Uhr

Darmstadt | Nichts hat das vergangene Jahr thematisch so beherrscht, wie die Flüchtlingskrise. Das „Unwort des Jahres 2015“ wird daher mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit ein Begriff wie „Flüchtlingskrise“ oder „Asylkritiker“. Am Dienstag um 10 Uhr will die Jury das Unwort bekannt geben.

Egal ob Lügenpresse, Rentnerschwemme oder Humankapital: Unworte des Jahres sollen in der Bevölkerung das „Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern“ und „den sprachkritischen Blick auf Wörter oder Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation lenken, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“, heißt es von den Initiatoren, der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“. Die Aktion gibt es seit 1991. Die Vorschläge für das Unwort kommen aus der Bevölkerung.

Über eine Millionen Menschen kamen 2015 auf der Flucht vor Krieg, Hunger und wirtschaftlicher Not nach Deutschland. Das Thema beschäftigt seit Monaten wie keine anderes die Öffentlichkeit. Das spiegele sich auch in den Vorschlägen zur Wahl des Unwortes wieder, sagte Jury-Sprecherin Nina Janich (47). „So präsent wie Flüchtlinge war ein Thema noch nie“, sagte die Sprachwissenschaftlerin an der Technischen Universität Darmstadt. Die sprachkritische Jury richtet sich zwar nicht nach der Häufigkeit der eingesendeten Vorschläge. Das Thema Flüchtlinge könne allerdings kaum ignoriert werden. „Alles andere würde seltsam wirken“, meinte Janich. „Eine Alternative zu Flüchtlingen wäre höchstens noch das Thema Griechenland. Hier ist aber nicht ganz unproblematisch, ob etwa ,Grexit‘ ein ,Unwort‘ ist.“

Gemeinsam mit drei Kollegen von anderen Universitäten und dem Journalisten Stephan Hebel wählt Janich den diesjährigen Begriff aus Vorschlägen aus, die bis zum 31. Dezember bei der Jury eingereicht werden konnten. Für 2015 seien 1644 Einsendungen eingegangen, mehr als in den Jahren 2014 (1246) und 2013 (1340). Begriffe zum Thema Flüchtlinge seien zwar seltener eingeschickt worden als etwa Worte wie „Lärmpausen“ (165 Mal) oder „Willkommenskultur“ (113 Mal). „Flüchtlingskrise“ (42 Mal) und „Asylkritiker“ (27 Mal) zählten aber mit Blick auf die „Unwort“-Kriterien zu den eher ernstzunehmenden Einsendungen, so Janich.

Die Kriterien:

Wörter, die...

...gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen.

...gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen.

...einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren.

...euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind

 
Was ein Unwort ist, liegt häufig im Auge des Betrachters. Die Jury der Aktion „Unwort des Jahres“ bemüht sich trotzdem um eine objektive und sprachwissenschaftlich fundierte Auswahl.
Was ein Unwort ist, liegt häufig im Auge des Betrachters. Die Jury der Aktion „Unwort des Jahres“ bemüht sich trotzdem um eine objektive und sprachwissenschaftlich fundierte Auswahl. Foto: Kim Schmidt

Zum „Unwort des Jahres 2014“ war die Parole „Lügenpresse“ gewählt worden, die vor allem vom islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnis genutzt wird. Janich vermutete, dass diese Entscheidung für den immer noch häufig erwähnten Begriff das Interesse an der „Unwort“-Aktion wieder steigen ließ. Die Unworte der vergangenen 15 Jahre:

Jahr Unwort Hintergrund
2013 Sozialtourismus Das Schlagwort beschreibt die gezielte Stimmungsmache einiger Politiker und Medien gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa.
2012 Opfer-Abo Der ehemalige Wettermoderator Jörg Kachelmann sagte nach seinem Freispruch, dass Frauen in der Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Die Jury wählte den Begriff, da er Frauen unter Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst zum Täter zu werden.
2011 Döner-Morde Die Reduktion auf Fast-Food würde die Opfer in höchstem Maße diskriminieren und ganze Bevölkerungsschichten aufgrund ihrer Herkunft ausgrenzen, meinte die Jury. Die politische Dimension der Mordserie sei jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert worden.
2010 alternativlos Angela Merkel nutzte es in der Finanzkrise und 2010 wurde die Behauptung, es gäbe bei etwaigen Entscheidungsprozessen von vornherein keine Alternativen und keine Notwendigkeit der Diskussion, sehr häufig aufgestellt.
2009 betriebsratsverseucht Arbeitnehmerinteressen stoßen auf Unternehmen. Nicht immer ein einfacher Weg. Betriebsräte als Seuche zu bezeichnen, war für die Jury Anlass zum Unwort. Der Begriff sei ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen, hieß es.
2008 notleidende Banken Volkswirtschaften kommen in Bedrängnis und Steuerzahler müssen Milliardenkredite mitragen. Banken hingegen, die durch die eigenen Finanzpolitik die Krise ausgelöst hatten, werden als Opfer stilisiert. Zu viel für die Unwort-Jury.
2007 Herdprämie Das Kind zuhause selbst aufziehen und nicht in eine Kita geben? Das ermöglichte das Elterngeld. Die abwertende Bezeichnung wurde zum Unwort des Jahres.
2006 freiwillige Ausreise Der Begriff suggeriert eine Wahlmöglichkeit für Asylbewerber, vor einer drohenden Abschiebung freiwillig auszureisen. Am Ende hatten sie ohnehin keine Wahl.
2005 Entlassungsproduktivität Ein Unternehmen produziert und macht Gewinn, nachdem zuvor zahlreiche Mitarbeiter entlassen wurden.
2004 Humankapital Der Begriff degradiert Menschen als Arbeitskräfte zu einer nur noch ökonomisch interessanten Variable.
2003 Tätervolk Ein Vorwurf der Kollektivschuld. Ein Volk ist moralisch als Ganzes für verbrecherische Taten eines Teils seiner Angehörigen verantwortlich. Geprägt hatte den Begriff der frühere CDU-Politiker Martin Hohmann.
2002 Ich-AG Reduzierung eines Menschen auf sprachliches Börsenniveau.
2001 Gotteskrieger Die Bezeichnung für Kämpfer der Taliban und al-Qaida.
2000 national befreite Zone Eine heroisierende Bezeichnung von Gegenden, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird, um diese „ausländerfrei“ zu bekommen.

Viele gewählte Worte standen in der Kritik, da sie kaum oder wenig benutzt wurden. Daher standen insbesondere Begriffe wie Entlassungsproduktivität, sozialverträgliches Frühableben oder Opfer-Abo im Kreuzfeuer der Kritiker.

Die Initiatoren der „Unwort“-Wahl sind vor allem Sprachwissenschaftler. Das Unwort wurde zunächst von 1991 bis 1993 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gekürt. Seit 1994 agiert die Jury nach eigener Aussage „unabhängig und ehrenamtlich“. Die GfdS wählt ihrerseits das Wort des Jahres aus und hatte sich Mitte Dezember mit „Flüchtlinge“ auch für einen Begriff aus dem Themenkomplex Zuwanderung entschieden.

Die Aktion, ein „Unwort“ zu benennen, wurde inzwischen mehrfach kopiert und für bestimmte Themenfelder abgewandelt. So kürt die Düsseldorfer Börse jährlich das „Börsenunwort“ (2014: Guthabengebühr). Das „IT-Unwort“ für 2015 steht schon fest: Die Community des Netzportals Futurezone entschied sich dafür, den „Selfie-Stick“ zu brandmarken. Die Tierschutzorganisation Peta sammelt ebenfalls Vorschläge und hat ihr „Peta-Unwort“ noch nicht bekannt geben. In der Vergangenheit entschied man sich beispielsweise 2012 für „humanes Schlachten“.

Mit dpa

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