Nach Rekordhitze : Unwetter in Deutschland: Möglicher Tornado verwüstet Framersheim

Rund 100 Häuser wurden durch den Tornado zerstört.
Rund 100 Häuser wurden durch den Tornado zerstört.

Faustgroße Hagelkörner, Pause am Flughafen Berlin Schönefeld, eine Windhose in Rheinland-Pfalz und ein Wirbelsturm im niedersächsischen Bad Sachsa – Hitzegewitter haben über Teilen von Deutschland gewütet.

shz.de von
08. Juli 2015, 08:03 Uhr

Offenbach | Gewitter haben in mehreren Regionen Deutschlands zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage Schäden angerichtet. Verletzte gab es nach Polizei-Angaben kaum, Einsätze dafür aber viele. Besonders betroffen war der 1600-Einwohner-Ort Framersheim in Rheinland-Pfalz, durch den laut Polizei am Dienstag eine Windhose zog. Ob tatsächlich ein Tornado oder eine extreme Fallböe in dem rheinhessischen Ort am Dienstagabend gewütet hatte, stand am Mittwoch noch nicht eindeutig fest. „Es kann beides gewesen sein“, sagte Andreas Friedrich, der Tornadoexperte des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

Fallböe oder Tornado? Vorerst wird der Sturm als Verdachtsfall geführt, wie drei andere am Dienstagabend in Sachsen-Anhalt.

Nun müssten Augenzeugen gefunden und Videos oder Fotos ausgewertet werden, um ganz sicher zu sein. Erst in einigen Tagen werde feststehen, ob es sich um Tornados oder Fallböen gehandelt hat. Die genaue Bestimmung sei weder mit Radarbildern noch von Satelliten möglich.

Die Wetterlage sei für starken Sturm prädestiniert gewesen, sagte Tornadoexperte Friedrich. Bedingungen dafür sind nach Darstellung der Meteorologen immer starke Temperaturunterschiede wie am Dienstagabend. Dann können Tornados oder Fallböen in Sekunden schwere Verwüstungen anrichten.

In Deutschland gibt es nach Friedrichs Worten jedes Jahr 20 bis 60 Tornados. In diesem Jahr seien bereits 19 Tornados bestätigt worden, darunter 15 im Mai und im Juni.


Der Sturm riss die Dächer mancher Gebäude halb oder ganz weg, wie Bürgermeister Ulrich Armbrüster berichtete. Einige Gebäude stürzten teilweise oder komplett ein. Der Schaden wurde am Mittwoch auf mindestens fünf Millionen Euro geschätzt. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz sagte, betroffen seien mehr oder weniger 60 bis 100 Häuser. Einige Menschen seien von umherfliegenden Gegenständen und beim Aufräumen leicht verletzt worden.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat am Mittwoch Unterstützung für den Ort angekündigt. „Wir sind erleichtert, dass bei dem Unwetter niemand schwer verletzt wurde“, teilten Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) mit. „Allerdings: Die Bilder der Zerstörung sind erschreckend.“

Viele Häuser in Framersheim wurden schwer beschädigt.
dpa
Viele Häuser in Framersheim wurden schwer beschädigt.

Nach dem heftigen Unwetter gehen die Bestandsaufnahme und Aufräumarbeiten weiter. Der Ort werde bei Tageslicht wohl überflogen, um ein genaueres Bild der Zerstörung zu erhalten, sagte ein Polizeisprecher am Morgen in Mainz. Einige der Schäden seien sicherlich übersehen worden.

Auf Youtube haben einige Nutzer Videos des Unwetters veröffentlicht.

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Auch im niedersächsischen Ferienort Bad Sachsa hat ein Wirbelsturm schwere Schäden angerichtet. Nach Angaben der Polizei in Bad Lauterberg waren von dem Unwetter am Dienstagabend unter anderem ein Freizeitbad und mehrere Häuser betroffen. Teile von Dächern wurden abgedeckt, Schornsteine, Ziegel und Antennenanlagen seien in die Tiefe gestürzt, sagte ein Sprecher. Menschen seien aber nicht verletzt worden. Der Schaden wird auf weit über 100.000 Euro geschätzt.

Umgestürzte Bäume, vollgelaufene Keller und abgedeckte Dächer hielten die Einsatzkräfte auch andernorts bis in die frühen Morgenstunden auf Trab. Im hessischen Hessisch-Lichtenau richtete ein Blitzeinschlag der Polizei zufolge in einem Wohnhaus 150.000 Euro Schaden an. Ebenso hoch war der Schaden im niedersächsischen Harsum, wo ein Feuer den Dachstuhl eines Hauses zerstörte. Verletzt wurde niemand: Die Familie war im Urlaub.

In Niederbayern zählte die Polizei zwischen 22 Uhr und 5 Uhr 120 Notrufe, 68 Mal rückten Einsatzkräfte aus. Bäume seien umgefallen und hätten Straßen und Schienen blockiert. In Oberfranken prallte ein Auto gegen einen umgestürzten Baum. Ein Insasse wurde schwer, die anderen drei leicht verletzt. In Buchloe im Allgäu schlug ein Blitz in den Schornstein eines Hauses ein und zerstörte die Hauselektrik. Eine Scheune brannte im nahen Wiedergeltingen nach einem Blitzschlag komplett ab, der Schaden wird auf 100.000 Euro geschätzt.

Stromausfälle meldete die Polizei im baden-württembergischen Weinheim. Drei Hochspannungsmasten brachte der Sturm in Seegebiet Mansfelder Land in Sachsen-Anhalt zu Fall - 1800 Haushalte waren zeitweise ohne Strom. In Kelbra kippte durch den Sturm ein Wohnwagen um, dabei wurde ein Mensch schwer und ein weiterer leicht verletzt.

Faustgroße Hagelkörner zerstörten den Angaben zufolge Vor- und Garagendächer, Straßen wurden überflutet. Rund 400 Feuerwehrmänner waren im betroffenen Landkreis im Einsatz.

Die Gewitter und Unwetter waren vom Südwesten Richtung Osten gezogen und hatten am Abend und in der Nacht Brandenburg, Berlin, Sachsen und Bayern erreicht. Auf dem Berliner Flughafen Schönefeld wurde um 21.34 Uhr für mehr als eine halbe Stunde die Abfertigung eingestellt, wie ein Sprecher sagte.

Die Deutsche Bahn verzeichnete bis kurz vor Mitternacht nur kleinere Störfälle. Auf Nebenstrecken seien vereinzelt Bäume und Äste in Oberleitungen gefallen und hätten zu Verspätungen geführt, sagte ein Sprecher.

Heftiger Regen und Orkanböen ließen auch die Einsatzkräfte in Oberfranken in Bayern 53 Mal ausrücken. Im Landkreis Hof stürzte ein Baum auf die Fahrbahn - ein Auto prallte dagegen. Einer der Insassen wurde schwer, die anderen drei leicht verletzt.

Die Unwetter sorgen für Abkühlung in Deutschland: Dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge soll es einen Temperatursturz um teils mehr als zehn Grad geben. Am Mittwoch steige das Thermometer nur noch auf durchschnittlich 20 Grad, vereinzelt seien bis zu 25 Grad drin.

Auch im benachbarten Polen und in Tschechien haben in der Nacht zu Mittwoch schwere Unwetter gewütet. Ein Mann kam ums Leben, als ein Baum auf sein Auto stürzte, teilte der Rettungsdienst am Mittwoch mit. Die Feuerwehr musste fast 500 Mal ausrücken, um umgestürzte Bäume zu entfernen und vollgelaufene Keller auszupumpen. Mehrere teils überschwemmte Straßenabschnitte vor allem in der Region Schlesien waren zunächst noch blockiert. Der Zugverkehr zwischen dem westpolnischen Posen (Poznan) und der nordwestpolnischen Hafenstadt Stettin (Szczecin) funktionierte bis in die frühen Morgenstunden nur eingleisig, weil umgestürzte Bäume und Äste auf den Schienen lagen.

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