Houellebecq-Film im Ersten : „Unterwerfung“: ARD-Film islamisiert Europa

<p>Leben unter der Scharia? Kein großes Problem für François (Edgar Selge) - der in Houellebecqs „Unterwerfung“ davon profitiert.</p>

Leben unter der Scharia? Kein großes Problem für François (Edgar Selge) - der in Houellebecqs „Unterwerfung“ davon profitiert.

Ist der Houellebecq-Film „Unterwerfung“ islamfeindlich? Haupdarsteller Selge und RBB-Redakteurin Zöllner antworten.

shz.de von
04. Juni 2018, 20:11 Uhr

Mit Houllebecqs „Unterwerfung“ und einer anschließenden Maischberger-Diskussion zeigt das Erste am Mittwoch, 6. Juni, ab 2015 Uhr einen bewusst kontroversen Abend zum Thema Abendland und Islam. Worum es geht, erklären der Hauptdarsteller Edgar Selge und die RBB-Redakteurin Martina Zöllner.

Houellebecqs „Unterwerfung“ – worum geht's?

Scharia, Polygamie und Patriarchat: Houellebecqs „Unterwerfung“ spielt im Frankreich des Jahres 2022. Der Islam hat die Macht übernommen und baut die Gesellschaft radikal um. Und die Hauptfigur – nimmt es hin. Als François erkennt, dass der Umbruch seinem Bedürfnis nach Sex und Alkohol nicht im Wege steht, gibt der Akademiker Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit widerstandslos preis. Genau wie die politischen Eliten des Landes.

Als Houellebecq diese Geschichte vor drei Jahren veröffentlichte – ausgerechnet am Tag des „Charlie Hebdo“-Massakers – provozierte er gekonnt in alle Richtungen: Den Westen karikiert der Autor als erschlaffte Konsumwelt, die der Verbindlichkeit muslimischer Gesellschaften nichts entgegenzusetzen hat. Den Islam kennzeichnet er über Machtstreben und Frauenfeindlichkeit. Und Rechtspopulisten ärgert er mit der These, dass niemand ihre Vorstellung patriarchaler Werte besser umsetzt als der von ihnen selbst angefeindete Islam.  (Porträt eines Provokateurs: Annäherung an Houellebecq)

Schon auf der Bühne kontrovers

Ein Jahr nach der Aufregung um das Buch spielte Edgar Selge die Geschichte als Solo-Stück am Hamburger Schauspielhaus; jetzt hat Selges Neffe Titus aus Karin Beiers Adaption ein Fernsehspiel gemacht. Und noch immer gilt der Stoff als so kontrovers, dass das Erste der Ausstrahlung sicherheitshalber eine Maischberger-Diskussion anschließt. „Das finde ich natürlich gut“, sagt Edgar Selge dazu. „Wie alles, was diesem nicht so leichten Film um 20.15 Uhr eine höhere Aufmerksamkeit verschafft.“

Wenn der Hauptdarsteller selbst den Stoff als „schwierig“ einordnet, spielen auch die Erfahrungen am Theater mit ein: Für die Bühnenfassung wurde der 70-Jährige zwar als Schauspieler des Jahres ausgezeichnet. Beim Berliner Theatertreffen war der Abend allerdings nicht zu sehen. „Ein theaterpolitisches Statement“ nennt Selge das: „Houellebecq macht sich sehr angreifbar, und die Regisseurin Karin Beier und ich lassen die ganze Bandbreite der Lesarten zu. Wir positionieren uns nicht. Das finde ich gut, aber es hat womöglich auch dazu geführt, dass die Aufführung nicht eingeladen wurde.“

<p>Martina Zöllner, beim RBB verantwortlich für den Programmbereich 'Doku und Fiktion', platziert mit Houellebecqs 'Unterwerfung' einen kontroversen Stoff in der ARD-Primetime. Hier ein Bild mit den Darstellern Edgar Selge und Matthias Brandt. </p><p> </p>
imago, POP-EYE/Christian Behring

Martina Zöllner, beim RBB verantwortlich für den Programmbereich "Doku und Fiktion", platziert mit Houellebecqs "Unterwerfung" einen kontroversen Stoff in der ARD-Primetime. Hier ein Bild mit den Darstellern Edgar Selge und Matthias Brandt.

Selge am Theater und im TV

Herausfordernd ist „Unterwerfung“ im Fernsehen natürlich auch formal – in seiner Kombination von Spielfilm und abgefilmtem Theater. Die Bilder aus dem Schauspielhaus sind ein so wesentliches Element, dass mancher sich bei 3sat wähnen wird. Woher kommt der Mut zum Primetime-Experiment? „Martina Zöllner“, sagt Selge darauf nur. Die 56-Jährige verantwortet beim RBB den Programmbereich "Doku und Fiktion" und steht auf Senderseite hinter dem Projekt. Viel Überzeugungsarbeit, sagt sie, sei aber gar nicht nötig gewesen: „Thematisch ist ‚Unterwerfung‘ doch sehr aktuell – eine ironische Parabel auf unsere Migrationsängste, die uns aufgeklärte, liberale Mitteleuropäer ziemlich alt aussehen lässt und dadurch provoziert, dass eine andere, religiös bestimmte Kultur die bessere Alternative für uns zu sein scheint.“ Der prominente Sendeplatz war „kein Problem“.  („Kontroverse ist öffentlich-rechtliche Pflicht“: RBB-Redakteurin Zöllner erklärt „Unterwerfung“)

Kriegt „Unterwerfung“ Applaus von der falschen Seite?

Als „Unterwerfung“ geprobt wurde, berichtet Selge, hat der Verfassungsschutz das Stück auf eine mögliche Gefährdungslage geprüft. Nicht islamophob und deshalb ungefährlich, war das Urteil. Trotzdem dürfte die Geschichte vom Untergang des Abendlandes auch Islam-Kritiker anziehen. Vor Applaus von der falschen Seite fürchten die Beteiligten sich aber nicht: „Ich lasse den Leuten ihre Gefühle. Ich verurteile niemanden, der seine Angst vor Migranten artikuliert“, sagt Selge. Und Zöllner nimmt dem Film gegen schlichte Vereinnahmungen in Schutz: „Es muss möglich sein, sich über Aspekte der islamischen Religion auch kritisch zu äußern, ohne dass man gleich in Verdacht gerät, nationalistisch zu denken oder fremdenfeindlich oder rechts“, sagt sie. „Es ist Zeit, dass wir differenzieren und das auch in unseren öffentlichen Diskursen. ‚Unterwerfung‘ ist zwar eine Provokation, aber differenziert durch und durch. Hier ist nichts eindeutig.“ Gerade deshalb gehört der Film für sie in die Hauptsendezeit: „Wir haben heute deutlichere Polarisierungen in unserer Gesellschaft als noch vor ein paar Jahren“, sagt Zöllner. Die Kontroversen im Programm abbilden – für die Redakteurin ist das nicht weniger als „eine öffentlich-rechtliche Pflicht“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen