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Umstrittene Religionsgemeinschaft : Trotz Aufwertung: „Zeugen Jehovas bricht der Nachwuchs weg“

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Sie gehen von Tür zu Tür oder stehen mit dem „Wachtturm“ vor Geschäften. Die Zeugen Jehovas wurden vor zehn Jahren rechtlich aufgewertet. Hat die umstrittene Gemeinschaft davon profitiert?

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2016 | 08:06 Uhr

Düsseldorf | Das Bild kennt jeder. Mit aufgeklapptem „Wachtturm“ oder „Erwachet!“ stehen sie in den Fußgängerzonen oder klingeln an Haustüren, um über die Bibel zu sprechen. Oft werden sie kaum eines Blickes gewürdigt, die Türen fallen schnell wieder zu. Die Zeugen Jehovas (ZJ) sind umstritten, werden häufig als „autoritäre Sekte“ bezeichnet. Sie selbst sehen sich diffamiert. Vor zehn Jahren verbuchten sie einen juristischen Erfolg. Die Entwicklung seitdem? Die ZJ hatten nach langem Streit und gegen politischen Widerstand am 1. Februar 2006 vor dem Bundesverwaltungsgericht die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Berlin erstritten. Den Status erhielten sie danach auch in den anderen Bundesländern. Nordrhein-Westfalen wird 2016 als allerletztes Land folgen. Dort gebe es 35.000 bis 40.000 Mitglieder, hieß es aus der Düsseldorfer Staatskanzlei. Die ZJ sind den großen Kirchen nun gleichgestellt, sie könnten Steuern erheben, Lehrpläne für einen eigenen Religionsunterricht entwickeln. Machen sie aber nicht.

Vielen gilt sie als Sekte, deren Mitglieder ein totalitäres und intolerantes Weltbild vertreten. Anhänger verweigern aus religiösen Gründen unter anderem lebensrettende Bluttranfusionen - auch für ihre Kinder. Die umstrittene Gemeinschaft ist Ende des 19. Jahrhunderts in den USA gegründet worden und hat weltweit rund acht Millionen Mitglieder. In Deutschland sind es mehr als 160.000 aktive, missionierende Anhänger.

Die rechtliche Aufwertung habe ihnen nichts genutzt, sagen Kenner. „Die Hoffnung auf eine Image-Verbesserung hat sich nicht erfüllt“, erklärt Experte Klaus Dieter Pape, der den Rechtsstreit im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz damals begleitet hatte. „Ihr Ziel, dadurch zu einem Zuwachs zu kommen, haben die Zeugen Jehovas nicht erreicht. In Deutschland, auch europaweit, haben sie das Problem, dass ihnen die Basis, der Nachwuchs, wegbricht.“ Pape geht von rund 162.000 aktiven, missionierenden Mitgliedern bundesweit aus - 170.000 bis 180.000 waren es vor zehn Jahren.

„Ihre Strategie ist, dort zu missionieren, wo es Probleme gibt. Im Moment gehen sie oft in Asylbewerberheime“, sagt Pape. Man treffe auf einen Querschnitt der Gesellschaft bei den ZJ - dabei häufig auf labile Menschen, oft in einer Lebenskrise. „Solche Krisen werden manipulativ missbraucht, um sie zu Missionaren zu machen.“ Der Klinikseelsorger warnt: „Eigenes Denken soll abtrainiert werden. Wer reingerät, wird seelisch abhängig.“ Für den prophezeiten Weltuntergang nennen sie kein festes Datum mehr. „Sie sagen: er steht unmittelbar bevor. So lässt sich eine gewisse Verunsicherung aufrechterhalten und auch Druck, sich weiter eifrig zu engagieren.“

Wolfram Slupina, Sprecher der ZJ, nennt es „abwegig“, dass man eine Imageaufwertung angestrebt habe. „Wir sind nicht durch unseren Rechtsstatus in der Öffentlichkeit bekannt, sondern durch unser Eintreten für die Bibel und das eifrige Verkünden des Evangeliums.“ Slupina wirft Vertretern der beiden großen Kirchen vor, die ZJ „seit jeher“ negativ darzustellen. „Freiwilligkeit und Eigenverantwortungen sind die wichtigsten Handlungsgrundsätze, auf denen wir unser religiöses Wirken aufbauen.“ Zähle man die Nicht-Missionsaktiven mit, komme man auf 220.000 Menschen.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) zeichnet ein gegensätzliches Bild: „Hinter ihrer Fassade erweist sich diese Gemeinschaft sehr schnell als restriktive Organisation, die von ihren Anhängern blinden Gehorsam erwartet und für kritische Rückfragen (...) keinen Raum hat.“ Experte Michael Utsch von der EZW schildert: „Die säkulare Welt ist nach ihrer Auffassung böse, vom Satan verseucht, man soll sich daher nicht mit irdischen Dingen beschäftigen oder belasten.“

Ein Missionar in einer Fußgängerzone. In vielen Städten ein gängiges Bild.

Ein Missionar in einer Fußgängerzone. In vielen Städten ein gängiges Bild.

Foto: dpa
 

Die ZJ glaubten an ihre Rettung in einem Zwei-Stufen-System: Nach dem Untergang der Welt könnten 144.000 Auserwählte mit Christus im Himmel regieren, andere ins Friedensreich auf Erden gelangen. Die Lehre werde autoritär vermittelt. Die professionellen Materialien kommen Utsch zufolge von der „Wachtturm-Gesellschaft“ (WTG) - geführt von der Leitenden Körperschaft in New York.

Die WTG lege die Bibel „fundamentalistisch“ aus, nutze eine eigene englischsprachige Übertragung, die stellenweise verfälsche. Das könne dramatische Folgen haben: Das Verbot einer Bluttransfusion - auch zur Lebensrettung - werde mit Bibelstellen begründet. Utsch - er lehrt auch an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Uni Berlin - warnt vor „sozialer Isolation und einem typisch sektiererischen Schwarz-Weiß-Denken.“ Andere Kirchen würden abgelehnt.

Es seien gebildete Menschen, Akademiker, unter den ZJ, weiß Utsch. „Der seelische Gewinn durch Zugehörigkeit kompensiert intellektuelle Zweifel. Aber wenn jemand raus will, wird es schwierig.“ Gerade betreut der Religionspsychologe eine verzweifelte Aussteigerin. Aktuell stecke die WTG in finanziellen Schwierigkeiten, auch wegen zwei Missbrauchs-Prozessen und dem Bau einer neuen Weltzentrale. Pape und Utsch mahnen einhellig, man solle die ZJ nicht unterschätzen.

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