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Trauer braucht Zeit - Freunde und Verwandte dürfen nicht drängen

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Regensburg (dpa/tmn) - Jeder trauert anders, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Und doch ähnelt sich die Trauer in ihrem groben Ablauf - und darin, wie Betroffene mit ihr umgehen. Wichtig ist vor allem eines: Zeit.

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erstellt am 29.Mai.2013 | 10:44 Uhr

Regensburg (dpa/tmn) - Jeder trauert anders, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Und doch ähnelt sich die Trauer in ihrem groben Ablauf - und darin, wie Betroffene mit ihr umgehen. Wichtig ist vor allem eines: Zeit.

Abschiednehmen ist ein Grundstein der Trauerarbeit. «Es tröstet im Nachhinein ungemein, wenn man Abschied nehmen konnte», sagt Konrad Baumgartner, emeritierter Professor für Pastoraltheologie aus Regensburg. Kündigt sich der Tod an, sollten Angehörige und Freunde die Zeit nutzen, um sich zu verabschieden und sich gemeinsam mit dem sterbenden Menschen an die wertvollen Momente seines Lebens zu erinnern. Nach dem Tod kann es helfen, den Toten noch einmal zu sehen und sich so von ihm zu verabschieden.

«Es ist eine harte Konfrontation und ein Schock», sagt Baumgartner. Aber es falle vielen dann leichter, den Tod des Angehörigen zu realisieren. Das erste Abschiednehmen fällt mit der sogenannten Schockphase der Trauer zusammen. Sie reiche von der Todesnachricht bis etwa zur Beerdigung, erklärt Baumgartner. Danach folgt die regressive Phase, «wo sich die Angehörigen zurückziehen.» Hier sei es wichtig, dass Freunde und Verwandte sich nicht ebenfalls zurückziehen und denken, sie müssten den Trauernden jetzt alleinlassen. «Das Ausweichen ist ganz schlimm.» Es könne die Trauer verdoppeln, sagt Baumgartner.

Stattdessen brauche es ein Stück Begleitung und Hilfe: «Soziale Stützen, die den Weg mitgehen.» Außerdem kann zur Trauerbewältigung beitragen, Bilder des Verstorbenen aufzustellen und Kerzen zu entzünden: «Die Trauer braucht Räume», erklärt Baumgartner.

In dieser Phase kann hilfreich sein, wenn der Trauernde einen Brief an den Verstorbenen schreibt. «Es tut gut, mit dem Toten noch einmal Kontakt aufzunehmen.» Wenn man sage «Du fehlst mir» oder auch dem Zorn über den Tod freien Lauf lasse, könne das befreiend sein.

Bilder aufstellen, Briefe schreiben, auf den Friedhof gehen - Baumgartner findet es sehr wichtig, auf diese Weise aktiv zu werden. «In der regressiven Phase bin ich plötzlich allein.» Nach der Arbeit, die mit der Organisation der Beerdigung einherging, fällt der Trauernde in ein Loch. Aus der Aktivität dürfe aber keine Überaktivität werden, warnt Baumgartner. Überaktivität hieße zum Beispiel, sich gleich wieder in Arbeit zu stürzen und die Trauer zu verdrängen.

Am Ende der Trauerzeit steht die integrative Phase. «Eine wichtige Bindung wurde abgebrochen», erklärt Baumgartner. Die bewahre der Trauernde in Erinnerung, sei aber langsam wieder imstande, neue Bindungen einzugehen. In dieser Phase können Trauergruppen helfen. «Geteilte Trauer ist halbe Trauer» sagt Baumgartner. Trauer, die noch nicht bewältigt sei, könne dort zur Sprache kommen.

In dieser Phase dürfen Angehörige und Freunde nicht ungeduldig werden. «Jeder darf trauern, wie er die Zeit braucht». Stattdessen sollten Freunde den Kontakt halten, den Trauernden zum Beispiel zu Festen einladen, ihn aber nicht drängen.

Professionellen Beistand von einem Therapeuten oder Seelsorger sollten Betroffene in Erwägung ziehen, wenn sich die Trauer gar nicht löst. «Wenn ich wie versteinert bin.» Und zum Beispiel im Zimmer des Verstorbenen auch nach Jahren noch alles völlig unverändert ist. Baumgartner nennt das mumifizierte Trauer. Aber auch in diesem Fall gilt: Freunde sollten nicht zu früh auf professionelle Hilfe pochen, sondern dem Trauernden Zeit zugestehen.

Mehr als die Hälfte der Deutschen (59 Prozent) braucht keinen bestimmten Ort, um der Verstorbenen zu gedenken. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Emnid-Umfrage. 21 Prozent brauchen allerdings einen festen Platz, um zu trauern - egal welchen. Für 20 Prozent ist dieser Ort das Grab auf einem Friedhof. Die Umfrage wurde von der Initiative Aeternitas in Auftrag gegeben, die sich unter anderem mit Bestattungskultur befasst.

Obwohl für viele die Trauer nicht ortsgebunden ist, messen sie dem Grabmal eine hohe Bedeutung bei. 63 Prozent der Befragten stuften es für wichtig ein, um an verstorbene Verwandte oder Freunde zu denken. Über zwei Drittel (70 Prozent) besuchen mindestens einmal im Jahr ein Grab auf einem Friedhof, 15 Prozent der Befragten sogar wöchentlich.

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