zur Navigation springen

Quer durch SH : Tramp-Tour im Auftrag der Leser: Grüße per Anhalter für die Mama

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die beiden sh:z-Mitarbeiter Kay Müller und Michael Staudt trampten am Dienstag quer durchs Land – mit Überraschungen im Gepäck.

Nortorf/Kiel/Fahrdorf | Es dauert zwei Sekunden. Na gut, vielleicht vier. Dann hat Anne Nissen begriffen, wer da vor ihrer Tür in der Altenwohnanlage in Fahrdorf bei Schleswig steht. „Sie müssen die Überraschung sein, die meine Tochter mir angekündigt hat“, sagt die 76-Jährige. Und in der Tat sind sh:z-Redakteur Kay Müller und Fotograf Michael Staudt geschickt worden.

Im Rahmen ihrer traditionellen Tramp-Tour durch Schleswig-Holstein sind sie per Anhalter unterwegs – in diesem Jahr, um Wünsche der Leser zu erfüllen. „Zu meiner Mutter nach Fahrdorf/Schleswig. Ihr einen Blumenstrauß kaufen und sagen: Sie ist die beste Mama in der Welt, und ich vermisse sie“, hat Meike Özen geschrieben als sie von der Tour bei Facebook las.

„Meine Tochter wohnt seit elf Jahren in der Türkei und schafft es leider nicht so häufig, mich zu besuchen“, sagt Anne Nissen und greift zum Tablet. „Ich muss ihr gleich sagen, dass ihre Überraschung angekommen ist.“ Per Skype erreicht sie die 48-Jährige, die ihrer Mutter übers Netz einige Kusshände zuwirft. „Sie hat das Dankeschön so sehr verdient, weil sie immer für mich und meine Geschwister da war“, lobt Meike Özen.

Es ist nicht der erste Blumenstrauß, den Staudt und Müller an diesem Tag übergeben. Eine gute Stunde zuvor betreten sie den Aufwachraum der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. In Klinikkleidung überraschen sie Gerhard Kähler. „Sie sind der Beste, und sie liebt Sie“, sagt Kay Müller und reicht dem Pfleger einen Strauß. „Ihre Frau hat uns geschickt“, erklärt Staudt. Kähler ist überrascht – und sagt dann einen Satz über seine Frau, den Anne Nissen so ähnlich über ihre Tochter gesagt hat. „Die ist so verrückt, die macht so etwas.“

Gerhard Kähler (Mitte) mit Staudt und Müller.
Gerhard Kähler (Mitte) mit Staudt und Müller. Foto: sh:z

Da ist es fast drei Stunden her, dass die Reporter ihre Tramp-Tour in Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) gestartet haben. „Wir wollten einfach mittendrin sein“, sagt Müller. Deswegen beginnen er und Staudt ihre Fahrt per Anhalter und ohne Geld in der geografischen Mitte Schleswig-Holsteins. Sie wollen nicht nur Gutes tun, sondern auch herausfinden, was die Menschen, die sie mitnehmen, mit dem Begriff Heimat verbinden. Als erstes treffen die beiden auf Bauer Max Matthiesen, der das Land um die geografische Mitte gepachtet hat und nach seinen Kühen sieht. „Heimat, das ist für mich auch das Klima und die Luft hier im Norden“, sagt der 54-Jährige. Wie für viele andere ist das Bundesland sein Identifikationskern.

Einige Minuten später bremst ein Kombi neben Staudt und Müller. Darin sitzt Markus Ermer (48). Der Vermögensberater nimmt die beiden mit nach Kiel und sagt: „Heimat? Ich bin von Bayern immer weiter Richtung Norden gezogen. In Deutschland würde ich nicht mehr in ein anderes Bundesland umziehen. Das ist schon meine Heimat geworden.“

In Kiel stehen die Reporter im Regen – wie fast den gesamten Tag. Doch dann erlöst sie Alastair Walker, der eine Menge zum Begriff Heimat zu sagen hat – wenn nötig in acht Sprachen. Aufgewachsen ist der Brite in Manchester. „Doch meine Heimat ist Schottland – und wird es immer bleiben. Da treffe ich mich regelmäßig mit meinem Clan“, sagt Walker. „Aber ich lebe seit 1972 in Kiel – das ist schon auch ein bisschen meine Heimat. Wer sagt denn, dass man nicht an mehreren Plätzen Heimatgefühle haben kann?“ Als junger Mann sei er selbst viel getrampt – quer durch ganz Europa, deshalb habe er angehalten.

Selfie mit Alastair Walker.
Selfie mit Alastair Walker. Foto: sh:z
 

Doch mit dem Heimatbegriff ist Walker noch nicht fertig. Denn auch beruflich hat er damit zu tun: Bis vor ein paar Jahren hat der Sprachwissenschaftler Friesisch an der Kieler Uni unterrichtet. Früher hätten viele junge Leute das Fach studiert, die aus Friesland stammten – aus Heimatverbundenheit. „Heute kommen auch viele, die das einfach interessiert – wir haben Studierende aus Japan, Italien – sogar aus Bayern“, sagt Walker und lacht. „Friesisch ist international.“ Und dann zu Müller: „Noch mehr Fragen?“ Dabei hat der kaum eine gestellt, so anschaulich hat Walker erzählt – und die Redakteure nebenbei ins UKSH gefahren, wo sie Gerhard Kähler überraschen.

Am Ausgang sprechen die Reporter Birgitta und Stefan Prause an, die die beiden nach Fahrdorf bringen. „Wir wohnen seit 30 Jahren in Flensburg – das ist unsere Heimat“, sagt der 67-Jährige. Doch seine Frau betont: „Für Dich vielleicht, für mich wird Heimat immer das Dorf bleiben, in dem ich eine glückliche Kindheit verbracht habe.“

Einen ähnlichen Blick auf die Heimat hat Olav Porse. Der Däne kutschiert die beiden Tramper ein Stück über die A7. Gerade hat er einen Landsmann getroffen, der ebenfalls per Anhalter unterwegs war. „Der hatte wenig Geld und hat seiner Mutter eine Tramp-Tour nach Berlin geschenkt. Die wollte erst nicht mit, hat es dann aber doch gemacht. Die war bestimmt schon 50“, erzählt der 52-Jährige. Heimat ist für ihn der Ort seiner Kindheit in Mitteljütland. „Und das wird er wohl auch bleiben, auch wenn ich mittlerweile in Vejle wohne.“

Für Birte Jürgensen, die die Reporter bis zum Rastplatz Hüttener Berge an der A7 mitnimmt, ist Heimat das Meer. „Im Winter mehr Nordsee, im Sommer eher Ostsee“, so die 46-Jährige. Meer, damit verbindet auch Anke Zander Heimatgefühle. „Ich bin viel umgezogen, habe aber immer am Wasser gewohnt“, erklärt die Schleswigerin, die mit ihren Kindern auf dem Weg in den Urlaub ist und die Tramper das letzte Stück zum Ausgangspunkt nach Nortorf mitnimmt.

Am Ende ist für fast alle Fahrer klar, was Heimat bedeutet: Es ist immer ein Stück der Ort, an dem sie ihre Jugend verbracht haben. Aber vor allem ist es der Platz, an dem die Menschen leben, die sie lieben – egal ob der in Schleswig-Holstein, Dänemark oder der Türkei ist. Auch für Meike Özen, die wegen der Liebe Deutschland verlassen hat und ihre Mutter in Fahrdorf aus der Ferne überrascht hat. Als sie eine letzte Kusshand über Skype schickt, sagt sie: „Hab’ Dich lieb. Und viele Grüße in die Heimat.“

zur Startseite

von
erstellt am 26.Jul.2017 | 06:54 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen