Rettung aus Riesending-Schachthöhle : Tränen und Umarmungen nach dem Höhlendrama

Ein Helfer in der Nähe des Einstiegs der Riesending-Schachthöhle. In der Nacht verzögerte sich die Rettung des Höhlenforschers.
Ein Helfer in der Nähe des Einstiegs der Riesending-Schachthöhle. In der Nacht verzögerte sich die Rettung des Höhlenforschers.

Nach gut 274 Stunden kehrte der verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser aus 1000 Metern Tiefe an die Erdoberfläche zurück. Es ist das glückliche Ende einer der spektakulärsten Rettungsaktionen, die es je in den Alpen gab.

shz.de von
19. Juni 2014, 12:29 Uhr

Berchtesgaden | Strahlend liegen sie sich in den Armen. Die Retter haben den Helm noch auf, den Klettergurt um, die Kleidung ist nach Tagen in der Höhle schlammverschmiert. Manchen stehen Tränen in den Augen, mache weinen: Johann Westhauser ist gerettet. Tagelang haben die Helfer rund um die Uhr bis zur Erschöpfung gekämpft, um den schwer verletzten Höhlenforscher aus 1000 Metern Tiefe zu bergen. Er ist einer der ihren, der Kreis der extremen Höhlenforscher und -retter ist europaweit klein. Zuversicht, Teamgeist und mentale Stärke haben sie alle getragen. Westhauser eingeschlossen.

„Man weiß, es wird gut gehen. Man braucht eine positive Grundstimmung“, sagt die Höhlenretterin Sabine Zimmerebner. Sechs Tage war sie in der Höhle, hat Westhauser, den sie kennt, fast den ganzen Transport über betreut. Ihm die Hand gehalten, Grüße ausgerichtet. Ihn rein physisch gewärmt, denn dort unten ist es kalt. Im echten Leben leitet sie einen Kindergarten in Salzburg.

Auch Bergretter Stephan Bauhofer war bei an Westhauser, begleitete ihn auch psychologisch, damit der Schwerverletzte nicht überfordert wurde. „Da musste man mit Tricks arbeiten, dass der Patient mitspielt.“ Etwa müsse man ja nicht bei der ersten Engstelle sagen, dass 99 weitere folgen. Allerdings sei es schwer gewesen, ihm etwas vorzumachen, denn er kennt in der Höhle jeden Winkel.Ganz am Schluss gab es noch einmal eine Nervenprobe. Stunde um Stunde verzögerte sich am Donnerstag die Rettung. Gerade in der Schlussphase wollten die Retter nichts riskieren - lieber eine Pause mehr. Dann, um 11.44 Uhr, die erlösende Nachricht: Westhauser ist gerettet, gut 274 Stunden nach seinem Unfall in der Riesending-Schachthöhle, tief in den Berchtesgadener Alpen. Endlich Tageslicht. „Der Verunglückte ist an die Oberfläche gebracht worden und wird notfallmedizinisch versorgt“, heißt es in einer ersten SMS der Bergwacht.

Dass die beispiellose Aktion klappt, war keineswegs sicher. Bis in die ersten Tage der Rettung hinein habe es Zweifel gegeben, „ob das gelingen kann“, räumt der Vorsitzende der Bergwacht Bayern, Norbert Heiland, jetzt ein. An den elf Tagen zuvor hat darüber niemand gesprochen. „Ich denke, dass man davon sprechen kann, dass in den vergangenen Tagen hier am Untersberg ein Stück alpine Rettungsgeschichte geschrieben worden ist.“  Bei einem Steinschlag hatte Westhauser am Pfingstsonntag in 1000 Metern Tiefe ein Brocken am Kopf getroffen, der Helm konnte den heftigen Schlag nur dämpfen. Der Forscher erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma - und hätte eigentlich sofort auf einer Intensivstation behandelt werden müssen. Doch bis der Transport aus der Tiefe beginnen konnte, vergingen Tage. Erst am vergangenen Freitag konnten die Helfer ihn auf eine Trage legen und starten. Sechs lange Tage waren sie mit ihm unterwegs.

Westhausers Kopf war beim Transport geschützt, Bilder zeigten ihn mit einem weißen Helm. Zwar bereiteten Dutzende Helfer den langen Weg nach oben bestens vor: Neue Seile wurden gezogen, Metallstifte als Tritte in den glitschigen Fels gebohrt, zusätzliche Haken gesetzt. Sie hielten Gischt aus Wasserfällen mit Planen ab, räumten loses Geröll weg. Aber Steinschlag ist nie ausgeschlossen.

Es war eine beispiellose Hilfsaktion. „Vergessen Sie alles, was Sie bei Rettungseinsätzen je erlebt haben“, hatte der Höhlenretter Norbert Rosenberger schon zu Beginn gesagt. Binnen kürzester Zeit, teils schon einen Tag nach dem Unglück, reisten Teams aus verschiedenen Ländern an: Deutsche und Österreicher, dann Schweizer und Italiener. Am Schluss stießen Retter aus Kroatien dazu.

Europaweit gibt es nur wenige Retter, die dieser Höhle gewachsen sind. Ein Land alleine hätte gar nicht genug Einsatzkräfte gehabt. Und: Die meisten Helfer arbeiteten ehrenamtlich. Einige spezialisierte Ärzte aus mehreren Ländern reisten an. Bis ein Mediziner zu dem Verletzten vordringen konnte, vergingen vier Tage. Aber erst Medikamente machten den Transport möglich.

Im Einsatz waren an die 1000 Helfer, darunter allein 202 Höhlenretter. Bei der Pressekonferenz nach der Rettung applaudieren auch die Journalisten, manche stehen auf. Das gibt es nicht oft.

Westhauser hat die Augen geschlossen, als er oben ankommt. Durch ein Spalier reichen die Helfer die Trage mit dem Verletzten weiter. Zuerst zu der eigens eingerichteten mobilen notfallmedizinischen Station. Dann zum Helikopter, der mit laufenden Rotorblättern wartet.

Das Gefühl, es geschafft zu haben, sei überwältigend gewesen, sagen alle.Am Abend teilt die Bergwacht auch mit, wo Westhauser nun liegt: in der Unfallklinik Murnau. Wie es ihm geht, wird möglicherweise am Freitag bekanntgegeben. Die ersten Eindrücke sind freilich nicht so schlecht. Der Arzt Nico Petterich schilderte, wie er beim Start des Rettungshubschraubers den Ohrenschutz nochmal abgenommen und gesagt habe: „Könntest du den Piloten bitten, dass er noch zweimal über das Stöhrhaus fliegt?“ Das ist die nächstgelegene Hütte. Dann habe er etwas höher liegen wollen - damit er nach zwei Wochen in der dunklen Höhle beim Flug etwas sieht.

Bei der Ankunft im Klinikum habe er Petterich den Dank an alle Helfer mitgegeben. „Er hat meine Hand genommen und gesagt, dass er jeden Einzelnen anrufen wird“. Offenbar war Westhauser nicht klar, dass an die 1000 Menschen an seiner Rettung mitgewirkt haben. Petterich: „Das wird ein paar Wochen dauern.“  Die Helfer wollen nun freilich erst einmal nach Hause. Einsatzleiter Klemens Reindl: „Wir freuen uns auf unsere Familien, die uns hoffentlich noch wiedererkennen.“ 

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