zur Navigation springen

25 Jahre Deutsche Einheit : Tränen der Erleichterung: Im Zug aus Prag in die Freiheit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tausende DDR-Flüchtlinge hatten sich in die Prager Botschaft gerettet – 25 Jahre ist dies nun her. Peter Wüst war damals bei der Ankunft des ersten Zuges in Hof für den sh:z und R.SH vor Ort. Sein Blick zurück.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2014 | 09:14 Uhr

Hof | Bewölkter Himmel, leichter Nieselregen. Es ist Sonntagmorgen, als genau um 6.14 Uhr der erste „Zug der Freiheit“ in den Bahnsteig rollt. Ein Zug der nicht auf dem Fahrplan stand. Im Führerstand der DDR-Reichsbahn ein Lokführer und ein Mitarbeiter der Stasi mit versteinertem Blick. Die Fenster der „Taigatrommel“ sind geschlossen, trotzdem hören beide die Jubelschreie „Freiheit, Freiheit“, die ihnen tausendfach aus dem Zug und vom Bahnsteig her entgegenbrüllten. Sogar die Glocken läuteten vom Kirchturm zur Begrüßung der Flüchtlinge in der Stadt, zunächst verhalten, dann immer lauter anzuhören.

In den Fenstern des Zuges erschöpfte, Frauen, Männer und kleine Kinder. Sie weinten alle, hemmungslos, aber ihre Augen strahlten vor Glück! Die Gänsehaut die uns allen dabei über den Rücken strich, kam nicht von der Witterung.

Reporterkollegen aus der ganzen Welt hatten seit Stunden das Geschehen mit ihren Kameras und Mikrofonen dokumentiert. Ein blödsinniger Gedanke schoss mir immer wieder wild durch den Kopf: Hält der Akku durch, denn zur Liveübertragung hatte ich mir mein umgebautes C-Netz-Autotelefon an die Schulter gehängt. Gleiches beobachtete ich bei anderen Kollegen, die ständig an ihren Kameras herumfuchtelten, auch sie hatten Angst vor dem Akku-Problem. Viel später haben wir alle recht herzlich über unsere damalige Aufregung gelacht.

Aber jetzt war es ernst, die ganze Welt blickte nach Hof in Bayern. Zögernd traten wir an die Flüchtlinge heran, wir spürten ihre Angst. Das trat auch in den Interviews immer wieder ganz deutlich hervor.

Viele von ihnen hatten auf der Fahrt in die Freiheit zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, wie sehr sich die DDR mit Mauern, Grenztürmen und Todesstreifen abgesichert hatte: „Wir hatten Angst, die man im ganzen Zug riechen konnte“, haben viele der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft gesagt. Etwa dreißig Mal ging R.SH live vom Bahnhof auf Sendung. Insgesamt kamen dort bis Mitte Oktober sechs „Züge der Freiheit“ an.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen