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Der Fall Franziska Sander : Tote Frau im Fass in Neumünster: Bleibt die Gewalttat ungesühnt?

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Die Staatsanwaltschaft stuft die Tat bislang als Totschlag ein – sie ist verjährt. Die Familie geht in die Offensive.

Hannover | 24 Jahre lang war die Leiche einer Frau aus Hannover in einem Fass eingeschweißt - jüngst wurde die Tote in Neumünster entdeckt. Die Familie des Opfers geht gemeinsam mit Rechtsanwalt Matthias Waldraff in die Offensive. Sie beklagt die jahrzehntelange Untätigkeit der Polizei in dem Vermisstenfall. Schon 1994 hätte man Hinweisen der Geschwister nachgehen müssen, sagte Waldraff, am Donnerstag in Hannover. Erst ab 2014 sei intensiv ermittelt worden.

Zur besonderen Tragik des Falls gehört, dass nach dem Verschwinden der jungen Frau 1992 deren drei Schwestern sowie der Bruder bei der Polizei Alarm schlugen. Die Beamten nahmen aber keine Ermittlungen auf, weil der Ehemann sagte, man habe sich getrennt und die Frau sei ins Ausland gezogen. Nach langem Bemühungen der Angehörigen stieg die Polizei in Hannover 2013 in den Fall ein.

Die Geschwister schreiben an den tatverdächtigten Ehemann: „Bisher haben Sie gelogen, sagen Sie uns endlich die Wahrheit.“ Der Mann hatte vor kurzem eingeräumt, 1992 seine Frau im Streit erwürgt und in das Fass gelegt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover stuft das Verbrechen derzeit als Totschlag ein. Weil Totschlag aber nach 20 Jahren verjährt, wird das Verfahren gegen ihn voraussichtlich eingestellt. Der 52-Jährige ist auf freiem Fuß. Die Ermittlungen sind aber noch nicht abgeschlossen.

Der Fall

Am 10. Februar 1992 verschwand die damals 26 Jahre alte Franziska Sander, seit vier Jahren mit Jörg L. aus Hannover verheiratet. „Eine Vermisstenanzeige wurde nicht erstattet“, sagt Holger Hilgenberg, Sprecher der Kripo Hannover. Weil es keine Hinweise auf eine Straftat gegeben habe, sei auch nicht ermittelt worden. „Wir sind davon ausgegangen, dass Franziska Sanders sich von ihrem Mann getrennt hatte und ins Ausland gezogen war.“

Jörg L. soll Briefe gefälscht und an die Familie geschickt haben, damit sie keinen Verdacht schöpft. Doch 2013 wandten sich die Angehörigen an die Polizei. Hilgenberg: „Daraufhin erfolgten umfangreiche Ermittlungen – unter anderem zahlreiche Vernehmungen im Umfeld der Frau.“

Im Frühjahr 2016 wurde dann Jörg L. aufs Revier geladen und verstrickte sich in Widersprüche. „Er geriet in Verdacht, seine Ehefrau umgebracht zu haben“, so der Polizeisprecher. Im September fuhren Kripo-Beamte aus Hannover nach Neumünster und konfrontierten Jörg L. mit ihrem Verdacht. „Da gestand er, seine Ehefrau bei einem Streit erwürgt zu haben. Er schilderte auch, sie nach der Tat in ein Metallfass gelegt und dieses zugeschweißt zu haben.“ Das Fass, erzählte Jörg L. den Ermittlern, habe er bei seinem Umzug mit nach Neumünster genommen und es dort in eine von ihm gemietete Garage gestellt.

Die Garage, die nicht zu seiner Wohnung gehörte, sondern zu einem Garagenhof, ließen sich die Beamten sofort zeigen. Hilgenberg: „Dort stand das Metallfass mit den sterblichen Überresten der Frau.“ Jörg L. wurde festgenommen, bald darauf aber wieder freigelassen. Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover: „Die juristische Bewertung ergab, dass die Tat als Totschlag bewertet werden muss. Da Totschlag nach 20 Jahren verjährt und die Tat bereits 24 Jahre zurückliegt, musste der Beschuldigte nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen werden.“

Bevor die Beamten den Fall endgültig zu den Akten legen, wollen sie jetzt noch die genauen Hintergründe der Tat ermitteln. „Wir suchen Personen, die vor dem Verschwinden von Franziska Sander Kontakt zu ihr hatten“, so Polizeisprecher Hilgenberg.

Hintergrund: Strafen und Verjährung bei Mord und Totschlag

Seit 1979 gilt: Mord verjährt nicht. Damals wurde das Strafgesetzbuch (StGB) geändert, weil Verbrechen aus der Nazi-Zeit zu verjähren drohten. Wer als Mörder überführt wird, muss die Tat mit lebenslanger Haft büßen – das sind mindestens 15 Jahre. Dafür müssen bestimmte Motive wie Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier oder andere niedrige Beweggründe erfüllt sein. Als Mörder gilt auch, wer einen Menschen grausam, heimtückisch oder um eine andere Tat zu verdecken tötet.

Wer einen Menschen vorsätzlich tötet, ohne eines der Mordmerkmale zu erfüllen, wird als Totschläger nicht unter fünf Jahren Haft bestraft. Drohen im Höchstmaß mehr als zehn Jahre Haft, verjährt die Tat nach 20 Jahren. In besonders schweren Fällen kommt auch eine lebenslange Freiheitsstrafe in Betracht. Die Verjährung liegt dann bei 30 Jahren.

In minder schweren Fällen des Totschlags - zum Beispiel nach einer Beleidigung - stehen Haftstrafen bis zu zehn Jahren an. Die Verjährungsfrist beträgt ebenfalls zehn Jahre.

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erstellt am 08.Dez.2016 | 13:30 Uhr

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