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Breitscheidplatz in Berlin : Todesfahrt über Weihnachtsmarkt: Was wir wissen – und was nicht

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Zwölf Menschen sterben am Montagabend. Was ist bekannt? Eine Übersicht.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2016 | 08:38 Uhr

Alle aktuellen Informationen zu den Ereignissen in Berlin gibt es in unserem Liveblog.

Bei einem mutmaßlichen Anschlag mit einem Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin sind mindestens zwölf Menschen getötet worden. Rund 50 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen lebensgefährlich.

Was wir wissen

- Gegen 20 Uhr fährt ein Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt. Der Fahrer legt eine Strecke von 50 bis 80 Metern zurück, überfährt dabei viele Menschen und zerstört mehrere Marktbuden. Einen Unfall schließt die Polizei am frühen Dienstagmorgen aus und spricht von einem „vermutlich terroristischen Anschlag“. Auch der Generalbundesanwalt Peter Frank geht von einem terroristischen Hintergrund aus.

- Von den elf toten Weihnachtsmarktbesuchern seien inzwischen sechs identifiziert, sagte BKA-Präsident Holger Münch. Sie waren demnach deutsche Staatsbürger.

 

- Auf dem Beifahrersitz wird ein toter Mann entdeckt, er starb laut Polizei vor Ort und ist polnischer Staatsbürger. Offenbar erlitt er Stich- und Schusswunden. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei fuhr er den Lastwagen nicht in die Menschenmenge.

- GPS-Daten hätten gezeigt, dass der Lkw ab etwa 16 Uhr mehrmals gestartet worden sei, berichtete der Sender TVN24 unter Berufung auf die betroffene polnische Spedition bei Gryfino in der Nähe von Stettin. Dabei könnte es sich um Versuche eines mutmaßlichen Entführers gehandelt haben, den Lkw zu steuern, vermuteten polnische Medien. Gegen 19.45 Uhr habe der Wagen seinen Standort in Berlin endgültig verlassen, hieß es.

- Im Führerhaus des Lastwagens war nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden worden.

- Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls sagt ein Polizeisprecher, es handle sich vermutlich um einen Anschlag. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt in der Nacht, dass viel für einen Anschlag spreche.

- Ein Verdächtiger flüchtet und wird nahe der Siegessäule festgenommen. Der Hinweis auf die Person basiert auf einem Augenzeugen. Der Terror-Verdächtige leugnet die Tat und auch die Polizei hat offenbar Zweifel an der Schuld des Mannes. Der 23-Jährige streite bisher alles ab, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Dienstag aus Sicherheitskreisen.

-  Bei dem festgenommenen Tatverdächtigen sollen sich kaum Spuren gefunden haben, die auf einen Kampf hindeuten, wie der „Spiegel“ aus hochrangigen Ermittlerkreisen erfahren haben will. Mit Blut befleckte Kleidung wurde bei ihm nicht gefunden. Zudem habe man keine typischen Schmauchspuren an seinem Körper gefunden, die auf eine Schussabgabe schließen lassen.

- Der Festgenommene kommt nach Informationen des RBB-Inforadios aus Pakistan. Laut Medienberichten wurde er am 1.1.1993 dort geboren. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben den Verdächtigen unter dem Namen Naved B. als mutmaßlichen Flüchtling identifiziert. Der wohl 23 Jahre alte Mann habe zwei Alias-Namen geführt, die dem erstgenannten Namen sehr ähnlich seien, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen.

- Der Tatverdächtige sei am 31. Dezember 2015 in Passau nach Deutschland eingereist, berichtete RBB-Inforadio unter Berufung auf Sicherheitskreise. Er lebte offenbar in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft. Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, der Verdächtige sei den Ermittlern bekannt, allerdings nicht wegen eines terroristischen Hintergrundes, sondern wegen kleinerer krimineller Delikte.

- Der Lastwagen der Marke Scania gehört einer polnischen Spedition und hatte Stahlkonstruktionen geladen. Der Lastwagen hatte diese aus Italien nach Berlin transportiert, berichtete Speditions-Eigentümer Ariel Zurawski. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt. Die Berliner Polizei teilte mit, es bestehe der Verdacht, dass der Sattelschlepper in Polen von einer Baustelle gestohlen worden sei.

- Der Lastwagen-Fahrer war laut Speditions-Eigentümer Ariel Zurawski seit etwa 16 Uhr nicht mehr zu erreichen. Es handele sich um seinen Cousin, sagte Zurawski.

- Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm die Ermittlungen.

Was wir nicht wissen

- BKA-Präsident Holger Münch kann nicht ausschließen, dass noch immer ein bewaffneter Täter unterwegs ist. Man sei „hochalarmiert“, um eventuelle Tatbeteiligte zu identifizieren, sagte Münch. Man wisse nicht sicher, ob der richtige Mann gefasst worden sei und ob es nur einen einzigen Täter gebe.

- Ob Naved B. tatsächlich der Täter ist, wird bezeifelt. Der 23 Jahre alte Mann bestreitet die Tat. Aus Polizeikreisen berichtet unter anderem die „Welt“, dass die Beamten davon ausgehen, den falschen Mann festgenommen zu haben. Die Angaben des mutmaßlichen Täters seien überprüft und als korrekt erachtet worden. „Es ist in der Tat unsicher, dass es der Fahrer war“, sagte Polizeipräsident Klaus Kandt. Im Führerhaus des Lastwagens war nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden worden. Bei dem später in einiger Entfernung vom Tatort festgenommenen Tatverdächtigen sei dagegen keine worden. Ob dies darauf hindeuten könnte, dass der Mann noch im Lkw die Kleidung gewechselt haben könnte, blieb ebenfalls zunächst unklar.

- Unklar sind auch die Todesumstände der Leiche auf dem Beifahrersitz. Nach Angaben von Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) befindet sich unter den Toten vom Breitscheidplatz auch eine Person, die erschossen wurde. Vermutlich handele es sich um den polnischen Kraftfahrer, der allerdings Opfer und nicht Täter sei, sagte Schröter. Schröter berief er sich dabei auf Angaben aus einer Telefonkonferenz der Innenminister der Länder.

- Ist dieser Tote der seit dem Montagnachmittag vermisste Cousin des Speditionseigentümers? Dieser geht davon aus, dass seinem Cousin etwas angetan wurde.

- Widersprüchliche Angaben gibt es dazu, was kurz vor dem mutmaßlichen Anschlag mit dem Laster passierte. Es gibt Berichte über einen Kampf im Fahrerhaus des Fahrzeugs. Während die Polizei Hinweisen nachgeht, dass das Fahrzeug bereits in Polen von einer Baustelle gestohlen wurde, sagte der Speditionschef, der Fahrer sei auf dem Weg von Italien nach Berlin gewesen.

- Offen war zunächst, ob der Vorfall einen terroristischen Hintergrund hatte, oder ob es sich etwa um einen Amoklauf handelte. Die konservative US-Zeitung „The Washington Times“ veröffentlicht unbestätigte Informationen, dass sich der IS zum Anschlag bekannt habe. Diese Angaben befinden sich noch auf der Grundlage von Spekulationen. Das Blatt beruft sich auf die irakische People's Mobilization Force, die dies über verschlüsselte „Telegraph“-Nachrichten in Erfahrung gebracht haben will. Eine öffentliche Bekanntmachung des IS gab es nicht.

- Ob es sich überhaupt um einen islamistischen Anschlag handelt, ist nicht geklärt. Der Verdächtige ist den deutschen Sicherheitsbehörden bislang nicht als Islamist aufgefallen. Den Behörden ist bislang auch keine Bekennung der Terrormiliz IS zu der Tat in Berlin geläufig.

- Die Frage, ob es Komplizen oder Mitwisser gibt, ist ungeklärt. Die Polizei hat einen Hangar auf dem früheren Flughafen Tempelhof durchsucht. Dort befindet sich Berlins größte Flüchtlingsunterkunft. Vier junge Männer Ende 20 aus dem Hangar 6 seien befragt worden, es gab aber keine Festnahmen, sagte Sascha Langenbach, Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, am Dienstag. Ob die Polizei nach Verbindungen des Täters suchte, sagte der Sprecher nicht explizit. „Die Annahme kann man aber haben.“ Zur Herkunft der befragten Flüchtlinge gab es keine Angaben.

Für Foto- und Video-Hinweise hat das Bundeskriminalamt ein Upload-Portal unter bka-hinweisportal.de bereitgestellt.
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