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Sonntagskrimi aus Wiesbaden : „Tatort“-Kritik: Tukur – eine Stadt jagt Narziss

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Beim Tatort aus Wiesbaden geht es heute etwas anders zu. Der Schauspieler Ulrich Tukur gerät in die Mordermittlungen.

shz.de von
erstellt am 27.Dez.2015 | 09:32 Uhr

Wiesbaden | Drogen-Trips und Hirn-Gespinste, Zirkusauftritte oder Blut-Opern á la Tarantino – die Schizophrenie des LKA-Ermittlers Felix Murot (Ulrich Tukur) ist bekanntlich grenzenlos. Oder ist es sein Narzissmus?

Zumindest stellte sich in den bisherigen vier Murot-„Tatorten“ immer lauter die Frage: Was ist Traum, was Realität? Wir erinnern uns: Drei Leichen am Bahnhof? Pillepalle. Eine subtile Assistentin (Barbara Philipp)? Nur noch Souffleuse. Nichts ist schräg und albern genug. Und da dachte mancher, dass das Wild-West-Baller-Epos „Im Schmerz geboren“ letztes Jahr die Spitze des Absurd-Krimis im deutschen TV sei. Pah, heute kommt es noch besser!

Heute verschlägt es uns nämlich in eine Schau-„Spielhölle“ der etwas anderen Art. In ein Casino, wo zwei Leichen gefunden werden. Eine im Treppenhaus, eine im Kofferraum eines Autos. War Murot mit dem einen der beiden Kerle am Vorabend nicht am Black-Jack-Tisch? Und hatte der nicht eine Riesenstange Geld gewonnen? Er weiß es nicht mehr.

Plötzlich wird Tukur selbst des Mordes verdächtigt. Richtig gelesen – nicht Murot, sondern Tukur. Denn in Nullkommanichts sind wir in einem Film im Film, in dem Bastian Günther (Buch und Regie) einmal durchkaspert, wie „armselig“ doch das Schauspieler- und Kriminalistenleben ist. Immer auf 180, ohne jede Loyalität, wenn es um Rollen oder Leichen geht, und meist am Rande des Nervenzusammenbruchs. Oder der Privatinsolvenz.

Anders als zuletzt, wo Story und Figuren in Blei und Blut erstickten, ist die Camouflage heute ein Mordsspaß. Slapstick pur und mit genialen Auftritten der „Tatort“-Kollegen Wolfram Koch, Margarita Broich (Frankfurt) und Martin Wuttke (Ex-Leipzig). Die spielen sich allesamt selbst. Und was zu beweisen war: Tukur setzt diesem Tragiklamauk tatsächlich die Krone auf. Zum Zungeschnalzen seine selbstverliebten Pirouetten.

Mit „Tatort“ hat das zwar erneut nix zu tun, aber nach Weihnachten ist es einfach perfekt. Wie ein Verdauungsschnaps.

„Tatort – Wer bin ich?“, 20.15 Uhr, ARD

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