ARD-Krimi aus Bremen : „Tatort“ am Sonntag: Doppelmord in der sozialen Todeszelle

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Gnadenlos zeigt der Bremer „Tatort“ den Pflegenotstand. Wer politische Statements befürchtet, kann beruhigt einschalten.

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10. März 2018, 20:08 Uhr

Lange Einstellungen, lange Pausen – lange Gesichter. Wenn es um den Pflegenotstand geht, ist es mit „Happy Feet“ schnell vorbei. Und wenn es erst so weit ist, dass ein Rentner aus Verzweiflung seine demenzkranke Frau erstickt, einen Haufen Pillen einwirft, um ihr zu folgen, und dann pflichtschuldig sogar noch die 110 anruft, dass man bald ihre Leichen abholen solle, dann verstehen wir: Hier stinkt etwas gewaltig.

Und so ist es für Inga Lürsen und Kollege Stedefreund (Sabine Postel, Oliver Mommsen) alles andere als eine normale Ermittlung, als sie Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad) im Krankenhaus befragen, der nach seinem Suizidversuch gerettet wurde und nun erklären soll, warum er seine Frau getötet hat. War es nur Verzweiflung oder doch – Mord? Claasens Antwort ist einfach: „Wir konnten uns die Behandlungen und Ärzte nicht mehr leisten. Warum haben Sie mich nicht sterben lassen?“

Was folgt, ist die schmerzhafte Suche nach den Motiven und Hintergründen dieses Todesfalls, der offenbar nur die Spitze des Pflege-Dilemmas ist. Hier die Angehörigen und Pflegekräfte, die oft jahrelang Alte und Kranke betreuen, bis zur Erschöpfung. Da die überforderten, teils korrupten Pflegedienste, die mit dem Leid der Menschen auch noch Kasse machen. In diesen sozialen Todeszellen ist ein Mord durchaus Erlösung. Aber darf man hier die Moral über das Gesetz stellen?

Katrin Bühlig (Buch) und Philip Koch (Regie) zelebrieren den Pflegenotstand hautnah und gnadenlos. Wie einen Hilfeschrei in all den halbherzigen Polit-Debatten. Das hätte auch nach hinten losgehen können. Wie so oft, wenn der „Tatort“ für politische Statements bemüht wird. Tut es aber nicht! Dieser Sozial-Krimi ist genau recherchiert, hat Kraft und vielschichtige Figuren. Dazu zählen auch unsere Bremer Kommissare, die hin- und hergerissen sind zwischen Logik und Empathie. Selbst die Postel, deren zerknittertes Gesicht wohl die beste Folie für all die Trübsal hergibt, glänzt mit anrührenden Momenten. Respekt!

„Tatort – Im toten Winkel“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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