Zugausfälle, umgestürzte Bäume, blockierte Straßen : Sturmtief „Burglind“ wütet in Deutschland

Diese rund 70 Meter hohe Windkraftanlage im niedersächsischen Landkreis Schaumburg knickte im Angesicht des Sturmtiefs „Burglind“ ein. Menschen wurden dabei nicht verletzt.
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Diese rund 70 Meter hohe Windkraftanlage im niedersächsischen Landkreis Schaumburg knickte im Angesicht des Sturmtiefs "Burglind" ein. Menschen wurden dabei nicht verletzt.

Mit Tief „Burglind“ kommen orkanartige Böen nach Deutschland. In anderen europäischen Ländern bringt „Eleanor“ Ärger.

shz.de von
03. Januar 2018, 18:26 Uhr

Düsseldorf/Offenbach | Das erste Sturmtief des neuen Jahres ist mit großer Wucht über weite Teile Deutschlands gefegt. „Burglind“ brachte am Mittwoch orkanartige Böen von mehr als 120 Kilometern pro Stunde und peitschenden Regen. Es kam zu Behinderungen im Verkehr auf Straßen, Zugstrecken und Fährlinien an den Küsten, Bäume stürzten um.

An Niedersachsens Nordseeküste blies es am Mittwoch besonders heftig, Fähren fielen aus. Am Flughafen Hannover wurden Flüge gestrichen, weil Maschinen aus Amsterdam und Zürich schon an den Abflughäfen nicht abheben konnten. Der DWD warnte vor entwurzelten Bäumen, herabstürzenden Dachziegeln und umherfliegenden Gegenständen.

Vor allem an der Küste gab es orkanartige Böen. Auf Spiekeroog wurde am Mittwoch in der Spitze eine Windgeschwindigkeit von 112 Kilometern pro Stunde gemessen, wie eine DWD-Sprecherin sagte. Im Binnenland wehte es meist etwas schwächer, aber ebenfalls stürmisch.

Im Landkreis Schaumburg stürzte eine Windkraftanlage um. Menschen seien bei dem Vorfall in Volksdorf nicht verletzt worden, sagte Polizeisprecher Axel Bergmann. Auslöser sei vermutlich ein technischer Defekt gewesen, erklärte er. So habe sich die Anlage nicht in den Wind drehen können. Nach ersten Erkenntnissen sei zunächst ein Rotorblatt abgebrochen. „Dann stürzte durch die Sturmbelastung der gesamte Turm um“, sagte Bergmann.

In Cuxhaven wurde die Fährverbindung nach Helgoland vorsorglich eingestellt. Mehrere Urlauber seien bereits am Dienstag abgereist, andere würden zurückfliegen oder länger bleiben, sagte eine Sprecherin auf der Hochseeinsel. Derzeit ist mit der „Funny Girl“ nur ein kleineres Schiff im Helgoland-Einsatz. Die größere Fähre „Helgoland“ war am Sonntag beim Anlegen beschädigt worden und liegt zur Reparatur in einer Werft.

Auch auf Wangerooge wurden Urlaubspläne durcheinander gewirbelt. Dort fielen wegen Hochwasser zwei Verbindungen vom und zum Festland aus, einige Gäste reisten früher ab. Je eine Abfahrt wurde von Spiekeroog nach Neuharlingersiel und umgekehrt gestrichen. „Die Urlauber wussten aber seit Dienstag Bescheid und haben sich darauf eingestellt“, sagte eine Touristik-Sprecherin. Einschränkungen gab es zudem mit den Fähren nach Langeoog und Norderney. In der Region Hannover stürzte ein Baum auf die Bahngleise, zwischen Weetzen und Haste verkehrten deshalb vorübergehend Busse.

Für Mittwoch und Donnerstag warnte der Landesbetrieb NLWKN im ostfriesischen Norden auch an der Nordseeküste vor der Gefahr einer leichten Sturmflut. Dabei könnten Strände, ufernahe Gebiete und Hafenflächen überflutet werden. Das Nachthochwasser zum Donnerstag sollte bis zu 1,5 Meter über dem mittleren Hochwasserstand liegen.

Die Meteorologen erwarteten, dass der Wind in der Nacht zu Donnerstag noch zunimmt, von Mitternacht an aber abflaut. Dann werde „Burglind“ weiter Richtung Ostsee ziehen und sich dabei abschwächen. Zum Wochenende hin bleibt es unbeständig und meist sehr mild.

Süden und Westen Deutschlands heftiger getroffen

Nachdem Sturmtief „Burglind“ durchgezogen ist, liegen Teile eines Daches in Stuttgart auf der Straße und auf den Schienen der Stadtbahn.
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Nachdem Sturmtief „Burglind“ durchgezogen ist, liegen Teile eines Daches in Stuttgart auf der Straße und auf den Schienen der Stadtbahn.

Die Flüsse in Nordrhein-Westfalen steigen teils gefährlich. Köln und andere Städte wappnen sich für ein drohendes Hochwasser. Von Verletzten durch „Burglind“ war zunächst nichts bekannt. In anderen europäischen Ländern hieß das Tief „Eleanor“ und behinderte ebenfalls das öffentliche Leben. In Frankreich kam ein Mensch ums Leben.

Riesige Wellen treffen die Mole von Newhaven (Großbritannien).
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Riesige Wellen treffen die Mole von Newhaven (Großbritannien).
 

In den kommenden Tagen wird es laut Wettedienst vor allem im Südwesten regnen. „Daher gibt es in den dortigen Staulagen Unwetterwarnungen wegen Dauerregens“, sagte Christoph Hartmann von der Wettervorhersagezentrale am Mittwoch in Offenbach. Regen- und Schmelzwasser können sich dann lokal zu Hochwasser summieren.

Vor allem im Westen und Südwesten Deutschland waren Straßen blockiert und der Regional- und Fernverkehr der Bahn gestört. Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz. Mehrere Zoos und Tierparks blieben geschlossen – wegen der Gefahr von herunterfallenden Baumteilen.

Feuerwehrleute stehen auf der B19 zwischen Thanners und Immenstadt (Bayern) auf einer Wiese neben einem ungestürzten 40-Tonner.
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Feuerwehrleute stehen auf der B19 zwischen Thanners und Immenstadt (Bayern) auf einer Wiese neben einem ungestürzten 40-Tonner.
 

Auf Deutschlands höchstem Berggipfel, der Zugspitze, fuhr die Zahnradbahn nicht. Das Skigebiet Garmisch-Classic blieb geschlossen. Wegen herumfliegender Bandenteile und Werbebanner musste die vierte Etappe der Tour de Ski der Langläufer in Oberstdorf vorzeitig beendet werden. Nach dem Prolog der Damen reagierte die Jury und brach den Wettbewerb ab.

Auf der 1163 Meter hohen Hornisgrinde des Nordschwarzwaldes wurde zwischen 8 und 9 Uhr eine Windgeschwindigkeit von 159 Stundenkilometern gemessen. Damit könne man dort von einem „extremen Orkan“ sprechen, hieß es beim DWD.

Im Fernverkehr gab es Einschränkungen auf den Strecken Köln-Bonn, Köln-Aachen, Aachen-Krefeld, Kaiserslautern-Ludwigshafen und Köln-Niederlahnstein, wie die Bahn am Vormittag per Twitter mitteilte. Aktuell sei noch nicht absehbar, wann die Verbindungen wieder voll befahrbar seien.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte weiter besonders vor umstürzenden Bäumen. „Die Böden sind durch den Regen der vergangenen Tage durchnässt, Bäume kippen leichter um“, sagte der DWD-Meteorologe Robert Hausen. In Wäldern solle man sich lieber nicht aufhalten. Es könne noch bis in die Nacht zum Donnerstag gefährliche Sturmböen geben.

Drohende Hochwasser am Rhein

Erste Probleme gibt es auch an den Flüssen. In Köln wurde die Hochwassermarke I überschritten, bei der Schiffe ihre Geschwindigkeit reduzieren müssen. Die Stadt wappnet sich gegen drohende Überflutungen durch Hochwasser im Rhein.

Wasser schwappt in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf einen Uferweg. Durch den starken Regen der vergangenen Tage wird der Schiffsverkehr auf dem Rhein eingeschränkt.
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Wasser schwappt in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf einen Uferweg. Durch den starken Regen der vergangenen Tage wird der Schiffsverkehr auf dem Rhein eingeschränkt.
 

In den niederländischen Küstengebieten fielen Intercitys aus, Deiche und Brücken wurden für den Autoverkehr gesperrt. Zum ersten Mal sind alle fünf Sturmflutwehre geschlossen worden. „Das hat es noch nie zuvor gegeben“, twitterte die niederländische Wasserbehörde.

Die Sturmflutwehre „Oosterscheldekering“ in Neeltje Jans (Niederlande) in der südwestlichen Provinz Zeeland (Niederlande) sind geschlossen.
Foto: dpa
Die Sturmflutwehre „Oosterscheldekering“ in Neeltje Jans (Niederlande) in der südwestlichen Provinz Zeeland (Niederlande) sind geschlossen.
 

In Frankreich kam ein Mensch ums Leben. Grund sei ein umgefallener Baum im Alpen-Skiort Morillon, hieß es beim Zivilschutz. Ebenfalls in Frankreich waren infolge des Sturms am frühen Mittwochnachmittag 225.000 Haushalte ohne Strom, wie der Netzbetreiber Enedis mitteilte.

Betroffen waren Regionen im Norden und Nordosten von der Normandie bis ins Elsass. 2500 Mitarbeiter waren im Einsatz, um die Versorgung wieder herzustellen. Auch in Irland und Großbritannien hatten Tausende Haushalte keinen Strom.

Schweiz vom Sturm getroffen

Bei der Entgleisung eines Bahnwagens in der Schweiz sind acht Menschen verletzt worden. Der Unfall ereignete sich im Kanton Bern an der Lenk, wie die Polizei mitteilte. Der Großteil der Opfer wurde nur leicht verletzt. Im Skigebiet Pizol im Kanton St. Gallen saßen wiederum zahlreiche Wintersportler in Gondeln fest. Der Verkehr auf Straße, Schiene und in der Luft und auf dem Wasser war im ganzen Land eingeschränkt. Die Lawinengefahr in den Bergen wurde als „sehr kritisch“ eingestuft. Das Sturmtief zog mit Spitzen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde über die Schweiz hinweg.

Der genaue Grund für das Bahnunglück und die Herkunft der Opfer waren zunächst noch Gegenstand der Ermittlungen. Nach Angaben des Lenker Gemeindepräsidenten René Müller entgleiste der Bahnwagen wegen einer Windböe. Der Unfall sei aber relativ glimpflich verlaufen, sagte Müller der Schweizer Nachrichtenagentur sda. Die Eröffnung eines Jugendskilagers an der Lenk war wegen starker Winde und Regenschauer bereits in eine Mehrzweckhalle verlegt worden.

Zum Stillstand der Bergbahn führten mehrere auf die Tragseile gestürzte Bäume. Wie viele Menschen in den Gondeln festsaßen war bislang unklar, wie die Polizei mitteilte. Es soll aber keine Verletzte geben. Helikopterflüge waren wegen des Sturmtiefs zunächst nicht möglich. Es würden Maßnahmen geprüft, wie die Wintersportler in Sicherheit gebracht werden könnten.

Mehrere Bäume sind auf die Tragseile der Pizolbahn bei Bad Ragaz (Schweiz) gestürzt.
Foto: dpa
Mehrere Bäume sind auf die Tragseile der Pizolbahn bei Bad Ragaz (Schweiz) gestürzt.
 

Im Kanton St. Gallen gab es bisher 120 Schadensmeldungen. Bäume stürzten auf Straßen. Zwei Autos und ein Traktor wurden beschädigt. Zudem wurden umgeknickte Schornsteine und Antennen gemeldet. Die Böen deckten mehrere Dächer ab.

Wegen der starken Sturmwehen mussten auch in Österreich zahlreicher Wintersportlern einen unfreiwilligen Zwischenstopp einlegen. Nachdem sich eine Gondel in Tirol bei der Einfahrt in die Mittelstation nach einer plötzlichen Windböe verkeilt hatte, wurde die Hornbahn in Kitzbühel komplett gestoppt. Ein Großaufgebot von Bergrettung und Feuerwehr befreite die festsitzenden Skifahrer und Snowboarder anschließend, wie die „Tiroler Tageszeitung“ berichtete. Nach ersten Angaben der Bergbahnen gab es keine Verletzten.

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