Fortschritt der Menschheit : Streifzug durch die Geschichte der Zukunft

Schon immer faszinierte die Menschen die Zukunft.

Schon immer faszinierte die Menschen die Zukunft.

Das Morgen von gestern: Zu allen Zeiten haben sich die Menschen darüber Gedanken gemacht, wie es weitergeht.

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31. Dezember 2017, 13:11 Uhr

Eigentlich sollten wir ja längst auf dem Mond oder wenigstens gemütlich auf dem Meeresgrund wohnen und irgendwelche Maschinen für uns arbeiten lassen – zumindest, wenn es nach dem Fortschrittsoptimismus der 1950er- und 60er-Jahre gegangen wäre, für den vieles nur eine Frage der richtigen technischen Lösung zu sein schien.

Ein Ausblick im Februar 1950 auf das Alltagsleben einer amerikanischen Familie des Jahres 2000 im populärwissenschaftlichen US-Magazin „Popular Mechanics“ präsentiert denn auch einen glücklichen Familienvater, der nur noch eine chemische Enthaarungscreme auftragen muss, um sich innerhalb einer Minute zu rasieren. Das Essen wird, um genügend Nahrung für die gewachsene Weltbevölkerung zu erzeugen, teils aus Sägespänen hergestellt; selbst benutzte Papiertischdecken und Viskose-Unterwäsche können als Süßigkeiten recycelt werden. Der Hausputz lässt sich dank wasserfester Möbel mit dem Schlauch erledigen, und die billigen Kunststoffteller kann die Hausfrau – die weiterhin an der Spüle steht – einfach mit heißem Wasser schmelzen und in den Ausguss entsorgen.

Dieselbe naive Technikgläubigkeit findet sich 1973 in einem Bertelsmann-Sachbuch, das von Farmfabriken und künstlicher Milch schwärmt. „Schon im Jahr 2000 soll es Menschen geben, die mit hundert noch so jung sind, wie wir heute mit dreißig“, heißt es dort zudem.

Nach der aufrüttelnden, pessimistischen Prognose des Club of Rome 1972 über die „Grenzen des Wachstums“, der Diskussion über das Waldsterben und den Atomunfällen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima ist von umfassenden technikgläubigen Fantasien auf den ersten Blick allerdings wenig übrig geblieben. Die „Fortschrittsidee“ habe im „verhängnisvollen“ 20. Jahrhundert „einen tödlichen Schlag erhalten“, resümierte der Historiker Georges Minois in seiner „Geschichte der Prophezeiungen“.

Die heile Welt der Zukunftstechnik wird aber auch heute noch gerne als unaufhaltsame Steigerung des Fortschritts ausgemalt, automatisch gesteuerte Pkw und vernetzte Haushaltsgeräte befinden sich in der Erprobungsphase, 3D-Drucker scheinen neue Dimensionen zu eröffnen, und mancher mehr oder weniger nützliche Schnickschnack, mit dem der frühe James Bond überglücklich gewesen wäre, ist für heutige Smartphone-Käufer nur noch ein trauriger Anlass, bessere Funktionen einzufordern.

Wer daran zweifelt, dass in solchen Innovationen für wenige die Lösung der großen Menschheitsprobleme liegt, tut gut daran, den Blick nach vorne zu richten und dem Produkt- und Technikfetischismus eigene Zukunftsentwürfe entgegenzusetzen. Schon immer fragen Menschen danach, wie es weitergeht und was ihnen bevorsteht – mithilfe von Orakeln und Prophezeiungen, Astrologen und Wissenschaftlern. Dabei ging und geht es weniger darum, zu wissen, was man nicht ändern kann, sondern darum, „sich Mut zu machen, dieser offenen Zukunft einen Inhalt zu geben, um der Ungewissheit ein Ende zu setzen“, schreibt Georges Minois.

Es geht auch um „die magische Kraft der Selbsterfüllung“ einer gewünschten Vorhersage. Griechen und Römer kannten viele Möglichkeiten, ein passend interpretiertes Orakel zu erhalten, das auch zur Legitimation von Kriegen und Motivation der Soldaten gebraucht wurde. Negative Prognosen können wenigstens einen aufrüttelnden Schock auslösen. „Was zählt“, so Minois, „ist nicht, dass das Vorhergesehene eintritt, sondern dass diese Vorhersage hilft, erleichtert, beruhigt und zum Handeln anregt.“

Während des gesamten Mittelalters erschien den Menschen das Jüngste Gericht ebenso real wie der alltägliche individuelle Tod.

Am Beginn des heutigen Zeitverständnisses stand die Ausbreitung des Christentums in Europa: Durch die Orientierung auf das Ziel der Wiederkehr Jesu verbreitete sich langsam die Vorstellung, dass die Zeit – neben dem wiederkehrenden Jahreslauf des Alltags – insgesamt linear verläuft. Die Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Endes der Welt war noch im Spätmittelalter mit seinen Missernten, Naturkatastrophen und Pestepidemien stark ausgeprägt.

Auch Luther glaubte zunächst noch, dass die Welt etwa 4000 Jahre vor Christi Geburt geschaffen worden sei und insgesamt höchstens 6000 Jahre lang existieren werde. Eine Zeit lang war er überzeugt, das Ende der Welt noch zu erleben und spottete über die zahlreichen Neubauten von Kirchen „als ob der Jüngste Tag nie käme“. Während des gesamten Mittelalters (6. bis 15. Jahrhundert) erschien den Menschen das jüngste Gericht ebenso real wie der alltägliche individuelle Tod, der schon durch die hohe Kindersterblichkeit und eine niedrige Lebenserwartung allgegenwärtig war.

Dass aber ausgerechnet vor der ersten Jahrtausendwende – ähnlich wie vor dem lange glorifizierten „Jahr 2000“ die technischen Fantasien beflügelt wurden – eine allgemeine Endzeiterwartung geherrscht habe, wird inzwischen von vielen Historikern stark bezweifelt. Im 11. Jahrhundert kam es zwar tatsächlich mehrfach zu Situationen, in denen verängstigte Menschenmassen glaubten, das Ende sei nahe und es sei Zeit, sich mit bußfertigen Prozessionen darauf vorzubereiten.

Die in der Offenbarung genannte Zahl von 1000 Jahren bis zur Wiederkehr Christi spielte auch eine Rolle – etwa im Jahr 1033, als eine Hungersnot das Ende nahe scheinen ließ und viele Pilger zum mutmaßlich tausendsten Jahr der Passion nach Jerusalem strömten. Runden Jahreszahlen wurde aber erst viel später Bedeutung beigemessen, als ab 1559 mit den „Magdeburger Centurien“ eine Kirchengeschichte aus reformatorischer Sicht erschien, in der erstmals eine Einteilung nach Jahrhunderten vorgenommen wurde.

Besonders in schweren Zeiten wollten die Menschen von Wahrsagern aller Art mehr über ihr eigenes Schicksal erfahren. Dass die Weissagungen des „Visionärs“ Nostradamus aus dem 16. Jahrhundert heute noch gefragt sind, liegt vor allem an der Vieldeutigkeit seiner düsteren „Quatraines“ (Vierzeiler), in denen er seine Aussagen aus Angst vor der Inquisition absichtlich verschlüsselt haben soll. Für Georges Minois ist Nostradamus „das Musterbeispiel des talentierten Scharlatans“: In den mehr als 1500 Interpretationen seines Werks habe man ihn „alles und jedes prophezeien lassen. [...] Der einzige Nachteil ist, dass man immer erst nach der ‚Erfüllung‘ seiner Prophezeiungen deren Sinn versteht“ – ein Umstand, den sie mit vielen anderen, zufällig jeweils erst nach dem prognostizierten Ereignis „gefundenen“ Voraussagen späterer Prognostiker gemeinsam haben.

Der moderne Zukunftsbegriff entstand erst durch die Aufklärung seit dem 17. Jahrhundert. Davor schien das Zukünftige – „Zukunft“ bedeutete ursprünglich vor allem die „Ankunft“ Jesu – „auf den in seiner Gegenwart ruhenden Beobachter zuzukommen“, sagt der Historiker Lucian Hölscher. Jetzt war es der Mensch selbst, der vorwärts schritt, „Fortschritt“ bewirkte. „Damit war die Idee der Zukunft als eines leeren zeitlichen Raumes geboren, der sich nun mit beliebigen Ereignissen und Vorstellungen füllen ließ.“

Mit der raschen Entwicklung der Wissenschaft und der Industrialisierung wurde der Glaube an den Fortschritt zu einer Grundidee des 19. und 20. Jahrhunderts. Die ersten Debatten über Chancen und Risiken der technischen Entwicklung begannen mit dem Bau der Eisenbahnen, bei denen sich Ärzte anfangs über die Schädlichkeit der hohen Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern für den menschlichen Organismus Gedanken machten. Obwohl einige Bahnen aus Kostengründen noch jahrelang öfter von Pferden als von Dampfloks gezogen wurden, hatte das neue Transportmittel bald einen Katalysatoreffekt für die Industrialisierung und setzte „eine Revolution der konstruktiven technischen Fantasie“ in Gang, meint Hölscher.

Durch die ständige Beschleunigung des Fortschritts im 19. Jahrhundert erlebten immer mehr Menschen, „wie er noch zu ihren Lebzeiten alle Lebensverhältnisse von Grund auf veränderte“. Dadurch erweiterte sich auch die Vorstellungskraft der Zeitgenossen, „die technische Utopie gewann“, sagt Hölscher, „immer mehr den Charakter eines bloßen Vorgriffs auf die Zukunft“.

Eine Begradigung der Erdachse solle zukünftig, auch in der so nutzbar gemachten Region um den Nordpol, für einen ständigen Frühling sorgen.

Aber nicht nur die Entwicklungsszenarien einer neuen Wissenschafts- und Technikgläubigkeit traten teilweise an die Stelle der christlichen Orientierung auf eine jenseitige Welt. Auch die Propheten der Anfang des 19. Jahrhunderts entstehenden sozialistischen Bewegungen entwickelten ihre eigenen Idealwelten, die teils christliche, teils religiöse und mitunter wahnhafte Züge hatten, wie die Szenarien des Frühsozialisten Charles Fourier, der 1808 detailliert das Leben in einer neuen, egalitären Gesellschaft beschrieb. Im Mittelpunkt steht das Zusammenleben von jeweils etwa 300 Familien in palastartigen Häusern („Phalanges“). Dazu kommt Fouriers Überzeugung, jeder müsse seine Talente – und sämtliche Leidenschaften – ausleben dürfen, was ihn auch zur Propagierung der freien Liebe führte.

Fouriers Einschätzung, dass sich die erreichte Kulturstufe einer Gesellschaft beispielhaft an der Stellung der Frau erkennen lasse, wurde später von August Bebel übernommen; die Idee der von ihm beschriebenen Gemeinschaftshäuser hatte – trotz mehrerer gescheiterter Umsetzungsversuche – großen Einfluss auf die Fantasie der Architekten des 19. Jahrhunderts.

Bei vielen anderen seiner Vorstellungen war dagegen der Science-Fiction-Autor mit ihm durchgegangen. Eine Begradigung der Erdachse solle zukünftig, auch in der so nutzbar gemachten Region um den Nordpol, für einen ständigen Frühling sorgen. Das Meer werde dank Zitronensäure nach Limonade schmecken und obwohl die Menschen inzwischen 2,25 Meter groß sind und 144 Jahre alt werden, hat die Erde Platz für drei Milliarden – jedenfalls bis zum Bruch der Erdachse und der Rückkehr der Menschheit in den Garten Eden nach 80.000 Jahren.

Solche ausgeschmückten Schilderungen einer solidarischen Idealwelt wurden später nicht nur von Marx, der dem Sozialismus eine rational-wissenschaftliche Grundlage geben wollte, als willkürlich und wenig hilfreich kritisiert. Dennoch wurde später auch in der sozialdemokratischen Partei immer wieder das Leben im „Zukunftsstaat“ ausgemalt – bis hin zu einem Autor, der sich 1891 dazu hinreißen ließ, in einer sehr deutschen Utopie sogar schon die täglichen Betriebszeiten des Zugverkehrs im sozialistischen Staat genau anzugeben.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts entstanden neben den vorherrschenden, fortschrittsoptimistischen Zukunftsentwürfen auch immer mehr negative Gegenutopien, die vor einem kulturellen Niedergang durch eine Fixierung auf die Ökonomie und übertriebene Gleichmacherei warnten. In seinem 1835 erschienenen Werk „Über die Demokratie in Amerika“ gestattete sich Alexis de Tocqueville auch eine Schilderung der zukünftigen demokratischen Gesellschaft: „Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. […] Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen.“ Diese Macht, so Tocqueville, versuche, die Menschen „unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten. [...] Konnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

H. G. Wells traf mit den Schilderungen in seinen Science-Fiction-Romanen häufiger die spätere Realität als mit seinen Sachbüchern.

Der Politiker Maurice Spronck zog 1894 in einem Text über die Demokratie im 22. Jahrhundert – „L’ an 330 de la République“ – eine ähnlich drastische Bilanz des Fortschritts. Die Automatisierung werde einer gesunden Bevölkerung viel Freizeit, Frieden, Wohlstand und Sicherheit ermöglichen. Die, von Minois zusammengefassten, Schattenseiten dieser Gesellschaft klingen wie eine Kritik der übersättigten Wohlstandsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts: „allgemeine Langeweile, intellektuelle Leere, Drogen, Selbstmorde, Geburtenrückgang“.

Wann immer sich Prognosen bewahrheitet zu haben schienen, ging meist nur ein Teil zahlreicher Voraussagen in Erfüllung, während sich andere als absurde Fehleinschätzungen erwiesen. Der Historiker Bernard Cazes hat die Bücher H. G. Wells’ darauf untersucht, welche Ideen sich bewahrheitet haben – und festgestellt, dass der Autor mit den Schilderungen in seinen Science-Fiction-Romanen, in denen etwa eine Atombombe vorkommt, häufiger die spätere Realität traf als mit seinen Sachbüchern, in denen er ein weniger fantastisches Bild der Zukunft zeichnete.

Ein Glücksspiel ist der Blick nach vorn bis heute geblieben. Auch wenn es immer wichtiger erscheint, zumindest die Grundlinien zukünftiger Entwicklungen frühzeitig zu erkennen: Viel mehr lässt sich auch heute nicht im Voraus wissen, da die Zukunft seit Langem nicht mehr als vorherbestimmt angesehen wird – und dort, wo ihr wie bei prädiktiven Gentests unheilbarer Krankheiten wieder ein solcher Charakter zukommt, wird überdeutlich, dass die scheinbare Kenntnis der Zukunft auch ein Fluch sein kann.

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