Angreifer stammt aus Eritrea : Staatsanwälte vermuten keinen Terror hinter IC-Messerangriff

Rettungskräfte sind vor dem Flensburger Bahnhof im Einsatz.
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Rettungskräfte sind vor dem Flensburger Bahnhof im Einsatz.

Eine Polizistin erschießt einen Messerstecher mit ihrer Dienstwaffe. Der Mann soll in einem Zug in Flensburg auf einen Fahrgast und dann auf die Beamtin losgegangen sein. Nur nach und nach klärt sich, was am Mittwochabend geschah.

shz.de von
31. Mai 2018, 16:42 Uhr

Die Staatsanwaltschaft vermutet hinter der Messerattacke eines Afrikaners in einem Intercity-Zug in Flensburg weder einen terroristischen noch einen sonstigen politischen Hintergrund.

«Es gibt überhaupt keine Hinweise darauf», sagte Flensburgs Leitende Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt.

Der 24 Jahre alte Messerstecher war am Mittwochabend von einer Polizistin mit ihrer Dienstwaffe erschossen worden. Zuvor soll er sie und einen 35 Jahre alten Mitreisenden aus Köln nach einem Streit angegriffen und schwer verletzt haben. Lebensgefahr bestand nicht.

Der getötete Angreifer stammte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Eritrea. Er wohnte in Nordrhein-Westfalen und soll eine befristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland gehabt haben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wollte sich «aus datenschutzrechtlichen Gründen» nicht zu dem Fall äußern und verwies auf die Ermittlungsbehörden.

Die Nationalität des verletzten 35-Jährigen war zunächst nicht bekannt. Auch dazu, ob sich die Männer, die beide in Nordrhein-Westfalen wohnten, kannten, machten die Ermittler keine Angaben.

Am Mittwochabend gegen 19 Uhr fuhr der IC 2406 von Köln nach Flensburg in den Zielbahnhof ein. Zu diesem Zeitpunkt muss das Streitgespräch zwischen dem 24-Jährigen und dem 35-Jährigen bereits eskaliert sein. Die Polizistin aus Bremen, die nicht dienstlich, aber in Uniform an Bord des Zuges war, griff ein und wurde selbst verletzt. Die 22-Jährige erschoss den Täter.

Der Flensburger Bahnhof wurde am Mittwochabend geräumt. Auch die Zufahrtsstraßen waren vorübergehend gesperrt, der Zugverkehr nach Flensburg wurde für einige Zeit unterbrochen. Am frühen Donnerstagmorgen war am Flensburger Bahnhof von den Vorfällen des Vorabends fast nichts mehr zu sehen: keine Polizei, keine Absperrungen mehr. Nur an einer Anzeigetafel lief auch gegen 6 Uhr noch der Hinweis über den Bildschirm: «Wegen eines Polizeieinsatzes ist der Bahnhof gesperrt.»

Wieso es zu dem Angriff auf den 35-Jährigen kam und der Streit derart eskalierte, dass sich eine junge Polizistin offensichtlich genötigt sah, die Dienstwaffe zu zücken und zu schießen, war am Donnerstag weiter offen. Direkte Augenzeugen gab es ersten Erkenntnissen zufolge nicht. Die Polizei sucht dennoch Mitreisende, die noch nicht registriert wurden und Hinweise zum Verhalten des Angreifers machen könnten. Die Polizistin nutzte nach Angaben der Staatsanwaltschaft ihr Schweigerecht und äußerte sich zunächst nicht zu dem Vorfall.

Der 35-Jährige wurde zunächst nicht vernommen. Der IC wurde beschlagnahmt. Der Zug befand sich auch am Donnerstag noch in Flensburg.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach den Verletzten sein Mitgefühl und Genesungswünsche aus. «Ich bin erleichtert, dass durch das beherzte Eingreifen der Bremer Beamtin mutmaßlich Schlimmeres verhindert werden konnte. Ihr danke ich ganz besonders für ihren Mut», sagte er. Nach Ansicht Günthers zeigen die Ereignisse einmal mehr, wie wichtig die Präsenz von Polizeibeamten in Uniform auch im Rahmen privater Fahrten im öffentlichen Raum sei. «Das sorgt für mehr Sicherheit für uns alle.»

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Schleswig-Holstein, Torsten Jäger, lobte das Verhalten der jungen Polizistin. Diese habe eindrucksvoll couragiert eingegriffen, das Leben eines offensichtlich unbewaffneten Menschen gerettet und sich damit sogar selbst gefährdet. Der Vorfall mache einmal mehr deutlich, dass es ein hohes Sicherheitsbedürfnis im öffentlichen Personenverkehr gebe. Dazu würden auch privat reisende Polizisten in Uniform beitragen. «Das reicht aber nicht aus.»

Nach wiederholten Messerattacken in Deutschland wurde zuletzt darüber diskutiert, ob solche Angriffe zugenommen haben. Einen Beleg dafür gibt es mangels bundesweiter Zahlen nicht. Am Flensburger Bahnhof scheinen sich indes einige Passanten sicher zu sein: Das habe es früher nicht gegeben, rief etwa ein Mann, der auf dem Bahnhofsvorplatz wartete, Journalisten zu.

Eine Bahnpendlerin aus Flensburg, die ihren Namen nicht verraten wollte, meinte ebenfalls, die Aggressivität nehme zu. Ein mulmiges Gefühl, jetzt in den Zug zu steigen, habe sie aber nicht. «Ich meine, das kann überall passieren. Ich nehme das jetzt nicht persönlich für die Strecke Hamburg-Flensburg», sagte die 56-Jährige.

Nach wiederholten Messerattacken ist zuletzt darüber diskutiert worden, ob solche Angriffe in Deutschland zugenommen haben. Einen Beleg dafür gibt es mangels Zahlen nicht, denn anders als bei Schusswaffen wird der Gebrauch von Messern als Tatmittel nicht in der bundesweiten Kriminalstatistik erfasst.

Zahlen, die aus einzelnen Bundesländern wie etwa Berlin vorliegen, deuten jedoch auf eine Zunahme hin. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht von «offenbar» sich häufenden Messerattacken in Deutschland und fordert - ebenso wie die konkurrierende Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) -, mit Messern begangene Straftaten bundesweit zu erfassen, um ein besseres Lagebild zu erhalten.

Auch die Frage, inwiefern unter Messerangreifern überdurchschnittlich viele Migranten vertreten sind, lässt sich mangels Statistik kaum beantworten. Die DPolG teilte zu dem Thema kürzlich mit: «Die Zahl junger männlicher Migranten unter den Angreifern mit einem Messer ist auffallend.»

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