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Spielemesse „Spiel 14“ : Spieleabend! Stundenlanges Leiden zwischen Würfeln

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Aus der Onlineredaktion

In Essen beginnt „Spiel 14“ - die weltgrößte Messe für Brettspiele. Spieleabende sollten unters Folterverbot fallen. Eine Polemik von Barbara Maas.

von
erstellt am 14.Okt.2014 | 20:43 Uhr

Mit diesen Worten könnte ein Horrorfilm beginnen: „Wir machen einen Spieleabend!“ Kaum ein Satz löst mehr Abscheu, Panik und Fluchtreflexe in mir aus. Eingesperrt in einem gemütlichen Wohnzimmer, mit eigentlich vernünftigen Erwachsenen, die würfeln, Figuren schieben, Karten ziehen. Stundenlang.

Ich habe versucht, den Spieleabend zu umarmen. Wirklich. Ich habe „Spiel des Lebens“ gespielt und „Risiko“, „Halma“ und „Hotel“,  „Therapy“ und „Tabu“. Am Ende habe ich mich immer gelangweilt. Im besten Fall.

Denn der Spieleabend bringt die niedersten Instinkte des Menschen zum Vorschein. Wie bei dem Mittzwanziger, der mir einst bei „Die Siedler von Catan“ keinen Lehm verkaufte, weil seine Freundin ihm die Hand aufs Knie legte, ihm von schräg unten zuzwinkerte und säuselte: „Ich biete dir dafür drei Stapel Holz.“ Oder bei der finanziell eher klammen Freiberuflerin Anfang 30, die nach drei Stunden „Monopoly“ und einigen Gläsern Aperol Spritz plötzlich hysterisch mit Spielgeld um sich warf. Die Erfahrung zeigt: Schon Vierjährige schummeln bei „Mensch ärgere dich nicht.“ In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Da regen sich alle künstlich über diese angeblich Gewalt verherrlichenden Computer- und Konsolenspiele auf. Haben Sie schon mal Risiko gespielt? Oder Schach? Alles Kriegsspiele. Und das britische Unternehmen Terror Bull Games hat 2006 ein Brettspiel herausgebracht, das „War on Terror“ heißt. Wenn jemand in seiner Bude sitzt, zehn Stunden lang „World of Warcraft“ spielt, Chips in sich hineinstopft und nur für die dringendsten Bedürfnisse den Sessel verlässt, lässt er mich wenigstens damit in Ruhe - und macht daraus kein gesellschaftliches Ereignis.

Spieleabende setzen mich unter Druck. Mir darf das Spiel nicht egal sein. Das spricht für mangelnden Ehrgeiz und zeigt: Ich bin eine Spielverderberin. Ich darf auch nicht um jeden Preis gewinnen wollen, denn das macht mich zu einer schlechten Verliererin. Es gibt keinen Ausweg. Wenn mich heute jemand zum Spieleabend einlädt, habe ich plötzlich Bauchweh. Oder meine Katze ist krank. Denn eins ist fast so schwer zu ertragen wie fünf Stunden würfelnd am Wohnzimmertisch festzusitzen: der fassungslose, fast mitleidige Blick, den sich befreundete Pärchen zuwerfen, wenn ich mich als Spieleabend-Hasserin oute.

Nur um das klarzustellen: Ich mag Menschen. Und ich mag Spaß. Ich unterhalte mich gern, ich esse gern mit Freunden. Ich gehe ins Kino, auch tanzen. Ich spiele Verstecken mit meiner Nichte. Ich kann mich sogar zu einer Autoscooterfahrt hinreißen lassen. Und genau das ist das Problem: So ein Spieleabend unterdrückt jede Fantasie. Schon John Lennon wusste: Leben ist das, was draußen passiert, während du im Wohnzimmer deinen Spieleabend machst. Oder so ähnlich.

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