Jahreswechsel : Silvesternacht: Vereinzelte sexuelle Übergriffe in Berlin und Köln

Silvester in Köln: Vor zwei Jahren hatten zahlreiche sexuelle Übergriffe für Schlagzeilen gesorgt.
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Silvester in Köln: Vor zwei Jahren hatten zahlreiche sexuelle Übergriffe für Schlagzeilen gesorgt.

Seit der Kölner Silvesternacht vor zwei Jahren stehen sexuelle Übergriffe zum Jahreswechsel besonders im Fokus. Die Polizei zählt bisher nur wenige Fälle.

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01. Januar 2018, 10:27 Uhr

Berlin/Köln | „Respect!“ steht in projizierten Riesenbuchstaben auf einer Fassade neben dem Kölner Dom. Es ist das, was sich die viertgrößte Stadt Deutschlands in dieser Silvesternacht dringend wünscht. Tatsächlich sieht es so aus, als könne es gelingen: Rund um den Dom ist es pickepackevoll. Es feiern alteingesessene Kölner und Migranten, Alte und Junge, Familien mit Kindern. Und mittendrin viele Flüchtlinge. Die Atmosphäre ist entspannt. Dompropst Gerd Bachner sagt: „Wenn sich hier Kölner und Migranten um den Dom versammeln, dann ist das auch ein gutes Zeichen.“

Im Rathaus verkündet Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Die Lage ist heute ausgesprochen ruhig und angenehm.“ Köln verlangt geradezu nach solchen Sätzen. Die berüchtigte Silvesternacht von 2015/16 mit ihren massiven sexuellen Übergriffen auf Frauen hat das Image der einstigen Frohsinnskapitale nachhaltig beschädigt. Kölner merken das, wenn sie nach Amerika oder Asien in Urlaub fahren. Plötzlich verbinden die Leute dort etwas mit „Cologne“. Aber leider sind es dann nicht immer der Dom oder Karneval. Zu diesem Silvester ist die Domplatte abgesperrt. Wer dorthin will, muss Sicherheitsschleusen passieren und sich gegebenenfalls abtasten lassen. Feuerwerk und Knaller sind in der Schutzzone verboten.

Die größte Silvesterparty Deutschlands vor dem Brandenburger Tor in Berlin ist ebenfalls gut besucht wie in jedem Jahr. Laut Polizei mehrere Zehntausend Besucher, laut Veranstaltern sogar mehrere Hunderttausend lassen an den Eingängen Kontrollen über sich ergehen und drängen sich dann zwischen Bühne und Bierstände. Als das Feuerwerk und der 90er-Ohrwurm „Cotton Eye Joe“ von Rednex als Höhepunkt der Nacht verklingen, sind aber nicht alle glücklich.

Ein Besucher aus Bochum urteilt scharf: „Langweilig. Die Musik war laff, wir hätten echt gedacht, das wär' spannender, das Feuerwerk war das Tollste.“ Auch Nina und Cristina aus Mexiko zucken die Schultern. Julia aus Bayern findet es dagegen „cool, wirklich geil“. Sie kommt seit 2010 immer an Silvester nach Berlin.

Die Stimmung bleibt entspannt: Als insgesamt „erstaunlich ruhig“ bewertet ein Polizeisprecher in der Nacht all das, was sich an Un- und Notfällen ereignete. Insgesamt zählen die Beamten diverse Strafanzeigen wegen Körperverletzung, Taschendiebstählen oder Drogen. Auch 13 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe, die meisten davon wegen Belästigung, habe es gegeben. Sieben Verdächtige werden festgenommen.

Dass es nicht mehr sind, hat vielleicht auch etwas mit der Polizeipräsenz zu tun, wie etwa Venna, Cynthia und Denise zu berichten wissen. Schon früh am Abend werden die drei 20-Jährigen belästigt. „Uns haben Männer angetanzt, und die Polizei kam sofort und hat die weggeholt. Danach war wieder alles super“, sagt Denise. Trotz des Zwischenfalls wirken die Remscheiderinnen bester Laune.

Die jungen Frauen stehen nur wenige Meter von dem Zelt entfernt, das zuvor großen Wirbel entfacht hatte. An einem Unfallhilfszelt des Deutschen Roten Kreuzes, hängt ein kleines Schild: „Women's Safety Area“ steht darauf, übersetzt „Sicherheitsbereich für Frauen“. Die Veranstalter der Silvesterfeier nahmen sich das Münchner Oktoberfest zum Vorbild – das Projekt „Sichere Wiesn für Frauen und Mädchen“ gibt es dort schon seit 2003 – und wiesen einen der Hilfspunkte zur Anlaufstelle für besorgte Frauen aus. Wie viele Frauen sich in Berlin an die Helfer im Zelt wandten, war am Neujahrstag nicht bekannt. Ein erster Eindruck aus Kreisen der Retter war jedoch, dass es ein durchschnittlicher Einsatz war.

In Köln war schon zum vergangenen Jahreswechsel vieles anders gelaufen als vor zwei Jahren. Kaum Sexualdelikte, kaum Diebstähle. Kritik gab es beim vergangenen Mal trotzdem: Hunderte Menschen seien allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten nordafrikanischen Herkunft eingekesselt und kontrolliert worden, monierte Amnesty International. Also hatte die Polizei ihr Konzept erneut angepasst.

An diesem Silvesterabend Ende 2017 werden keine nordafrikanisch oder arabisch aussehenden Männer auf dem Bahnhofsvorplatz festgehalten. Die Polizei achtet lediglich darauf, dass sich dort keine größeren Gruppen bilden. Dann ist es 2018. Die Polizei in Köln verzeichnet Schlägereien und Sachbeschädigungen. In neun Fällen ermitteln die Beamten wegen mutmaßlicher Straftaten mit sexuellem Hintergrund – meist geht es um den Vorwurf der Belästigung. „Die meisten Feiernden haben die zahlreichen Aufrufe zu einem umsichtigen Miteinander beherzigt und damit insgesamt zu einer entspannten Einsatzlage für die Sicherheitskräfte gesorgt“, sagte Polizeipräsident Uwe Jacob am Neujahrsmorgen.

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