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Sorge um die Wissenschaft : „Science March“: Weltweit Demos für Forschung und gegen Trump

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Forscher weltweit sind besorgt und gehen auf die Straße. Kritiker warnen vor einer Politisierung der Wissenschaft.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 15:36 Uhr

Washington | Eine kleine Version des nun anstehenden Protests gab es schon. Hunderte Forscher demonstrierten Mitte Februar in der US-Ostküstenstadt Boston gegen US-Präsident Donald Trump und für die Anerkennung der Wissenschaft. „Steht auf für die Wissenschaft!“ oder „Echte Fakten, falscher Präsident“ stand auf ihren Plakaten. An diesem Samstag sollen es Tausende, vielleicht Zehntausende Demonstranten in Washington und mehr als 500 Städten auf der ganzen Welt werden. Dann findet der alljährliche „Earth Day“ (Tag der Erde) zur Stärkung der Wertschätzung von Umwelt und Natur statt, der in diesem Jahr mit dem „March for Science“ (Demonstration für die Wissenschaft) zum Mega-Event werden soll.

Wissenschaftliche Forschung sollte politisch unabhängig sein - um falsche oder verzerrte Ergebnisse zu verhindern und damit das wissen der Menschheit weiterzubringen. Eine ideologische Prägung oder gar eine Abhängigkeit von der Finanzierung von Unternehmen gefährdet Glaubwürdigkeit und Nutzen.

„Der ,March for Science' ist der erste Schritt zu einer globalen Bewegung für die Verteidigung der essenziellen Rolle, die die Wissenschaft für unsere Gesundheit, Sicherheit, Wirtschaft und Regierungen spielt“, heißt es auf der Webseite der Organisatoren. Dahinter steht eine Gruppe Wissenschaftler, die sich nach der Wahl des offen wissenschaftskritischen US-Präsidenten Trump spontan Anfang des Jahres zusammengefunden hatte und immer weiter wuchs. Mehr als 50.000 Menschen hätten sich bislang als freiwillige Helfer angeboten, teilen die Organisatoren mit. Trump hatte den Klimawandel einst als „Ente“ bezeichnet und ist dafür bekannt, dass er Wissenschaft bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls offen ablehnt.

Auch der Kieler Wissenschaftler Mojib Latif unterstützt die Bewegung: „Jede Gesellschaft braucht für eine nachhaltige Entwicklung eine freie Forschung, die unabhängige Informationen zur Verfügung stellt“, sagt er.

 

Vorbild für die Demonstration ist der „Women's March on Washington“, bei dem Ende Januar weltweit Millionen Menschen für Frauenrechte und gegen Trump protestierten. Auch die Hauptveranstaltung des „March for Science“ wird in Washington am Weißen Haus vorbeiführen. Für Deutschland sind unter anderem für Berlin, Köln, München, Stuttgart, Hamburg und Greifswald Demonstrationen angekündigt.

Kiel: Vorträge im Audimax und Lichtshow am Uni-Hochhaus

Diese Aktionen sind in Kiel am 22. April als Demonstration für die Wissenschaft geplant:

  • 20.30 Uhr: Kurzvorträge im Audimax, F. Paulsen-Hörsaal
  • Sprecher: Anja Pistor-Hatam, Michael Bonitz, Rainer Adelung, Konrad Ott
  • 21.15 Uhr: Lightshow am Uni-Hochhaus
 

Wissenschaftsfeindlichkeit sei nicht nur in den USA ein Problem, warnte die deutsche Kommission der UN-Kultur- und Wissenschaftsorganisation Unesco. „In zahlreichen Ländern ist die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden bedroht, gegängelt und der Wert wissenschaftlicher Forschung wird grundlegend infrage gestellt.“

Der niederländische Grünen-Europaabgeordnete Bas Eickhout fürchtet beispielsweise, dass nicht nur in den USA erneut eine Debatte darüber ausbricht, ob es den Klimawandel gibt oder nicht. „Die Klimaskeptiker wachen wieder auf in Europa“, sagt er. Dabei brauche es Einigkeit in der Gesellschaft, um wirksame Politik zu machen.

Kreationismus

In US-Schulen ist es Lehrern möglich, die Evolutionstheorie als falsch darzustellen und stattdessen Kreationismus zu lehren. Der Kreationismus entstand als Widerstand gegen das im 19. Jahrhundert aufgekommene Postulat eines hohen Erdalters und die darwinsche Evolutionstheorie. Diese Theorien widersprachen den Darstellungen in der Bibel, so dass Strenggläubige sich dagegen wehrten.

Das Verhältnis des heutigen Kreationismus zur Naturwissenschaft ist gekennzeichnet durch eine selektive Inanspruchnahme naturwissenschaftlicher Erkenntnisse als Beleg für den eigenen Glauben. Abgelehnt werden vor allem Aspekte, die auf die Evolutionstheorie aufbauen.

Die bibeltreuen Christen glauben, dass Gott erst vor etwa 6000 Jahren die Welt getreu der Schöpfungsgeschichte geschaffen hat und dass Dinosaurier zusammen mit Menschen gemeinsam auf der Erde gelebt haben. Erst die Sintflut soll die Urtiere ausgerottet haben. Wissenschaftlich bewiesen ist dagegen, dass Dinosaurier bereits vor 55 Millionen Jahren von dem Planeten verschwanden und die Erde deutlich älter ist als 6000 Jahre.

Flat Earth Society

Die Flat Earth Society ist eine kreationistische Organisation, die die Ansicht vertritt, die Erde sei flach. Die Idee findet im Internet Anhänger, die sich auf die Bibel berufen und die Fotos der Erde aus dem Weltall als Verschwörung ansehen.

Klimawandel-Leugner

Donald Trump setzt mit Scott Pruitt einen Klimawandel-Skeptiker an die Spitze der Umweltschutzbehörde.

Während innerhalb der Wissenschaft seit Anfang der 1990er Jahre ein starker Konsens hinsichtlich der menschengemachten globalen Erwärmung herrscht, lehnen Teile der Öffentlichkeit, insbesondere in manchen angelsächsischen Staaten, weiterhin deren Existenz ab. Deutlich ausgeprägt ist die Ablehnung in Staaten, in denen mit großem finanziellen Einsatz durch Unternehmen, v. a. aus der Branche der fossilen Energien, eine einflussreiche Kontrabewegung geschaffen wurde.

Unternehmen aus der Branche der fossilen Energien erkannten schon früh die Folgen, die Klimaschutzmaßnahmen auf ihre Geschäftsaktivitäten haben würde, und bekämpften deshalb Klimaforschung und Klimapolitik bereits sehr schnell. Viele Unternehmen und Verbände wie ExxonMobil, Peabody Energy, American Petroleum Institute, die Western Fuels Association und das Edison Electric Institute finanzierten klimaskeptische Wissenschaftler, konservative Think Tanks, die die Existenz der globalen Erwärmung leugneten, und diverse Frontorganisationen, um Klimaforschung zu unterminieren und Klimaschutzmaßnahmen zu verhindern.

Impfgegner

Laut Robert Koch Institut sind bis heute schätzungsweise drei bis fünf Prozent der deutschen Bevölkerung Impfgegner. In Ländern mit niedrigerem Bildungsstandard liegt der Anteil teils deutlich höher. Negative Berichte über Impfschäden oder die Leugnung des Impfprinzips selber werden von Impfgegnern in Büchern und in wissenschaftskritischen Internet-Foren publiziert.

Die Kritik macht sich dabei auch an dem Problem fest, dass Impfstudien - wie alle Medikamentenstudien - größtenteils von der Pharmaindustrie finanziert werden.

Religiös begründet ist die Impfskepsis in einigen muslimischen Regionen: In Nigeria, wo die radikalislamisten der Boko Haram zeitweise Regionen unter ihrer Kontrolle hatten und Impfungen verhinderten, trat 2016 erstmals wieder Polio auf. In Pakistan wurden Kinderkliniken angegriffen, die Kinder vor Polio impfen sollten.

 

Das sei gar nicht so ungefährlich, meint der renommierte belgische Klimawissenschaftler Jean Pascal van Ypersele, auch wenn er Eickhout zustimmt. Kollegen weltweit hätten auch schon Todesdrohungen erhalten, wenn sie sich aus der Deckung wagten. Er bedauert, dass es trotz wachsenden Wissens über den Klimawandel in Europa schwieriger werde, Gelder für Grundlagenforschung zu bekommen. Es gebe einen Trend zu verwertbarer Forschung, die Jobs schaffe oder bei der Entwicklung neuer Produkte helfe.

Natürlich seien auch Nicht-Wissenschaftler zu dem Protest eingeladen, sagen die Veranstalter. Eine Kleiderordnung gebe es nicht. „Seid kreativ! Zieht euch an wie euer Lieblingswissenschaftler. Wenn ihr Wissenschaftler seid, kommt in euren Arbeitsklamotten - Laborkittel, Schutzbrille, Stethoskop.“ Aber nicht alle Wissenschaftler unterstützen den Protest. Einige sehen die Motive dahinter als zu liberal, zu politisch links und Anti-Trump an und warnen vor einer Politisierung der Wissenschaft.

Viele haben auch Sorge, dass, wenn sie sich zu offen äußern, ihre Forschungsfreiheit und Finanzierung eingeschränkt werden könnte. „Ich gehe nicht zur Demonstration, weil die Menschen in Amerika Wissenschaft als extrem links ansehen“, sagte etwa Nathan Gardner, Protein-Forscher an der University of Chicago, dem Fachmagazin „Nature“. „Ich denke, es könnte Wissenschaft leicht politisieren, denn auch wenn die offizielle Begründung der Motivation der Demo nicht Anti-Trump ist, scheinen die Demonstranten Anti-Trump zu sein.“

Die Organisatoren dagegen sehen keine Alternative zum Demonstrieren. „Angesichts eines alarmierenden Trends in Richtung der Diskriminierung von wissenschaftlichen Konsensmeinungen und der Einschränkung von Forschung, müssen wir fragen: Können wir es uns leisten, die Wissenschaft nicht offen zu verteidigen?“ Der „March for Science“ soll erst der Anfang sein. „Wir haben nicht vor, das nach dem 22. April aufzuhören“, sagte Wissenschaftlerin Caroline Weinberg, die dem Organisationskomitee der Proteste angehört, der „New York Times“. „Für mich wäre es ein Versagen, wenn diese Bewegung und all die Leidenschaft nach dem 22. April verpufft.“

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