Geplantes Modellprojekt in Wolfsburg : „Schutzranzen“: Datenschützer kritisieren App zur Kinder-Überwachung

Das Unternehmen hinter der App wirbt mit mehr Verkehrssicherheit.

Das Unternehmen hinter der App wirbt mit mehr Verkehrssicherheit.

Mehr Sicherheit? Ein GPS-Tracker im Ranzen soll Eltern zeigen, wo sich ihr Kind befindet und Autofahrer sensibilisieren.

von
24. Januar 2018, 15:08 Uhr

Wolfsburg | Datenschützer kritisieren ein geplantes Modellprojekt an zwei Grundschulen in Wolfsburg (Niedersachsen), das im Februar starten soll. Die von dem Unternehmen „Coodriver“ entwickelte App „Schutzranzen“ macht es Eltern möglich, den Standort ihres Nachwuchses über ein Smartphone zu überwachen. Dabei hilft ein GPS-Sender im Schulranzen. Neben den Eltern sollen auch Autofahrer informiert werden, wenn sich Kinder in der Nähe befinden. So sollen Unfälle vermieden werden.

Volkswagen, Schulranzen-Hersteller Scout (Kooperation zum 31. August 2017 beendet) und die Stadt Wolfsburg sind in das Projekt involviert. „Wir machen schützenswerte Verkehrsteilnehmer für Autofahrer frühzeitig sichtbar und helfen, Unfälle zu vermeiden“, wirbt „Coodriver“ auf seiner Internetseite. Ebenfalls sollen Kinder durch die App selbstständiger werden, Elterntaxis sollen dadurch reduziert werden. Ein Youtube-Video zeigt die Funktionsweise:

Die Landesbeauftragte für Datenschutz in Niedersachsen, Barbara Thiel, ist skeptisch. Im Interview mit dem NDR-Fernsehen äußerte sie Kritik am Datenschutz. Einzelne IP-Adressen würden durch die App übermittelt. So könne man jedes Kind identifizieren. Das Projekt solle nun durch die Behörde überprüft werden, da das Unternehmen, welches die App entwickelt hat, in Niedersachsen ansässig sei. Außerdem sagte Thiel gegenüber „heise.de“: „Auch Kinder müssen das Recht haben, sich abhängig von ihrem Alter unbeobachtet fortbewegen zu können.“

 

Ebenfalls bezweifelt die Datenschutzbeauftragte, dass sich die Verkehrssicherheit verbessere. Vertrauten Autofahrer blind auf die App, seien Kinder ohne „Schutzranzen“-App einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Genauso könnten Kinder darauf setzen, dass sie von den Autofahrern wahrgenommen werden und weder Gefühl noch eine Selbsteinschätzung für die Risiken des Verkehrs entwickeln.

Der Verein Digitalcourage forderte mit einem offenen Brief die sofortige Einstellung des Projekts und startete eine Petition. Kritik seitens des Vereins gibt es nicht nur an der Weitergabe der Bewegungsdaten von Schulkindern und Autos. Weitere Daten gingen unter anderem an Facebook, Microsoft, Amazon,
Google, Akamai & Co. Dies weist „Coodriver“ in einer Stellungnahme allerdings entschieden zurück. Die Vorwürfe von Digitalcourage bezüglich der Weitergabe persönlicher Daten seien nicht auf Fakten basiert, da nur anonymisierte Kontakte zu anderen Servern stattfinden, durch die keine persönlichen Daten übermittelt würden.

„Coodriver“-Geschäftsführer Walter Bobby Hildebrandt betonte gegenüber „heise online“, dass das Projekt „eine Infrastruktur nutzt, die jeder andere Anbieter auch nutzt“. Die GPS-Funktion werde nur auf Basis einer Einwilligung genutzt und Hildebrandt versicherte, es würden keine personalisierten Positionen weitergegeben.

Darüberhinaus kritisiert Digitalcourage auf seiner Internetseite: „Eine Erziehung zu Freiheit und Mündigkeit geht nicht unter ständiger Kontrolle durch die Eltern.“ Und weiter: „Dass die Standortdaten der Kinder auch zu Warnungen in Smartphones mit der Autofahrer-App und in Bediensystemen neuer VW-Modelle verarbeitet werden, macht es noch geschmackloser. Damit werden Kinder regelrecht zu einem Gegenstand im Internet der Dinge degradiert.“

Und auch die Stadt Wolfsburg rudert inzwischen etwas zurück. Gegenüber dem Newsportal „regionalwolfenbuettel.de“ äußerte sich die Stadt folgendermaßen: „[...] Im Falle des Projektes Schutzranzen waren wir als Stadt Wolfsburg unterstützend bei der Anbahnung tätig und haben den Kontakt zwischen den künftigen Partnern hergestellt. Da es im Rahmen von Schutzranzen noch Klärungs- und Kommunikationsbedarf gibt, haben wir als Stadt den Schulleitungen und dem Anbieter empfohlen, den Start des Projektes entsprechend auszusetzen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen