Flüchtlinge auf Geisterschiffen : Schlepper, Schleuser, Banden: Grausamkeit im Mittelmeer

Der Schmuggel verzweifelter Flüchtlinge über das Mittelmeer ist ein lukratives Geschäft. Eine neue Methode der internationalen Banden: Voll besetzte Frachter auf Kurs setzen und dann führerlos ihrem Schicksal überlassen.

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02. Januar 2015, 15:54 Uhr

Rom/Athen | Sie sind nur knapp einer größeren Katastrophe entkommen: Hunderte Flüchtlinge auf voll besetzten Frachtern, die ohne Besatzung stundenlang auf dem Mittelmeer treiben oder direkt auf die felsige Küste zusteuern. Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage sind die italienischen Behörden im Mittelmeer einem führerlosen Flüchtlingsschiff zur Hilfe geeilt und haben Hunderte Menschen gerettet. Experten sehen darin eine neue skrupellose Methode der Schleuser, die die Not und Verzweiflung der Flüchtlinge ausnutzen.

Diese „Geisterschiffe“, die ohne Besatzung ihrem Schicksal überlassen werden, zeigen nach Ansicht der EU-Grenzschutzagentur Frontex „einen neuen Grad der Grausamkeit“ der Schleuserbanden. „Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters“, sagte Frontex-Pressesprecherin Ewa Moncure in Warschau.

„Das ist ein Multimillionengeschäft.“ Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 150.000 Bootsflüchtlinge in Italien angekommen. „Aus jedem dieser Flüchtlinge werden mehrere tausend Euro oder Dollar für den Transport auf See gepresst“, erklärte Moncure. Experten schätzen, das Geschäft des Menschenschmuggels sei mittlerweile lukrativer als der Drogenhandel rund ums Mittelmeer. Denn die Schleuser haben vor allem einen Trumpf: Den starken Drang der Menschen, aus der Hölle Syriens und anderer Krisenstaaten des Nahen Ostens zu entkommen.

Der syrische Ingenieur Muhammad, der an Bord des am Mittwoch vor Italien geretteten Frachters „Blue Sky M“ war, sagte dem „Corriere della Sera“: „Sie fragen uns, warum wir so viel bezahlt haben, 5000 oder 7000 Euro. Aber wenn du nichts mehr hast und nur die Hoffnung auf ein neues Leben, bist du bereit, alles zu tun.“ Sein Ziel wie das der meisten Mitreisenden ist Nordeuropa: Vor allem Deutschland oder die Niederlande, Dänemark und Schweden.

Auf der „Blue Sky M“ trieben 800 Flüchtlinge führerlos über das Mittelmeer.
dpa
Auf der „Blue Sky M“ trieben 800 Flüchtlinge führerlos über das Mittelmeer.

Nach Ansicht des Sprechers der italienischen Küstenwache, Filippo Marini, ist es eine neue Methode der Menschenschmuggler, Frachter mit Flüchtlingen auf Kurs zu bringen und sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. „Wir beobachten dieses Phänomen aufmerksam“, sagte er dem italienischen TV-Sender Rai.

Den Frachter „Ezadeen“ mit 450 Menschen an Bord brachten die Rettungskräfte am Freitag unter ihre Kontrolle. Nur wenige Tage zuvor hatte die Küstenwache bereits eine Katastrophe verhindert, als sie die „Blue Sky M“ stoppte, die mit fast 800 Migranten vermutlich per Autopilot auf die Küste Apuliens zusteuerte. Doch nicht nur Italien ist von den immer perfideren Maschen betroffen - im gesamten östlichen Mittelmeer wimmelt es von Seelenverkäufern, die verzweifelte Menschen nach Europa bringen.

Die Ezadeen trieb führerlos auf dem Mittelmeer. An Bord sind 450 Flüchtlinge.
dpa
Die Ezadeen trieb führerlos auf dem Mittelmeer. An Bord sind 450 Flüchtlinge.

Für die Schmuggler lohne sich die Rechnung, wenn ein ohnehin bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde, erklärt Moncure. Die Taktik der internationalen Banden: Nach der Ankunft in der Menge der Migranten untertauchen oder gleich vom Frachter auf ein Schnellboot umsteigen, um sich aus dem Staub zu machen, berichtete ein Offizier der griechischen Küstenwache. Muhammad erzählt: „Niemand wusste, wer der Kapitän ist oder wer zur Besatzung gehört. Es war ein Klima wie bei der Mafia.“

Die Bundesregierung sieht allerdings keinen direkten Zusammenhang des neuen Phänomens der führerlosen Flüchtlings-Frachter mit der europäischen Grenzsicherung „Triton“. „Das beschriebene Phänomen erfordert aus Sicht der Bundesregierung gegenwärtig keinen Strategiewechsel in der europäischen Asylpolitik“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Dass Schleuser nun statt kleiner Boote vereinzelt ältere Handelsschiffe mit besserer Seetauglichkeit einsetzten, sei wohl eher ein Versuch, ihr kriminelles Geschäft auch während der Wintermonate zu betreiben. Die Gewinnspannen bei Schleuseraktionen mit größeren Schiffen seien „enorm“.

Frontex startete erst im November eine neue Mission, um Italien bei der Sicherung der Küste zu helfen. Doch die „Triton“-Initiative steht auch in der Kritik.

Welche Aufgabe hat „Triton“?

Die Grenzschützer patrouillieren an der italienischen Küste und auf dem Meer. Sie sollen die Grenzen überwachen und gegen Schlepper vorgehen. Flüchtlinge, die in Seenot geraten, werden sie retten. Anders als bei der vorangegangenen Mission „Mare Nostrum“ des italienischen Militärs sind die Boote von „Triton“ vor allem in Küstennähe unterwegs. Die Aufgabe besteht vor allem in der Sicherung der Grenzen, nicht im Aufspüren von Flüchtlingsbooten.

Wie sieht die bisherige Bilanz nach zwei Monaten Triton-Einsatz aus?

Seit dem Start von Triton wurden im Mittelmeer laut Bundesinnenministerium rund 13 000 Migranten aus Seenot gerettet und 53 Schleuser festgenommen. Nach Angaben von Frontex gab es bis Ende Dezember fast 80 Such- und Rettungseinsätze. Das sei zwar weniger als während der Sommermonate, aber ein bisher nicht gekannter Anstieg zu dieser Jahreszeit, in der die Schleuser bisher die Fahrt über das Meer wegen der stürmischen See einstellten.

Was passiert im Fall von Flüchtlingsschiffen in Seenot oder im Fall von „Geisterschiffen“ jenseits der Zone 30 Kilometer vor den Küsten, in denen die „Triton“ Schiffe patrouillieren?

Unabhängig von der Küstensicherung im Rahmen von „Triton“ gibt es in den Mittelmeer-Anrainerländern so genannte Search & Rescue-Zentren, meist bei der jeweiligen Küstenwache angesiedelt. Die Einsatzleitung dieser Zentren ist für die Koordinierung der Rettung von Flüchtlingen in Seenot verantwortlich, sobald es in ihrem Sektor Informationen über ein solches Schiff gibt. Die Rettung von Menschenleben hat dann Vorrang vor Grenzsicherung. Die Einsatzleitung kann jedes Schiff, das in der Nähe eines havarierten Schiffs unterwegs ist, zur Teilnahme an der Rettungsaktion verpflichten - egal ob es sich um einen Fischkutter, ein Kreuzfahrtschiff oder ein Triton-Patrouillenboot handelt.

Wie ist die Mission ausgestattet?

Mit sieben Schiffen, vier Flugzeugen und einem Hubschrauber. Teams mit 65 Mitarbeitern sind im Einsatz, sie sollen auch Migranten befragen und Informationen über Schlepper sammeln. Da Frontex nicht über eigene Schiffe verfügt, ist die Agentur darauf angewiesen, dass die EU-Staaten Material und Personal bereitstellen. 21 EU-Staaten machen mit. Das monatliche Budget beträgt 2,9 Millionen Euro.

Warum steht „Triton“ in der Kritik?

Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl und Amnesty International halten Umfang und Budget der Mission für zu gering. Sie befürchten, dass die Zahl der Opfer auf hoher See noch steigen wird. Human Rights Watch forderte die EU noch vor dem Start der Mission „Triton“ auf, eine ausreichende Finanzierung sicher zu stellen. Wenn Europa Tragödien auf dem Mittelmeer vermeiden wolle, müsse die Frontex-Mission mit einer ausreichenden Zahl an Schiffen und dem entsprechenden Mandat ausgestattet werden. Großbritannien wiederum begründete seine Weigerung, an der Mission teilzunehmen damit, dass potenzielle Flüchtlinge sich zu der gefährlichen Überfahrt „ermutigt“ fühlen könnten, wenn Rettung aus Seenot absehbar sei.

Ändern die Schlepperbanden ihre Taktik?

Nach Angaben einer Frontex-Sprecherin sind die „Geisterschiffe“ vor europäischen Küsten eine neue Erscheinung der vergangenen Wochen. Allerdings haben die internationalen Schleuserbanden schon zuvor den Tod von Flüchtlingen bewusst in Kauf genomen. Einem Ende Dezember veröffentlichtem Frontex-Text zufolge setzen die Menschenschmuggler zunehmend größere Schiffe ein, meist ausgemusterte Frachtschiffe. Viele der häufig überladenen Schiffe, auf denen Flüchtlinge aus Afrika und den Krisenregionen des Nahen Ostens Kurs nach Europa nehmen, sind nicht seetüchtig. Die Flüchtlinge, die oft mehrere tausend Euro oder Dollar für die Passage nach Europa zahlen müssen, sind oft im Laderaum eingesperrt - im Fall einer Schiffskatastrophe haben sie so kaum eine Überlebenschance.

 
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