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Organisierte Randale in Marseille : Russlands Parlamentsvize verteidigt Hooligans: „Gut gemacht Jungs, weiter so!“

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Sie waren vorbereitet und gewaltbereit: Russische Hooligans wollten in Marseille von vorneherein Randale stiften. Russlands Parlaments-Vize verteidigt die Aktionen.

Marseille/Moskau | Nach den schlimmen Gewaltexzessen von Marseille wollen Engländer und Russen auf höchst unterschiedliche Weise den drohenden EM-Rauswurf abwenden. Angeführt von Kapitän Wayne Rooney und Trainer Roy Hodgson richteten die Engländer am Montag einen eindringlichen Videoappell an ihre Fans in der Heimat und in Frankreich. Die Russen blockten in ihrer Unterkunft vor den Toren von Paris alle Fragen zu nicht sportlichen Themen ab. Aus Moskau gab es sogar Funktionärs-Kommentare, die die Fanausschreitungen verteidigten.

Gewalt durch Hooligans hat es schon immer gegeben – bei Großveranstaltungen wie auch in der Bundesliga. Die Ausschreitungen in Marseille haben jedoch eine neue Stufe erreicht. England und Russland droht bei einer erneuten Verfehlung ihrer Fans ein Turnierausschluss.

Die UEFA gerät derweil in der neu entflammten Diskussion um die Hooligangewalt als Organisator des Mammut-Turniers immer mehr in die Kritik. Riskante Spiel-Ansetzungen, kein sinnhafter Kampf gegen Hooligans und Zensur bei TV-Bildern lauten die Vorwürfe an die Europäische Fußball-Union. Die UEFA verkündete am Montag nach der Rauswurf-Drohung gegen England und Russland und der Aufstockung des Sicherheitspersonals für alle Spiele keine weiteren Maßnahmen.

Keine Ermittlungen wird es nach der Auseinandersetzung zwischen deutschen und ukrainischen Fans am Sonntagabend in Lille geben. Vor der Partie der DFB-Elf waren zwei Menschen leicht verletzt worden. Rund 50 deutsche Hooligans hatten mehrere ukrainische Fans in der Innenstadt von Lille angegriffen.

Kritische Fragen muss sich die französische Polizei gefallen lassen. Trotz Tränengaseinsatz und massiver Präsenz konnte bei den Krawallen in Marseille keiner der etwa 150 beteiligten russischen Hooligans festgenommen werden, wie der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, berichtete. „Das sind Leute, die für sowas trainieren“, sagte er. Nur zwei Russen wurden des Landes verwiesen.

Noch am Montag sollten zehn Verdächtige vor Gericht kommen - sechs Briten, drei Franzosen und ein Österreicher, wie der Ankläger sagte. Insgesamt waren 20 mutmaßliche Randalierer festgenommen worden - auch ein Deutscher. Dieser gehört jedoch nicht zum Kreis derer, die sich nun dem Schnellverfahren stellen sollten.

Die größte Sorge: Nach den mehrtägigen Krawallen von Marseille könnte es bereits beim zweiten Gruppenspiel der Engländer gegen Wales am Donnerstag in Lens den nächsten brenzligen Zusammenstoß mit russischen Hooligans geben, deren Mannschaft am Vortag im unweit entfernten Lille gegen die Slowakei antritt.

„Es benötigte nicht das allergrößte Gehirn, um festzustellen, dass Lens Probleme haben wird, eine solche Menschenmenge unterzubringen“, kritisierte die englische Zeitung „Daily Mail“ die Ansetzung des ohnehin brisanten Briten-Duells in der kleinsten EM-Stadt. Die UEFA hatte nach der Auslosung im Dezember jede Änderung der den Spielorten zufällig zugelosten Partien abgelehnt.

Die Androhung eines EM-Ausschlusses durch das UEFA-Exekutivkomitee für Mannschaften wegen Fangewalt wird von Hooligan-Experten skeptisch beurteilt. „Das ist ja gerade die Motivation der Hooligans. Das wäre der allergrößte Erfolg für die Hooligangruppen, wenn die sowas hinkriegen würden“, sagte der Würzburger Professor Harald Lange, Leiter des Instituts für Fankultur, der Deutschen Presse-Agentur.

Das würde die englische Strategie ad absurdum führen, denn die Three Lions baten ihre Fans eindringlich um Vorsicht und Vernunft. Mit ernstem Blick rief Rooney die Fans zur Ordnung auf. „Wir stehen vor einem großen Spiel gegen Wales. Ich möchte die Fans bitten: Wenn ihr kein Ticket habt, reist nicht!“, betonte der 30-Jährige in einer Video-Botschaft von Englands Verband FA am Montag. „Und an die Fans mit Karten: Bleibt sicher, seid vernünftig und setzt eure großartige Unterstützung für die Spieler fort.“

Auch Coach Roy Hodgson zeiget sich nach den erschreckenden Ausschreitungen von Marseille „sehr besorgt“ über die letzte Warnung durch das Exekutivkomitee der Europäische Fußball-Union. „Ich appelliere an alle unsere Fans: Haltet euch aus Ärger heraus und versucht, dass diese Drohungen niemals wahr gemacht werden“, sagte der Trainer. FA-Generalsekretär Martin Glenn erklärte, dass sein Verband den UEFA-Brief „mit allergrößter Ernsthaftigkeit“ behandle.

Schon dass der EM-Auftakt gegen Russland an einem Samstagabend in Marseille stattfand, sorgte vor dem Hintergrund der schweren Ausschreitungen bei der WM 1998 an gleichem Ort für Kopfschütteln. „Jeder wusste es und keiner hat etwas deswegen unternommen“, kritisierte der „Guardian“.

In Russland wird die Lage der Dinge offenbar komplett anders aufgenommen. Parlaments-Vizepräsident und Vorstandsmitglied der russischen Fußball-Union Igor Lebedew twitterte am Montag die zynische Nachricht: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!“ Lebedew sagte er verstehe die Politiker und Funktionäre nicht, die die Fans kritisieren würden. „Wir sollten sie verteidigen und dann können wir es klären, wenn sie nach Hause kommen.“

Was in Marseille und anderen französischen Städten passiert sei, „ist nicht die Schuld der Fans, sondern die Unfähigkeit der Polizei, solche Events angemessen zu organisieren“, betonte Lebedew weiter. Die Hooligans hätten „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“, sagte Lebedew. „Wir sollten vergeben und unsere Fans verstehen.“

Im Teamquartier versuchten die Spieler um Schalke-Profi Roman Neustädter Fußball-Normalität zu leben. Ob die Ausschreitungen und der mögliche Ausschluss von der EM in der Mannschaft diskutiert werden? „Wir kommentieren das nicht“, hieß es vom Verbandssprecher. Ob es vielleicht einen gemeinsamen Aufruf der Spieler an die Vernunft der Fans geben wird? „Ich weiß es nicht. Sorry“, so die Auskunft.

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erstellt am 13.Jun.2016 | 18:06 Uhr

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