zur Navigation springen

"Horst Schlämmer - Isch kandidiere!" : Realsatire im Wahlkampf

vom

Rappen mit Bushido und duellieren mit der Kanzlerin: Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling erobert die Kinoleinwand. "Isch kandidiere" startet am Donnerstag.

Eigentlich wollte Hape Kerkeling "dann einfach mal weg sein", aber nach seinem bestsellerträchtigen Pilgerweg auf der Suche nach sich selbst ist er in der Öffentlichkeit präsenter denn je. Diesmal ist er auf der Kinoleinwand und in (fast) allen Medien als Kunstfigur und "Kanzlerkandidat" Horst Schlämmer der eigentlich eher abstoßend wirkende Mann im Trenchcoat mit Bierbauch, Überbiss und Schnappatmung.

An diesem Montag startet mit der Premiere seines Films "Horst Schlämmer - Isch kandidiere!" (in der Regie seines Lebensgefährten Angelo Colagrossi) am Potsdamer Platz in Berlin sein nächster Public- Relations-Coup. Den hat er am selben Ort schon mit einer ebenso fiktiven wie spektakulär-grotesken "Bundespressekonferenz" vorbereitet. Kurzzeitig schmuggelte sich dort eine Konkurrenz- "Partei" um den ehemaligen "Titanic"-Mann Martin Sonneborn ein, um den eigenen Film "Die Partei" zu promoten.
Satire gegen Satire

Die Satire versucht also, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Und das im Superwahljahr mit Wirtschafts- und Finanzproblemen von bisher nicht gekannten Ausmaßen, in dem eine Partei Probleme mit einem Dienstwagen hat und andere sich unversehens aus den eigenen Reihen attackiert sehen.

Gezeigt hat Kerkeling/Schlämmer den Film, in dem er auch Angela Merkel verkörpert, den Journalisten aber bisher nicht. Obwohl die sich auf seiner "Pressekonferenz" unvermittelt in die letzten Dreharbeiten einbezogen sahen ("Hape Kerkeling macht den Horst, und alle machen mit", er sei die "unterhaltsamste Verkörperung des Durchschnittsdeutschen", meinte der "Stern"). Die schmierige Schlämmer-Figur sei auch seine "Rache an den Journalisten", sagte Kerkeling in einem Interview ("Bild").
Promis bei der Premiere

Nach der zweiten Film-Premiere am Mittwoch in Köln werden ab 20. August dann aber garantiert alle Kinobesucher in die Filmtheater eingelassen. Vielleicht werden sie sogar bei einer "Kino-Tour" vom Hauptdarsteller und "Wahlkämpfer" persönlich begrüßt. Zur Berliner Premiere erwartete der Neu-Berliner Kerkeling einige prominente Gäste wie den Kollegen Christian Ulmen oder Grünen-Chefin Claudia Roth, die ebenso wie Jürgen Rüttgers (CDU) auch im Film "mitspielt".

Mit seinem schon legendären Auftritt als falsche Königin Beatrix hat Hape Kerkeling seinerzeit die Sicherheitssperren beim Bundespräsidenten am Berliner Schloss Bellevue überwunden. Jetzt ist er als Kunstfigur Horst Schlämmer sogar ins Bewusstsein des von Weltwirtschafts- und Finanzkrise stark verunsicherten Wählervolkes gelangt. Einer Umfrage zufolge könnten sich sogar rund 18 Prozent der Wahlberechtigten vorstellen, die HSP zu wählen, stünde sie denn zur Wahl.
"Konservativ, liberal, links - da is für jeden wat dabei"

Immerhin haben sich auf Schlämmers Internet-Seite innerhalb kurzer Zeit rund 10.000 Unterstützer angemeldet, zeitweise war die Seite überlastet. In einer Hitliste tauchte Horst Schlämmer unter den "beliebtesten Deutschen" auf. Sein "Wahlprogramm" lautet "konservativ, liberal, links - da is für jeden wat dabei".

Vielleicht ist "inzwischen alles viel zu wirklich geworden", wie die "Berliner Zeitung" in einer Reportage aus Grevenbroich schreibt, jener Kleinstadt im Rhein-Kreis Neuss am Niederrhein, wo der "Reporter" Schlämmer sein "Grevenbroicher Tagblatt" angesiedelt hat und wo es in Restaurants schon reale "Schlämmer-Schnitzel" gibt. "Es ist kein Zufall, sondern symbolhafter Ausdruck des Versagens von Parteien und Medien, dass eine Witzfigur, Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling, zur Attraktion des diesjährigen Wahlkampfs werden konnte", kommentierte die Zeitung vielleicht etwas übertrieben sauertöpfisch. Andere Medien wie die "Sächsische Zeitung" haben "reale und fiktive Spaßparteien" ausgemacht, bei denen man manchmal vergesse, "ob sie es vielleicht doch ernst meinen - oder nur spielen wollen".
Kanzleramtschef Thomas de Maizière (CDU) jedenfalls kann über die Kunstfigur lachen, "vor allem aber über den grandiosen Hape Kerkeling", der ein "begnadeter Komiker und Schauspieler" sei, wie er in der "Berliner Zeitung" sagte. Politik dürfe nicht zimperlich sein, sei aber ansonsten "ein verdammt ernstes Geschäft". Bedenklicher sei, "dass manche Intellektuelle auf der Welle der Politikverdrossenheit reiten und dazu aufrufen, nicht wählen zu gehen". Das sei ärgerlicher als eine gut gemachte Parodie auf Politiker.

zur Startseite

von
erstellt am 18.Aug.2009 | 07:24 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen