Aufgewärmt : Ravioli aus der Dose: Wenn Fastfood 60 wird

Vollgestopfte Nudelkissen, von passierten Tomaten umhüllt: 1958 schlägt das konservierte Italo-Gericht ein wie Elvis.

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12. Mai 2018, 14:47 Uhr

Am 12. Mai 1958 bohrte sich der erste deutsche Dosenöffner durch das Weißbech einer Büchse, die einen scheinbar feurigen Tomateneintopf mit gestopften Nudelkissen luftdicht umhüllte. Die Blechdose ist seinerzeit noch das Maß der Dinge in der Speisekammer, doch der Inhalt, dieses Fertigmahl mit den Klumpen im knallroten Tomatenmus, ist trotz der geschmacklichen Distanziertheit eine mittlere Revolution – und ein milder Kontrast zum gepökelten Speck, der als konserviertes Mittagsmahl notgedrungen die Nummer Eins bei den Fleischgerichten ist.

Die Dose als Verpackung erklärt sich dadurch, dass der Kühlschrank Ende der 1950er noch eher selten anzutreffen ist. Der Rest ist wohl auf die Italien-Verrücktheit und die wachsende Zeitnot der Deutschen im Wirtschaftswunder zurückzuführen. So machte Nestles Tochter Maggi sich Ende der 1950er daran, ein geschmacklich eher zurückhaltendes Nudelgericht aus Genua für den Massenmarkt einzukochen. Mobil wie ein Regenschirm, jugendlich wie ein Turnschuh, verstaubar wie ein Buch – und im kalten Krieg quasi endzeitsicher war das Gericht.

La Dolce Vita – das süße Leben – ließ sich nun im Keller bunkern und in wenigen Minuten kam jederzeit eine sonnengereifte Komplettmahlzeit in den Teller – zu Hause wie unterwegs, auf dem Spirituskocher wie auf dem Plattenherd – manchmal auch direkt aus dem Behältnis vertilgt. Verarbeiten, das hieß in diesem Fall lediglich aufwärmen – und das gelang sogar Vaddi. Alublechdose auf, Brenner an, Blechdose draufstellen, zwei Mal umrühren, servieren. Und es schmeckte immer gleich: Irgendie exotisch aber aus heutiger Sicht doch auch belanglos.

Maggis geschmacklich zurückhaltender Wurf durchbricht die felsigen Mauern des Massengeschmacks. Ravioli ist 1958 das erste Fertig-Nudelgericht. Für die aufsteigende Fastfood-Mentalität im Land der Kartoffel ist das „Kippindentopf“ die Büchse der Pandora. Wenngleich nicht für jeden ein Leibgericht, durchbricht Maggis Wurf dennoch die felsigen Mauern des Massengeschmacks – wie ein Radio-Hit – und wird zur Überlebenshilfe für die Studierenden der Nachkriegsgeneration, die in immer größeren Massen die Unis belagern. Die Popularität ist ungebrochen. Noch heute isst jeder Bundesbürger durchschnittlich eine halbe Dose Ravioli pro Jahr.

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