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Nach Messungen in mehreren Ländern : Radioaktives Jod-131 in der Luft über Europa: Wo kommt es her?

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Experten sehen zwar keinen Grund zur Sorge, rätseln aber über die Herkunft des Radionuklids. Stammt es aus Osteuropa?

Salzgitter/Prag | In weiten Teilen Europas, von Norwegen bis nach Spanien, sind im Januar Spuren von radioaktivem Jod gemessen worden. Auch die Messstelle in Freiburg habe das Radionuklid Jod-131 in bodennaher Luft registriert, teilte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) am Dienstag auf Anfrage mit. Die extrem niedrigen Konzentrationen von millionstel Becquerel pro Kubikmeter und darunter geben demnach aber keinerlei Anlass zu Besorgnis. Allerdings ist die Frage nach der Herkunft des Jod-131 offen. Auch warum die Informationen erst jetzt publik gemacht werden, ist fragwürdig.

Jod-131 lagert sich im menschlichen Körper in der Schilddrüse ab und kann dort Krebs erzeugen. Die Einlagerung wird in der Regel durch Gabe von Kaliumiodid-Tabletten gemindert. Als in den 1950er Jahren offen Atomtests durchgeführt wurden, als 1986 der Reaktorblock in Tschernobyl explodierte oder 2011 der Tsunami in Fukushima eine nukleare Krise auslöste, hat Jod-131 signifikant für eine Gesundheitsgefahr gesorgt.

Das BfS bestätigte ähnliche Berichte der tschechischen Strahlenschutzbehörde SJUB zu Jod-131 in der Luft. Jod-131 ist ein künstliches Radionuklid, das etwa in der Medizin eingesetzt wird und auch beim Betrieb von Kernkraftwerken entsteht. Spekulationen über einen Unfall in einem AKW nannte die Prager Behörde „Unsinn“. Denkbar sei indes ein Problem bei einem Hersteller von radioaktiven Medikamenten, wie sie in der Strahlentherapie eingesetzt werden. Dies bestätigte auch Astrid Liland, Chefin der NRPA (Norwegian Radiation Protection Authority). Zuvor hatte auch die französische Aufsichtsbehörde ISRN von ähnlichen Messungen berichtet. Die kurze Halbwertzeit von Jod-131 von rund acht Tagen deute darauf hin, dass die Radioaktivität in jüngster Zeit entwichen sei, hieß es in einer Mitteilung.

Nach Angaben des BfS wurden geringe Konzentrationen von Jod-131 zunächst in der zweiten Kalenderwoche 2017 (9. bis 15. Januar) in Nord-Norwegen und Finnland, sowie in Tschechien und in den folgenden Wochen auch in Deutschland, Frankreich und Spanien nachgewiesen. „Wo die Quelle liegt beziehungsweise ob es sich um eine oder mehrere Quellen handelt, lässt sich derzeit kaum rekonstruieren“, betonte die Behörde. Solche Nachweise seien nicht ungewöhnlich und seien auch in der Vergangenheit schon beobachtet worden, meist im Winter bei stabilem Hochdruckwetter.

2011 sorgte ein ähnlicher Fall für Aufsehen, als ebenfalls geringe Mengen Jod-131 für mehrere Wochen und in mehreren europäischen Ländern registriert wurden. Damals war die Quelle ein Leck in einem Filtersystem in einem Isotopenlabor in Budapest (Ungarn).

Britische Medien berichteten indes, die US-Luftwaffe habe ein Spezialflugzeug vom Typ WC-135 nach England entsandt, das radioaktive Partikel in der Atmosphäre messen kann. Demnach gebe es Befürchtungen, dass Russland auf der Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer einen nuklearen Sprengsatz getestet haben könnte. Tatsächlich scheint die Strahlung aus Osteuropa zu stammen. In Finnland und Norwegen wurde die Strahlung zuerst registriert, in Polen wurde der höchste Wert gemessen, der allerdings noch weit unter den Konzentrationen liegt, die für den Menschen gefährlich werden könnten.

 

Die CTBTO (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organisation, deutsch: Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen) dementierte: „Wenn ein Atomtest stattgefunden hätte, der Jod-131 freisetzt, dann würden auch andere radioaktive Isotope freigesetzt werden.“ Das wären beispielsweise Cäsium-137 oder Strontium-90. Dies sei bislang nicht der Fall gewesen. Europäische Geologen widersprachen ebenfalls: Es habe keine seismische Aktivität gegeben, die einen solchen Test vermuten ließe.

Astrid Liland hält aber auch einen Zwischenfall in einem Kernkraftwerk für möglich. Zuletzt hatte der Brand im nicht-nuklearen Teil eines Atomkraftwerks in der Normandie (Frankreich) erneut Zweifel an der Sicherheit der Reaktoren geschürt. Dabei musste der Betreiber EDF das Kraftwerk in Flamanville herunterfahren. Fünf Menschen erlitten Rauchgasvergiftungen. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe nicht bestanden. Auch belgische Reaktoren stehen wegen ihres desolaten Zustands immer wieder in der Kritik. Sei seien „tickende Zeitbomben“ hieß es von der Grünen-Umweltexpertin in Nordrhein-Westfalen, Sylvia Kotting-Uhl. Die Reaktoren liegen nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Von „belgischen Bröckel-Reaktoren“ sprach Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel. Eine Gefahr, dass die Kraftwerke bald in die Luft fliegen, sehen Experten allerdings nicht.

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erstellt am 22.Feb.2017 | 11:10 Uhr

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