Francesco Schettino vor Gericht : Plädoyers im Prozess um „Costa Concordia“-Kapitän begonnen

Am 13. Januar 2013 kollidierte die Costa Concordia mit einem vorgelagerten Felsen.
Am 13. Januar 2013 kollidierte die Costa Concordia mit einem vorgelagerten Felsen.

Seit anderthalb Jahren steht der Unglückskapitän vor Gericht. Nun neigt sich der Prozess dem Ende entgegen. Was erwartet Francesco Schettino?

shz.de von
22. Januar 2015, 15:18 Uhr

Grosseto | Den Beginn des Plädoyers der Staatsanwaltschaft am Donnerstag verpasste Francesco Schettino. Wegen einer Autopanne, wie der Kapitän der „Costa Concordia“ später erklärte. Um eine Ausrede war der 54-Jährige noch nie verlegen – und auch die Anklage zeichnet drei Jahre nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs in ihrem Plädoyer das Bild eines zum Übermut neigenden Mannes, der in der Unglücksnacht im Januar 2012 gleich eine Reihe verheerender Fehler machte.

„Die Umstände dieses Unglücks sind klar“, sagte Staatsanwalt Alessandro Leopizzi laut Nachrichtenagentur Ansa. Schuld an der Havarie sei „der menschliche Faktor“ gewesen, die „Costa Concordia“ sei kein unsicherer Kahn gewesen, sondern ein Juwel mit erstklassigen Geräten. Die Staatsanwaltschaft wird wohl eine langjährige Haftstrafe für Schettino fordern – zu viel spricht aus ihrer Sicht für die Mitschuld des Kapitäns am Tod von 32 Menschen:

Da wäre zum einen seine Sorglosigkeit: Schettino hat nach Ansicht der Anklage in der Unglücksnacht den Ernst der Lage lange nicht erkannt und sich nicht ausreichend verantwortlich gefühlt. Er aß vor dem Aufprall in Ruhe mit seiner Geliebten, der Moldauerin Domnica Cemortan, zu Abend. Als er auf die Brücke zurückkehrte, habe er nicht auf die drohende Gefahr reagiert. „Er ermahnte seine Leute nicht, schlug nichts vor, gab keine Anweisungen. Das Handeln Schettinos war genauso unzureichend wie das der anderen“, erläuterte Leopizzi.

Nach Ansicht der Anklage hat eine Reihe von Fehlern zu dem Unglück geführt. Schettinos Verhalten sei „unverzeihlich und unsäglich“ gewesen. Er habe das Schiff auf dem Radar nicht sehen können und die Orientierung verloren, dann sei er nach Gefühl weitergefahren und habe keine geeigneten Anweisungen gegeben. „Er hat einen gewaltigen Fehler an der Grenze zum Unglaublichen gemacht“, folgerte Leopizzi.

Anstatt nach der Havarie Alarm auszulösen und die Evakuierung einzuleiten, ließ Schettino wertvolle Zeit verstreichen. Schließlich brachte er sich selbst mit einem Rettungsboot in Sicherheit – während auf der „Costa Concordia“ noch immer viele der 4200 Menschen an Bord um ihr Leben kämpften. Schon allein dafür muss Schettino nach Ansicht vieler Experten lange ins Gefängnis.

Der Kapitän hat im Laufe des Prozesses zwar eingeräumt, selbst Fehler gemacht zu haben – sieht die Hauptschuld allerdings bei anderen und sich selbst als Sündenbock. Die Anklage wirft Schettino vor, gelogen zu haben, indem er behauptet hatte, ihm habe keine geeignete Karte zur Verfügung gestanden und er habe nichts von den Felsen vor der Insel Giglio gewusst.

Am Freitag oder Samstag sollten die Staatsanwälte ihr Plädoyer in dem Mammutprozess beenden. Kommende Woche haben dann die Anwälte der Nebenklage und die Verteidigung das Wort, bevor im Februar ein Urteil fallen könnte. Aber selbst im Falle eines Schuldspruchs könnte sich Schettino wohl zunächst herauswinden: Mit einer Berufung bliebe er so lange auf freiem Fuß, bis es ein rechtskräftiges Urteil gibt.

Der 54-Jährige steht bereits seit anderthalb Jahren vor Gericht. Was sind die zentralen Punkte des Prozesses, der sich nun dem Ende neigt?

Die Vorwürfe

Schettino werden fahrlässige Tötung und Körperverletzung in mehreren Fällen vorgeworfen. Zudem wird er für den Schaden an dem Schiff verantwortlich gemacht. Er soll den Kreuzfahrtkoloss mit mehr als 4200 Menschen aus Leichtsinn zu nah an die Insel Giglio gesteuert und das Schiff nach der Havarie im Stich gelassen haben, um sich selbst zu retten.

Die Aussagen

Schettino hat vor Gericht eine Mitschuld eingeräumt. Hauptsächlich wies er aber auf Fehler der Crew hin. So hätten Besatzungsmitglieder seine Anweisungen nicht verstanden. Schettino gestand, dass das Schiff zu nah an die Insel gefahren war, unter anderem um einen Schiffskellner von Giglio einen Gefallen zu tun.

Die Erwartungen

Anwälte erwarten, dass Schettino zu einer Gefängnisstrafe zwischen 10 bis 20 Jahren Haft verurteilt wird. Als Nebenkläger treten die Gemeinde Giglio und Opferfamilien auf. Die Reederei Costa Crociere verlangt als weiterer Nebenkläger Entschädigung von Schettino für das zerstörte Schiff.

Weitere Forderungen

Mit einer möglichen Verurteilung Schettinos sind die Vorwürfe an die Reederei nicht aus der Welt geschafft. Die Kreuzfahrtgesellschaft hatte sich 2013 mit der Justiz auf einen Vergleich geeinigt und auf eine Strafzahlung von einer Million Euro. Jedoch versuchen Opfer-Anwälte weiter, Entschädigung von dem Unternehmen zu erstreiten.

Kapitän Francesco Schettino ist der Einzige, dem für die Havarie der „Costa Concordia“ mit 32 Toten der Prozess gemacht wird. Von italienischen Medien als „Kapitän Feigling“ geschmäht, sieht sich der 54-Jährige als Sündenbock der Nation und wies immer wieder anderen die Schuld für das Unglück zu.

Mit Sonnenbrille, stets gebräunt und seinem eigenwilligen Auftreten bedient Schettino das Klischee vom machohaften Süditaliener, das weltweit ausgeschlachtet wurde. Mit flapsigen, unpassenden Sprüchen über das Unglück rückte er sich selbst in ein schlechtes Licht.

Zu seinen berühmtesten Aussagen gehört, dass er in ein Rettungsboot „gerutscht“ sei, weil die Schwerkraft auf dem sich neigenden Schiff gewirkt habe. Vor Gericht gab er immer wieder Bemerkungen von sich, die für Opfer und deren Angehörige ein Schlag ins Gesicht sein mussten („Auf dem Schiff komme ich als Kommandant gleich nach Gott“).

Aufnahmen zeigten, dass Schettino die Evakuierung nicht im Griff hatte und sich schnell selbst in Sicherheit brachte. Eine Verurteilung unter anderem wegen fahrlässiger Tötung halten Rechtsexperten für unumgänglich.

Schettino wurde 1960 in der Küstenstadt Castellammare di Stabia in der Nähe von Neapel geboren. Er besuchte das Nautische Institut in Piano di Sorrento. Ab 2002 arbeitete er bei der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Cruises, wo er 2006 zum Kapitän ernannt wurde. Nach der Katastrophe im Januar 2012 distanzierte sich die Reederei von ihm. Schettino wurde festgenommen.

Aus dem Hausarrest wurde er entlassen und verpflichtet, in seinem heutigen Heimatort Meta di Sorrento südlich von Neapel zu leben. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.
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