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„Comet Ping Pong“ in Washington : #Pizzagate: Wie Fake-News zu einer Schießerei in einer Pizzeria führten

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Ein Kinderporno-Ring und ein Tunnelsystem unter einer Pizzeria – eine falsche Geschichte mit dramatischem Ausgang.

Washington | Edgar Maddison Welch sah sich auf einer gerechten Mission, als er das „Comet Ping Pong“ im Nordwesten der amerikanischen Hauptstadt betrat. Bis an die Zähne bewaffnet drang der 28-jährige Mann aus North Carolina in die Küche der Pizzeria vor. Irgendwo dort vermutete er die Eingänge zu einem geheimen Tunnelsystem, in dem Kinder gefangen und misshandelt würden.  

So behauptet es eine Geschichte, die seit Wochen im Internet kursiert. Während des Wahlkampfs verlieh ihr Donald Trumps designierter Nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn Glaubwürdigkeit, indem er die „Pizza-Gate“-Gerüchte auf seinem Twitter-Konto schürte. Am 3. November verbreitete er die Story mit dem Kommentar „U Decide“ (dt. Sie entscheiden).

Eigentlich gab es da nicht viel zu entscheiden. Denn die Räuberpistole über einen angeblichen Kinderporno-Ring Hillary Clintons, deren Helfershelfer diesen aus dem beliebten Restaurant betrieben, war genau das: Frei erfunden.

Die „Fake“-News-Geschichte entwickelte ein Eigenleben, das über den Wahltag hinausreichte und immer neue Facetten produzierte. Darunter die Behauptung, die Opfer des Rings darbten in einem versteckten Netz aus Tunneln unter der Pizzeria.

Der Besitzer des Comet Ping Pong erhielt persönliche Drohungen. In seiner Verzweiflung kontaktierte er die Bundespolizei FBI, Facebook und andere soziale Medien. Reddit entschied sich, vergangenen Monat alle Beiträge mit Bezug auf die erfundene „Pizza-Gate“-Affäre von seiner Seite zu entfernen.

Je weiter die „Fake-News“-Geschichte ausuferte, desto mehr Personen fanden sich im Visier der Trolle wieder. Vergangene Woche erhielten auch benachbarte Geschäftsleute Drohtelefonate. Matt Carr vom „Little Red Fox“-Kaffeeladen zählte 40 Anrufe an einem einzigen Tag. „Eine Person sagte, er wird uns alle in eine Reihe vor ein Erschießungs-Kommando stellen“. Carr fürchtete, es sei nur eine Frage der Zeit, wann aus den Worten, Taten würden.

Am Wochenende war es dann soweit. Der schwer bewaffnete Welch bedrohte einen Angestellten und drang in den hinteren Teil des Lokals vor. Die rund 90 Gäste und die Bedienung flüchteten und suchten in benachbarten Restaurants Schutz. Einem Mitarbeiter gelang es, in der Panik einen Notruf abzusetzen.  

Während der Mann aus North Carolina versuchte, Selbstjustiz zu üben, riegelte die Polizei das Ausgehviertel ab. Dann fielen Schüsse, die glücklicherweise niemanden verletzten. Nach 45 Minuten gab Welch auf. Er kam mit erhobenen Händen aus der Pizzeria und legt sich auf den Boden. Die Polizei nahm ihn widerstandslos fest.

Die Stadträtin Mary M. Cheh, die zufälligerweise in der Nähe des Geschehens ihr Auto auftankte, äußerte sich tief besorgt über den Vorgang. „Es ist sehr, sehr beängstigend, wenn Gerüchte unstabile Personen dazu veranlassen, Gewalt auszuüben“.

Dass alle mit dem Schrecken davonkamen, war der bestmögliche Ausgang eines Dramas, dessen Ende ein blutiges hätte werden können. In jedem Fall heizt es die Diskussion um die Konsequenzen der „Fake“-News-Epidemie in den sozialen Medien weiter an.

Nicht wenige Analysten glauben, die massenhafte Verbreitung zu Gunsten Donald Trumps manipulierter oder frei erfundener Geschichten in den sozialen Medien habe zu dessen Wahlsieg beigetragen. Der Medienethiker Kenan Malik warnt davor, dies zum Vorwand zu nehmen, nach einer Zensur von Facebook und Co zu rufen. „Fake News sind ein Problem“, sagt er, warnt aber davor das Kind mit dem Bad auszuschütten. Das Phänomen reflektiere eine Wirklichkeit, in der Schleusenwärter der Nachrichten ihre Macht schon lange verloren hätten. Diese Aufgabe falle damit nun jedem Einzelnen zu. Welch zog die falschen Schlüsse daraus.        

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erstellt am 05.Dez.2016 | 19:17 Uhr

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