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Pirat Sam Bellamy: Trieb ihn die Liebe ins Verderben?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er war einer der erfolgreichsten Seeräuber der Karibik: Samuel Bellamy. Vor 300 Jahren versank mit ihm der größte Piratenschatz aller Zeiten. CHRISTIAN SATORIUS

Es ist eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die sich die Bewohner von Cape Cod an der Atlantikküste im Südosten Massachusetts bis heute erzählen. Sie handelt von dem jungen und ausgesprochen gut aussehenden Samuel Bellamy, der seine große Liebe Maria Hallet ehelichen wollte. Doch ihre Eltern waren gegen die Verbindung mit einem einfachen Seemann. Also versprach Samuel seiner Geliebten, in die weite Welt hinauszuziehen und erst als reicher Mann zurückzukehren. Er wurde zum erfolgreichsten Piraten aller Zeiten: „Black Sam“ Bellamy.

Nach nur einem einzigen Jahr hatte er unermessliche Reichtümer angehäuft und machte sich auf den Weg zurück zu seiner Geliebten, die noch immer auf ihn wartete. Doch nur wenige Meter vor der Küste geriet sein Schiff, die „Whydah“, in einen schweren Sturm. Maria hatte davon gehört und war zum Strand geeilt. Dort musste sie hilflos mit ansehen, wie ihr schöner und reicher Geliebter direkt vor ihren Augen für immer in den tosenden Fluten versank.

Soweit die Legende, die Barry Clifford von seinem Onkel Bill als Junge erzählt bekam. Der Schatz liege allerdings immer noch dort, ergänzte der Onkel damals seine Geschichte. Die Erzählung und vor allem der sagenhafte Schatz gingen Barry Clifford fortan nicht mehr aus dem Kopf – dreißig Jahre lang nicht. Als Erwachsener machte er sich endlich auf die Suche nach dem legendären Schatz des „Black Sam“ Bellamy – und fand ihn. Am 23. Juli 1984 begannen die Bergungsarbeiten, bis heute sind sie nicht abgeschlossen. Robert Cahill von der zuständigen Behörde für Unterwasserarchäologie in Massachusetts (BUAR) geht davon aus, dass der Schatz einen Wert von mehr als 400 Millionen US-Dollar heutiger Währung besitzt. Damit würde es sich den Experten zufolge um den größten Piratenschatz handeln, der je gefunden wurde. „Black Sam“ Bellamy wäre somit erfolgreicher gewesen als seine weitaus berühmteren Piratenkollegen Sir Francis Drake und Edward „Blackbeard“ Teach zusammen – und das in nur einem einzigen Jahr. Inzwischen können über 200  000 Fundstücke des Wracks der „Whydah“ im „Whydah Pirate Museum“ in West Yarmouth, Massachusetts, begutachtet werden. So abenteuerlich sich die Geschichte auch anhören mag, die Barry Clifford von seinem Onkel Bill erzählt bekam: Im Kern ist sie wahr. Das weiß man auch deshalb, weil es Überlebende gab, die später vor Gericht gestellt und verhört wurden. Die Akten existieren bis heute. Historisch gesichert ist, dass Samuel Bellamy am 18. März des Jahres 1689 in ärmlichen Verhältnissen in Plymouth, Devonshire geboren wurde. Ob er sich allerdings als junger Mann entschied, Pirat zu werden, weil er unglücklich verliebt war, konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden. Zwar lebte seinerzeit Zeit wirklich eine Mary Hallet am Cape Cod, ob die beiden sich allerdings kannten oder sogar liebten, ist heute nicht mehr zweifelsfrei festzustellen. Sicher ist allerdings, dass Bellamy 1716 bei dem Piratenkapitän Benjamin Hornigold anheuerte, mit dem auch der gefürchtete Edward „Blackbeard“ Teach segelte. Im Sommer des Jahres 1716 setzten die Piraten Hornigold ab und wählten Bellamy zum neuen Kapitän, der aufgrund seiner langen schwarzen Haare, die er locker zum Zopf gebunden trug, bald „Black Sam“ genannt wurde. Als Piratenkapitän war er dank seiner seemännischen Erfahrung und Professionalität äußerst erfolgreich.

Im Frühjahr des Jahres 1717 gelang es den Seeräubern, den schnellen Dreimaster „Whydah“ nach einer dreitägigen wilden Verfolgungsfahrt zu entern und in ihre Gewalt zu bringen. Bellamy baute das ehemalige Sklavenschiff daraufhin zu seinem Flaggschiff aus und rüstete den ohnehin schon mit 28 Kanonen bestückten Segler weiter auf. Seine Mannschaft rekrutierte sich aus vielen Nationen, unter ihnen waren Briten, Iren, Schotten, Waliser, ehemalige Sklaven aus den damaligen Kolonien und sogar Schweden. „Black Sam“ führte die kleine Flotte von Schiffen, die sich durch mehr als 50 Raubzüge bald ansammelte, als gewählter Kapitän. Laut Zeugenaussagen herrschte an Bord eine Demokratie, bei der die Piraten die Entscheidungen des Kapitäns nicht nur anzweifeln durften, sondern sogar rückgängig machen konnten. Kein Wunder, dass sich die Piraten auch stolz als „Robin Hoods freie Männer“ bezeichneten, Bellamy selbst als den „Robin Hood der Meere“. Niemals sei er durch Brutalität aufgefallen, auch nicht seinen Feinden gegenüber, stets habe er durch Professionalität überzeugt, sagten später die Überlebenden des großen Sturms vom April 1717 vor Gericht aus. Dieser schicksalsträchtige Sturm im Frühjahr 1717 allerdings beendete die steile Karriere des „Robin Hoods der Meere“ jäh. Die viel zu schwer mit Gold, Silber, Edelsteinen, Elfenbein und Indigo aus über 50 Raubzügen beladene „Whydah“, lief in der Nacht vom 26. auf den 27. April nur 150 Meter von der Küste von Cape Cod entfernt auf eine Sandbank auf. Die über zehn Meter hohen Wellen ließen den stolzen Dreimaster kentern, das Großsegel brach, das Heck zerschellte. Die „Whydah“ versank inmitten des wütenden Sturms für immer in den Fluten, und mit ihr „Black Sam“ Bellamy mit seinem legendären Schatz. Von den 146 Mann an Bord überlebten nur zwei: der Schiffszimmermann Thomas Davis und der Steuermann John Julian. Während Davis in dem anschließenden Gerichtsprozess freigesprochen wurde, weil er glaubhaft machen konnte, in die Piraterie gezwungen worden zu sein, verliert sich die weitere Spur Julians im Dunkel der Geschichte. Am 15. November des Jahres 1717 wurden in Boston sechs Piraten hingerichtet, die zu Bellamys Mannschaft gehörten und auf anderen Schiffen der kleinen Flotte des „Robin Hoods der Meere“ dem Sturm entkommen konnten. In deren Gerichtsprozess, der am 18. Oktober 1717 stattfand, sagte der Pirat Peter Hofer aus, der Schatz an Bord der „Whydah“ sei so groß gewesen, dass „jeder Mann einen Sack von 50 Pfund Gewicht bekommen sollte“.

Zu diesem Zeitpunkt als nachgezählt wurde, befanden sich Hofer zufolge 180 Mann an Bord. Das war dann auch die Summe, die den Taucher und Abenteurer Barry Clifford in unseren Tagen davon überzeugte, dass sich die Suche nach dem Wrack der „Whydah“ lohnen würde. Also vergrub er sich in den Archiven und studierte Seekarten und Notizen von Zeitzeugen. Dabei stieß er auf die Aufzeichnungen des Kartografen Cyprian Southack, der seinerzeit damit beauftragt worden war, das Wrack und alles was sich an Bord befand, im Namen der Regierung sicherzustellen – was ihm allerdings den Korrespondenzen nach nicht gelang. Also versuchte Barry Clifford sein Glück. Allerdings wimmelte es in den gefährlichen Gewässern rund um Cape Cod nur so von Schiffswracks, Expertenschätzungen gehen von 3000 bis 6000 Wracks aus. „Zudem war das Gebiet mit Blindgängern eines benachbarten Truppenübungsplatzes übersät“, sagt Clifford heute. Dennoch fand er das Wrack der „Whydah“ Anfang der 1980er Jahre über weite Strecken verstreut unter einer meterdicken Schicht von Sand begraben. Eine Sensation. Am 23. Juli 1984 begannen die Bergungsarbeiten. Im Oktober 1985 fanden Cliffords Taucher die Schiffsglocke. Ihre Inschrift „The Whydah Gally 1716“ überzeugte selbst die letzten Skeptiker. Die Arbeiten dauern unter diesen schweren Bedingungen bis heute an. Inzwischen können mehr als 200 000 Artefakte im eigens von Clifford gegründeten „Whydah Pirate Museum“ in West Yarmouth, Massachusetts, bestaunt werden.

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