Öko-Enzyklika 2015 : Papst Franziskus: Verhalten der Menschen ist „selbstmörderisch“

Die Erde eine riesige Müllhalde, die der Katastrophe entgegenschlittert: In provokanten Worten kritisiert der Papst Wegwerfgesellschaft, Umweltzerstörung und globale Gleichgültigkeit.

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18. Juni 2015, 16:15 Uhr

Rom | Papst Franziskus hat in seiner neuen Enzyklika Konsumrausch, Umweltzerstörung und eine Unterwerfung der Politik unter die Wirtschaft angeprangert. „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten“, erklärt der Papst in seinem Weltrundschreiben „Laudato si“, das am Donnerstag veröffentlicht wurde. „Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint.“

Eine Enzyklika ist ein an Bischöfe und Gläubige gerichtetes päpstliches Rundschreiben. Thematisch geht es zum Beispiel um Glaubens- und Sittenlehre, um Sozial-, Staats- und Wirtschaftslehre oder um Kirchenpolitik.

Die Erde scheine sich in eine „unermessliche Mülldeponie“ zu verwandeln. „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden kann“, heißt es in der ersten Enzyklika, die Franziskus alleine geschrieben hat, weiter.


„Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.“


Angesichts des Klimawandels ging das Oberhaupt von weltweit rund 1,2 Milliarden Katholiken hart mit Politik und Wirtschaft ins Gericht. „Die Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen zeigt sich in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen“, erklärt der 78-Jährige. Mit Blick auf die Klimakonferenz Ende des Jahres in Paris schreibt er, es sei dringend geboten, Programme zu entwickeln und den Ausstoß von Kohlendioxid drastisch zu reduzieren. Der Klimawandel sei „eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit“.

Das rasante Wachstum in reichen Ländern gehe vor allem auf Kosten der Armen, schreibt der Papst. „Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist.“ Er rief dazu auf, das Wachstum zu verlangsamen. „Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.“

Der führende deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagte bei der Vorstellung im Vatikan, der Aufruf des Papstes, gegen den Klimawandel zu kämpfen, spiegele alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema wider. Schellnhuber war vom Vatikan am Vortag in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden.

Kritisch sieht der Papst auch die übermäßige Nutzung sozialer Netzwerke und digitaler Medien. Dies gleiche einer „bloßen Anhäufung von Daten, die sättigend und benebelnd in einer Art geistiger Umweltverschmutzung endet“. Dadurch entstehe „eine schädliche Vereinsamung“.


„Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden kann.“


Die Enzyklika - eines der wichtigsten Lehrschreiben der katholischen Kirche - hatte schon vorab für Wirbel gesorgt. Vor allem in den USA kritisierten konservative Kreise, die den Klimawandel bezweifeln, den Papst für seine politische Stellungnahme. Auch innerhalb des Vatikans ist das Öko-Schreiben von Franziskus durchaus umstritten.

Die Reaktionen in Deutschland fielen vor allem positiv aus. Nach Ansicht des Sozialphilosophen Michael Reder schlägt die Enzyklika eine neue Richtung in der Kirchengeschichte ein. „Sie setzt das Denken der Kirche radikal auf ein neues Gleis“, sagte er. Die katholische Kirche habe das Thema Klimawandel bisher kaum beachtet und auch selber an der Umweltzerstörung mitgewirkt.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat die neue Enzyklika als Ansporn für alle gewürdigt, die sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen. „Die klare Sprache dieser Enzyklika und die Tiefe der Gedanken bieten Anstöße, die weit über die katholische Welt hinaus Wirkung entfalten werden“, erklärte die SPD-Politikerin am Donnerstag. Sie hoffe, seine Argumente überzeugten insbesondere die „konservativen Kreise, die die enorme Brisanz des Klimawandels kleinreden wollen“.

Der Papst sage, die Klage der Armen müsse ebenso gehört werden wie die Klage der Erde. „Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt: Die ökologische Frage und die soziale Frage gehören zusammen“, so Hendricks. Die wohlhabenden Menschen und die wohlhabenden Länder belasteten die Umwelt deutlich stärker. Sie hätten deshalb eine besondere Verantwortung, voranzugehen und ihr Leben den ökologischen Grenzen unseres Planeten anzupassen. „Das heißt zuallererst: Wir müssen Stück für Stück raus aus den fossilen Energieträgern. Wir müssen die Weichen stellen, damit wir unsere Energie anders gewinnen als mit Kohle, Öl und Gas. Ich freue mich sehr, dass Papst Franziskus dieses Anliegen teilt.“

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace begrüßte die Forderungen des Papstes. Franziskus verlange „laut und deutlich, ohne weiteren Aufschub mit dem Ausstieg aus klimazerstörenden fossilen Energien zu beginnen“, sagte Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl. „Das ist ein klares Signal an Kohle- und Ölkonzerne wie Vattenfall oder Shell, aber auch an die CDU.“ Christdemokratische Politiker in Deutschland würden seit Wochen die Klimaabgabe „schmutziger Kohlekraftwerke“ torpedieren, kritisierte Schinerl. „Die Enzyklika macht klar, dass Angela Merkel sich im deutschen Kohlestreit nicht länger wegducken kann. Wenn die Kanzlerin nicht den schrittweisen Kohleausstieg angeht, handelt sie nicht nur gegen ihre eigenen Ankündigungen vom G7-Gipfel, sondern auch gegen die katholische Kirche.“

Die Menschheit habe die Pflicht, sich um den Planeten Erde zu kümmern, und Solidarität mit den ärmsten und verletzbarsten Mitgliedern der Gesellschaft zu zeigen, die unter dem Klimawandel litten, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Donnerstag in New York. Ban rief alle Regierungen der Welt auf, das Wohl der Erde über nationale Interessen zu stellen und beim Klimagipfel in Paris in diesem Jahr ein ehrgeiziges Abkommen zu verabschieden.

„Es ist neu, dass ein Papst so bewusst entscheidet: Ich möchte in die politische Debatte hinein Wirkung entfalten“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Marx. Der Deutsche Caritasverband forderte ein beherzteres Vorgehen der internationalen Staatengemeinschaft gegen die Ursachen des Klimawandels. Dass Armuts- und Umweltfragen nicht zu trennen sind, sehe auch das katholische Hilfswerk Misereor als Kernbotschaft, erklärte Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, wünschte dem Text aus Rom „von Herzen eine breite internationale Aufmerksamkeit“. Alle Christen verbinde die Sorge um die Umwelt und eine gerechtere Wirtschaftsordnung auch „jenseits der unterschiedlichen theologischen Traditionen“.

„Der Papst eröffnet eine Debatte über die globale Wegwerfkultur“, sagte der politische Geschäftsführer Christoph Bals. WWF-Vorstand Eberhard Brandes forderte, dass die Kirche ihren Worten auch Taten folgen lassen sollte. „Franziskus hat den Naturschutz zur Chefsache gemacht. Jetzt kommt es darauf an, dass seine Botschaft auf allen Ebenen der Kirchenhierarchie ankommt und entsprechend umgesetzt wird.“

Die Themen der letzten Enzykliken:

Papst Franziskus 2013 „Lumen fidei - Das Licht des Glaubens“ (Über den Glauben)
Papst Benedikt XVI 2009 „Caritas in veritate - Die Liebe in der Wahrheit“ (über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit.)
Papst Benedikt XVI 2007 „Spe salvi facti sumus - Auf Hoffnung hin sind wir gerettet“ (Über die christliche Hoffnung)
Papst Benedikt XVI 2005 „Deus caritas est - Gott ist die Liebe“ (Über die christliche Liebe)
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