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Vergebung für Abtreibung : Papst Franziskus: Kein Revolutionär, aber nahbarer Mensch

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Der Papst erlaubt Priestern, Frauen die „Sünde“ der Abtreibung zu vergeben. Das ändert aber nichts an der Grundhaltung der katholischen Kirche. Trotzdem sticht Franziskus immer wieder mit Gesten heraus.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2015 | 15:03 Uhr

Rom | Es klingt revolutionär: Papst Franziskus erlaubt allen Priestern anlässlich des bevorstehenden Heiligen Jahres, Frauen ohne den sonst üblichen Amtsweg die Abtreibung zu vergeben. „Ich bin sehr vielen Frauen begegnet, die in ihrem Herzen die Narben dieser leidvollen und schmerzhaften Entscheidung trugen“, erklärte der Papst am Dienstag in einem Schreiben. „Die Vergebung Gottes für jeden Menschen, der bereut, kann diesem nicht versagt werden.“

Kirchenrechtler sehen allerdings keine Revolution in den Worten des Papstes. „Die Ankündigung geht meiner Meinung nach nicht sehr weit über die derzeit gegebenen Möglichkeiten hinaus“, sagt Professor Georg Bier von der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Nach dem Kirchenrecht kann in Einzelfällen auch jetzt schon ein Priester im Beichtstuhl den Strafnachlass gewähren und die Absolution ohne vorherigen Amtsweg erteilen. Rein rechtlich müsste sich die Frau dann allerdings nachträglich noch einmal vom Bischof bestätigen lassen, dass sie nicht mehr exkommuniziert ist.

„Die Abtreibung bleibt (in der katholischen Kirche) ein Straftatbestand, daran ändert sich nichts“, sagt Bier. Die Ankündigung entspreche „dem Wunsch des Papstes, im Heiligen Jahr noch großzügiger die Sünder in ihrer Sündhaftigkeit anzunehmen“. Das Heilige Jahr beginnt am 8. Dezember und endet am 20. November 2016. Zu dem Ereignis werden Millionen Pilger in Rom erwartet. In der Zeit können – nach Ansicht der Kirche – Gläubige mit Gebet und Buße den Ablass ihrer Sünden erreichen.

Auch der Vatikan beeilte sich klarzustellen: Es sei keinesfalls eine Abschwächung der Bewertung, wie schwer die „Sünde“ der Abtreibung sei, sagte Papstsprecher Federico Lombardi. Die Entscheidung sei eine „Ausweitung der Offenbarung der Barmherzigkeit“, die das Leitmotiv des Jubiläumsjahrs ist.

Die linksliberale spanische Zeitung „El País“ kommentierte die Entscheidung wie folgt: „Die Ankündigung des Papstes bedeutet keinen Wandel in der Doktrin der katholischen Kirche. Franziskus nimmt damit aber eine neue Haltung in der viel diskutierten Frage der Abtreibung ein.“ Und weiter: „Franziskus ruft die Kirche auf, sich den Frauen anzunähern, die sich zu einer Abtreibung entschließen. Er vermeidet jegliche Verurteilungen und zeigt viel Mitgefühl.“

Obwohl die Ankündigung des Papstes alles andere als revolutionär und er weiterhin das Oberhaupt einer Kirche ist, für die ein Großteil der Weltbevölkerung nichts als Unverständnis übrig hat (beispielsweise wegen ihres Umgangs mit Homosexualität oder Verhütung), sticht Franziskus immer wieder heraus. Es sind oftmals die kleine Gesten, die viel über ihn aussagen. Ein paar Beispiele:

Papamobil

Will nah am Volk sein: Papst Franziskus im Papamobil.
Will nah am Volk sein: Papst Franziskus im Papamobil. Foto: Imago/Zuma Press
 

Papst Franziskus hält nichts von seinem gepanzerten Papamobil. „In dieser Sardinenbüchse, auch wenn sie aus Glas ist, kann ich die Leute nicht grüßen und ihnen nicht sagen, dass ich sie liebe“, sagte er vor einiger Zeit. „Für mich ist das wie eine Mauer.“ Trotz Sicherheitsbedenken sei ihm der direkte Kontakt zu den Gläubigen wichtig. „Es stimmt, dass mir etwas zustoßen kann, aber das liegt in der Hand Gottes“, sagte er. Das Papamobil war eine Neuerung, die von Papst Johannes Paul II. eingeführt wurde, der auf seinen zahlreichen Reisen mehr Kontakt zur Öffentlichkeit hatte als die Vorgänger. Es ermöglicht dem Papst, den Gläubigen im Stehen zuzuwinken. Seit dem Attentat auf ihn im Jahr 1981 wurde das Fahrzeug zumeist mit Panzerglas gesichert.

Franziskus zeigt im Hinblick auf das Papamobil nicht nur den Wunsch nach Nähe zu den Menschen, sondern auch seine Bescheidenheit. Bei einem Aufenthalt in Südkorea hatte Franziskus gewünscht, den kleinsten in Korea produzierten Kleinwagen als Gefährt zu bekommen. Das Vorbereitungskomitee der Papstreise verwies laut „Korea Times“ auf den von Franziskus bevorzugten einfachen Lebensstil. Seine „Liebe zu den Kleinen“ gelte sowohl für kleine, schlichte Sachen als auch für die im Neuen Testament erwähnten „kleinen Leute“, die Unterprivilegierten und Ausgegrenzten.

Auch beim Papamobil im Vatikan wollte das Kirchenoberhaupt nicht wie bisher üblich in einem Mercedes Platz nehmen, sondern in einem Hyundai

 

Fußwaschung

Papst Franziskus bei der Fußwaschung in einem römischen Gefängnis.
Papst Franziskus bei der Fußwaschung in einem römischen Gefängnis. Foto: dpa
 

Franziskus geht oftmals an den Rand der Gesellschaft, setzt Akzente: So wusch der Argentinier in diesem Jahr zu Beginn des Osterfestes zwölf Häftlingen in einem römischen Gefängnis kniend die Füße und küsste sie. Die sechs Männer und sechs Frauen, denen er die Füße wusch, stammten aus Italien, dem Kongo, Nigeria, Ecuador und Brasilien. „Wenn Jesus uns die Füße wäscht, dann wäscht er unseren gesamten Leib, alles von uns“, sagte Franziskus in einer kurzen Ansprache. Vor zwei Jahren hatte der 78-Jährige nach seiner Wahl mit dem Brauch seiner Vorgänger gebrochen, Priestern die Füße zu waschen.

 

„Viva il Papa“

Auch beim Thema Essen ist Franziskus anscheinend sehr nahbar: Er hatte sich einmal gewünscht, endlich mal wieder Pizza essen zu gehen. Und bekam im Frühjahr bei seinem Besuch in Neapel eine Pizza persönlich zum Papamobil geliefert. Das sieht man zumindest in einem Video, das die neapolitanische Pizzeria „Don Ernesto“ online stellte.

Darin schiebt sich Pizzabäcker Enzo Cacialli trotz Sicherheitsvorkehrungen bis zum Papst vor und überreicht dem Pontifex bei dessen Besuch am Samstag die Pizza mit der Aufschrift „Viva il Papa“. Anschließend brandet Jubel auf. Franziskus habe die Pizza mit seiner „enormen Demut und Ansprechbarkeit akzeptiert und sich mit einem wundervollem Lächeln bedankt“, heißt es auf der Facebook-Seite des Restaurants.

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