zur Navigation springen

Christen feiern Auferstehung : Ostern: Wo ist der Glaube, wenn es ans Sterben geht?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Reporterin Anette Schnoor hat mit Menschen gesprochen, denen der Tod nah ist. Eine Geschichte vom Leben und Sterben.

Die Nachricht kam plötzlich, unerwartet für die meisten: „Guido Westerwelle ist tot.“ Viele hatten wohl sofort das Gesicht des Mannes vor Augen: die narbige Haut, die ernsten grauen Augen hinter starken Brillengläsern.

Offensichtlich fiel dem populären früheren FDP-Politiker das Sprechen schwer – seine Mundhöhle war entzündet. Doch er gab Interviews. Im Spätherbst des vergangenen Jahres war das, als der Leukämie-Patient sein Buch „Zwischen zwei Leben“ vorstellte. Die Dämonen seiner Krankheit zu bezwingen, habe es geholfen, berichtete er und dass er etwas zu sagen habe: „Wenn Ihnen neue Zeit geschenkt wird, wollen Sie diese Zeit nutzen und ein bisschen die Lehren weitergeben.“ Die Botschaft schien klar: Hier hat sich jemand erfolgreich in sein zweites Leben zurückgekämpft.

So fühlt es sich also an, zu sterben

Guido Westerwelle am 8. November 2015 während der ARD-Talksendung „Günther Jauch“.

Guido Westerwelle am 8. November 2015 während der ARD-Talksendung „Günther Jauch“.

Foto: dpa
 

Um welche Lehren ging es Guido Westerwelle? Was bewegte den Mann, der stark und gesund wegen einer Sportverletzung zum Arzt ging und erfahren musste, dass er todkrank war; der während der medizinischen Behandlung einen allergischen Schock erlitt und dachte: „So fühlt es sich also an, das Sterben“; der schließlich eine Knochenmarkspende überstand und dem Leben zusätzliche Zeit abknappste, immer in der Hoffnung, dass es noch lange währen möge.

Mit Disziplin habe er „Einiges schaffen können“, berichtete er in seinen Herbst-Interviews. Das Prinzip Leistung kannte der Jurist aus Kindertagen und es schien zunächst, als bewähre es sich auch in der Krankheit. Es war, als könne der Patient mit seiner Disziplin und seinem eisernen Willen Krankheit, Todesängste und den Tod bezwingen. Es lohne sich, für sein Leben zu kämpfen und es dann bewusst zu gestalten. Diese Lehre wollte Guido Westerwelle weitergeben: „Nutze den Tag und mach was aus dem Leben“, sagte er. Und: „Ich frag mich heute: Mit was hast du dich beschäftigt? Worüber hast du dich aufgeregt?“

Glaubst Du an die Auferstehung?

Woran glaubst Du in Deiner Not? Auf diese Frage gab der bekennende Christ Guido Westerwelle jedenfalls in der Öffentlichkeit keine lange Antwort: „Ich bin in der Kirche, und das nicht aus Zufall“, sagte er darauf angesprochen. „Da hat man natürlich eine Vorstellung vom Jenseits.“ Doch: Selbst als sterbenskranker Patient habe er sich weniger über den Tod Gedanken gemacht, „mehr über das Leben davor und darüber, wie man den Tod abwenden kann“. Kämpfen, gewinnen, verlieren – gibt es da Platz für die Osterbotschaft?

„Ostern, die Auferstehung – das ist das Wichtigste“, sagt Christel Tychsen. „Der Körper mag sterben, aber die Seele bleibt erhalten. Sie ist es, die mich ausmacht.“ Die ehemalige Bankerin steht mit beiden Beinen fest im Leben. Ihr wirtschaftliches Geschick und viel soziales Engagement hat die 70-Jährige eingesetzt, um im nordfriesischen Niebüll ein Hospiz zu etablieren. „Das geht nur mit anderen zusammen“, betont sie. Nein, den Erfolg, das Wilhelminen-Hospiz begründet zu haben, verbucht sie nicht für sich allein. Aber fast jeden Tag ist die Geschäftsführerin im Haus, wirkt darauf hin, dass Finanzen und Kommunikation stimmen, dass „unsere Gäste nach ihrem Willen wahrgenommen und begleitet werden“.

In den Tod hinein leben

„Mein Glaube hilft mir“: Hospiz-Leiterin Christel Tychsen.
Hospiz-Leiterin Christel Tychsen.

In der letzten Phase Ihres Lebens sollen die Sterbenskranken leben können, in den Tod hinein leben. Bewusst nennt Christel Tychsen das Hospiz ein „Haus des Lebens“. Hier geht es nicht um die Alternativen Leben oder Tod. Hier ist der Tod ein Teil des Lebens, kein Feind, den es abzuwehren gilt. „Sterben ist der Beginn von etwas Neuem. Menschen, die sterben, haben ihren Weg auf Erden gemacht“, ist Christel Tychsen überzeugt.

So wird im Hospiz die Osterbotschaft sichtbar, wie sie Papst Franziskus im April 2015 beim traditionellen Segen urbi et orbi interpretierte: „Mit seinem Tod und seiner Auferstehung weist Jesus allen den Weg zum Leben und zum Glück: Dieser Weg ist die Demut, die Erniedrigung, die mit Demütigung verbunden ist. Das ist der Weg, der zur Herrlichkeit führt.“

Im Sterben Demut lernen

Nun ist Erniedrigung ein großes Wort, aber tatsächlich erleben viele Sterbende genau sie, die demütigenden Situationen. Plötzlich hat der Mensch nicht mehr die Zügel seines Lebens in der Hand. Schwach müssen Kranke „damit leben, dass andere Dinge für sie tun“, berichtet Christel Tychsen. „Schwach sein zu erleben und zu verarbeiten, das ist nicht einfach und es kann ja so weit gehen, dass man ganz und gar abhängig ist.“ Wie ist es, wenn man sich dann wehrt und nicht loslassen kann, wenn es vielleicht Unerledigtes gibt: Streit, Familienzwistigkeiten, Unausgesprochenes? Wird es dann schwerer mit dem Sterben? Christel Tychsen nickt nachdenklich. Ja, diese Fälle hat sie erlebt, dass Menschen sehr lange mit dem Tod ringen, oft noch etwas erleben oder jemandem begegnen möchten. „Es kann wahnsinnig schwer sein ,Ja’ zum Tod zu sagen und sich bewusst vom Leben zu verabschieden.“ Deshalb geht es im Hospiz viel um konkrete Hilfe, darum, die Wahrheit auszusprechen, darum zuzuhören und wahrzunehmen – sowohl beim Patienten, als auch bei seiner Familie und den Freunden.

Zweifel an der Osterbotschaft

Und wie schwer ist es, wenn ein junger Mensch stirbt, wenn es kaum zu glauben ist, dass sein Lebensweg so früh schon zu Ende sein soll! „Früher waren wir gläubig“, sagt Tanja Götz. „Mein Mann ist es immer noch.“ Aber wenn die Mutter heute überhaupt noch ein Gefühl für Gott hat, dann ist es Wut. Welchen Sinn macht es, ein Kind über Jahre leiden zu lassen und dann mit gerade neun Jahren in den Tod zu holen? Maxi, ihr Ältester, hat das erlebt. „Ich versteh es nicht und es fällt mir schwer, dieses Jahr Ostern zu feiern.“ Gerade im vergangenen Monat erst wurde Maxi bestattet. „Jetzt ist er in meiner Vorstellung bei seinen Freunden, bei all den Kindern, die schon vorausgegangen sind ins Wunderland.“

Ostern, das war früher Maxis Fest. Der Papa legte Hasenspuren und der Junge machte sich mit seinem kleinen Bruder Jakob auf die Suche nach versteckten Süßigkeiten. Dieses Jahr werden die bunten Eier unter den kleinen Büschen am Grab versteckt sein. „Wir möchten die Grabstelle schmücken und machen am Sonntag ein Picknick bei Maxi.“ Er soll auch in diesem Jahr dabei sein, wenn Jakob sich auf die österliche Suche macht. Maxi ist überall dabei: wenn sich die Familie am Feiertag bei Oma und Opa trifft und sowieso zu Hause, wo seine Kerze brennt und wo Jakob der Kerzenflamme sein Lego-Gebasteltes zeigt: „Guck mal Maxi, das hab ich gemacht.“

Wird Ostern für die Familie jemals wieder ein fröhliches Fest sein? Zwei Jahre nach dem Tod ihres Sohnes Kim, ist es das für die Lemkes nicht. Im Sommer 2014 starb der fröhliche Knirps und „Ostern oder Weihnachten kannst Du seitdem vergessen“, sagt sein Vater Steffan. Die Mutter sucht nach Worten: „Wie kann man das beschreiben? Die Freude fehlt, man hat halt frei und für Mia gibt es Naschis – es ist alles ganz irdisch.“ Auferstehung? Frohe Botschaft? Osterfeier? „Irgendwie muss man ja was machen.“ Sie werden zusammensein und an Kimi denken, die Lemkes. An sein fröhliches Wesen, an den Spaß, den er an Ostern hatte, sein ansteckendes Lachen. „Jetzt ist es langweilig“, findet seine ältere Schwester. Immerhin gibt es inzwischen Frieda, die kleine Frieda, die noch ein Baby ist, das jüngste Mitglied der Familie. „Mal schauen wie es wird, wenn sie älter wird“, sagt Monira Lemke und in ihrer Stimme schwingt Hoffnung mit.

Aber die Hoffnung ist noch immer da

„Nein, ich werde meine Hoffnung niemals aufgeben. Ich bin das pure Leben. Es wird gekämpft bis zum Schluss.“ Als Viola Helms das sagt, spricht sie zu mehreren Hundert Zuschauern. Die Hamburger Bloggerin hat ein großes Publikum und das hält sie mit regelmäßigen Videokonferenzen auf dem Laufenden.

Am 16. März war sie beim Bestatter, denn bei aller Hoffnung ist die 29-Jährige realistisch: „Es ist höchstwahrscheinlich, dass ich dieses Jahr nicht überleben werde.“ Also will sie ihrer Familie, besonders ihrer Mutter, möglichst viel Arbeit abnehmen. Es ist ja so schon schwer genug: „Ich weiß, dass Mama es nicht leicht haben wird, wenn sie mich zu Grabe tragen muss.“ Aber: „Der Tod gehört ja irgendwie zur Krankheit dazu. Und wenn man schon weiß, dass man eventuell nicht mehr lange zu leben hat, dann denke ich, sollte man sich auch damit beschäftigen.“

Der heutige Termin beim Bestatter

Posted by Diagnose Krebs -  und der Kampf um mein Leben. on Mittwoch, 16. März 2016

Viola beschäftigt sich seit vier Jahren mit Krankheit und Tod. Damals erschnüffelte ihre Hündin Kira bei ihr eine juckende Stelle. Viola dachte zunächst an einen Mückenstich. Als sie statt dessen den bläulich-schwarzen Fleck auf ihrer Haut entdeckte, ging sie sofort zum Arzt. Es war schwarzer Hautkrebs und er hatte gestreut. Chemo, Bestrahlung, Übelkeit, Kopfschmerzen, Ängste – all das gehört seitdem zum Alltag. Schmerzen und Übelkeit sind ständige Begleiter. Und trotzdem – oder gerade deswegen – lebt Viola Helms ein bewusstes, fröhliches Leben. Ihre Fangemeinde half der Bloggerin, sich einen großen Traum zu erfüllen. Sie sammelten Geld für einen Urlaub auf den Bahamas, wo ich „mit den Schweinen schwimmen konnte“. Mit Tränen in den Augen – „Das sind jetzt Freudentränen “ – berichtet sie per Video begeistert von diesem Erlebnis.

Was ich euch schon lange verkünden wollte... #ohneEUCHniemöglichgewesen!

Posted by Diagnose Krebs -  und der Kampf um mein Leben. on Mittwoch, 23. März 2016

Und nun soll es vielleicht eine nächste große Sammlung geben, denn eine Beerdigung ist teuer. Mit etwas über 6000 Euro liege die Bestattung, die die junge Frau für sich plant, irgendwo im Mittelfeld. „Ich bin nicht billig.“ Wie ist so ein Besuch beim Bestatter? „Mir tut es gut, dass ich weiß, wie meine Beerdigung ablaufen wird und ich habe mir auch einen ganz tollen Friedhof ausgesucht.“ Was der Tochter hilft, macht es der Mutter, die sie begleitet, schwer: Es ist ein großer Schritt, „der Realität ins Auge zu schauen“.

Ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt? „Ich glaube, da oben ist alles schön“, sagt Viola. „Ich habe jemanden, auf den ich mich sehr freue. Ich denke auch, dass ich meinen Opa wiedersehe und andere nette Menschen, die schon gegangen sind. Und darauf freu’ ich mich irgendwie. Ich glaub’, dass da oben irgendetwas ist. “

Lebe bewusst , fröhlich und dankbar

Lebe, lebe möglichst fröhlich und bewusst solange Du es kannst – das ist die Botschaft, die Viola Helms ausstrahlt, und mit der sie inzwischen knapp 30.000 Abonnenten für ihren Blog gewonnen hat. Sie kämpft um ihr Leben, aber sie wehrt den Tod nicht ab. Möglichst viel Qualität gibt sie der Zeit, die ihr bleibt. Und wie Guido Westerwelle freut sie sich an den kleinen Dingen. Sie tut das mit einer so ansteckenden Herzlichkeit, dass beim Betrachter wie von selbst die Frage aufkommt: „Worüber rege ich mich auf?“

Und Christel Tychsen? Wie ist es für sie zu sehen, dass Kinder und Menschen, die mitten im Leben stehen, schon in den Tod gehen müssen? „Dazu Ja sagen zu können, ist wahnsinnig schwer“, sagt sie, die Witwe, die viele Sterbende begleitet hat. „Mir hilft der Glaube – und ich hoffe, auch irgendwann bei meinem eigenen Tod.“

Nach Ostern wird Guido Westerwelle in Köln beerdigt werden. Seine Botschaft bleibt lebendig:. „Nutze den Tag. Das Leben ist wirklich wunderschön.“ Die Osterbotschaft ergänzt: „Fürchte Tod und Sterben nicht. Sie sind Deine Begleiter auf dem Weg zum Glück.“

zur Startseite

von
erstellt am 27.Mär.2016 | 15:18 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen