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"Boxhagener Platz" : Ost-Berlin-Komödie ohne Ostalgie-Klamauk

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Ost-Berlin, 1968: Regisseur Matti Geschonneck hat eine melancholisch grundierte Komödie über den Alltag in der DDR gezeichnet, jenseits vom Ostalgie-Klamauk.

shz.de von
erstellt am 02.Mär.2010 | 03:34 Uhr

Mit der Adaption des Bestsellers "Boxhagener Platz" präsentiert Regisseur Matti Geschonneck (57) eine melancholisch grundierte Komödie über den Alltag in der DDR. Der vor zwei Jahrzehnten untergegangene Staat dient im deutschen Kino meist als Stoff für Krachklamotten. Im Gegensatz dazu gelang mit der Verfilmung des Romans von Torsten Schulz ein komisches, dabei auch nachdenkliches Kino-Kleinod von Format.

Sein Anliegen mit dieser Literaturverfilmung beschrieb Matti Geschonneck im so: "Ich wollte einen Berliner Heimatfilm drehen, eine Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen." Zur politischen Dimension sagte er: "Ich finde, es gibt zu viele Filme über die DDR, die nur dumme Klischees bedienen. Das wollten wir nicht. Wie wir aber auch auf keinen Fall sentimentale Ostalgie aufkommen lassen wollten!"
1968 in Ost-Berlin

Die Handlung spielt 1968 in Ost-Berlin. Rentnerin Ottilie Jürgens (Gudrun Ritter), schon fünffache Witwe, erwartet das Ableben von Ehemann Nummer sechs. Ihr Sohn (Jürgen Vogel) ist ein beflissener ABV, Abschnittsbevollmächtigter, wie die Kiez-Polizisten in der DDR hießen, und nimmt seine Arbeit bitter ernst. Seine Gattin Renate (Meret Becker) tummelt sich gern in diversen Cafés fern der sozialistischen Prüderie. Deren 14-jähriger Sohn Holger (Samuel Schneider) erlebt auf dem Boxhagener Platz sein sexuelles Erwachen.

Oma Otti stört die vermeintliche Ruhe. Noch nicht wieder verwitwet, hält sie bereits Ausschau nach dem nächsten Mann. Zwei Kandidaten bieten sich an: Ex-Nazi Winkler (Horst Krause) und Altkommunist Karl Wegner (Michael Gwisdek). Otti wählt den schnieken Karl. Da wird Winkler ermordet. Holger versucht sich als Detektiv. Die Stasi mischt mit. Es kommen Wahrheiten ans Licht, die alle Nischen-Idylle zerstören.
Authentizität

Die verordnete Gesichtslosigkeit des Individuums im "ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden" wird in dem vor fünf Jahren heraus gekommenem Buch klug beleuchtet. Das ist auch im Film so. Die DDR-Lebenserfahrung des Autors, der auch das Drehbuch schrieb, von Regisseur Matti Geschonneck und von einigen der trefflichen Schauspieler sorgt für eine Authentizität, die den bisherigen Ostalgie-Klamotten fehlt. Bei allem Witz ist hier der Ernst des politischen Hintergrunds spürbar. Das gibt der Komik Schärfe.

Berliner Herz und Schnauze bestimmen den Ton. Das Berlinische verkommt dabei nie zum Klischee. Matti Geschonneck gelingt Verblüffendes: Die strikte Konzentration auf Ort und Zeit und Milieu mündet nicht in Zonen-Exotik. Denn das Wesentliche ist die Auseinandersetzung mit menschlichen Verhaltensweisen, wie Ehrlichkeit, Anstand und dem Mut, sich zu sich selbst zu bekennen.
Uraufführung war ein Riesenerfolg

Den von Gudrun Ritter, lange Jahre Star am Deutschen Theater Berlin, angeführten Schauspielern zuzusehen, ist eine einzige Lust. Neben der Ritter brilliert vor allem Michael Gwisdek mit dem feinen Porträt eines Unbeugsamen. Sie erzählen ungemein viel zwischen den Bildern und Dialogen und geben der verrückten Geschichte eine packende Wahrhaftigkeit.

Matti Geschonneck hat das selbst gestellte Ziel brillant erreicht. Dazu sagte er: "Vor allem möchte ich berühren. Es geht ja letztlich um Zeitloses, wie um die Wahrung der Würde, um mal ein ganz großes Wort zu benutzen." Die Uraufführung auf der 60. Berlinale vor knapp zwei Wochen war ein Riesenerfolg bei Publikum und Kritik.

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