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Lagebericht für Deutschland : Organisierte Kriminalität: Banden vor allem im Westen und in Berlin aktiv

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Die Organisierte Kriminalität dringt zunehmend in Bereiche ein, wo sich früher vor allem Kleinkriminelle tummelten.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2015 | 18:40 Uhr

Berlin | Kriminelle Banden haben im vergangenen Jahr in Deutschland Schäden von über 500 Millionen Euro verursacht. Zwar ist die Zahl der Ermittlungsfälle der organisierten Kriminalität (OK) bundesweit leicht zurück gegangen, die Bedrohung durch das organisierte Verbrechen bleibe in Deutschland aber weiter auf einem hohen Niveau. Davor warnten Bundesinneminister Thomas de Maizière (CDU) und der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, gestern bei der Vorstellung des Bundeslagebildes in Berlin.

Im Jahr 2014 wurden demnach bundesweit 571 Ermittlungsverfahren geführt (2013: 580). Davon wurden 299 Verfahren neu eingeleitet. Während die Zahl der Erstmeldungen damit um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen ist, ist die Zahl der Tatverdächtigen hingegen leicht rückläufig (8700 Personen im Jahr 2014 im Vergleich zu 9155 Tatverdächtigen im Jahr 2013).

Kriminelle Banden haben dabei so viele Einbrüche und Diebstähle verübt wie schon lange nicht mehr. Der Bereich Eigentumskriminalität ist mit einem Anteil von 19 Prozent auf einem Höchststand seit 2006. Bei fast der Hälfte der Fälle handelte es sich um Autodiebstahl. Von insgesamt 108 Ermittlungen richteten sich 27 Verfahren gegen polnische Banden. Diese brachten überwiegend in Deutschland gestohlene Autos nach Polen.

Das dominierende Feld des organisierten Verbrechens bleibt das Schmuggeln von und der Handel mit Rauschgift wie Kokain oder Cannabis. Dieses Feld ist fest in der Hand von sogenannten deutsch dominierten Gruppen (39 Prozent). Den dritten Rang in der Statistik nimmt die Wirtschaftskriminalität ein – also Anlagedelikte, Wettbewerbsdelikte und Finanzierungsdelikte. Im vergangenen Jahr wurden durch organisierte Wirtschaftskriminalität Schäden in Höhe von etwa 222 Millionen Euro verursacht (2013: etwa 407 Millionen Euro).

Auffällig ist die Globalisierung der Bandenkriminalität: „80 Prozent unserer OK-Verfahren weisen internationale Bezüge auf. OK ist global vernetzt, agiert hochkonspirativ, verschleiert illegales Vermögen und erzielt Milliardengewinne“, sagt BKA-Chef Holger Münch. Laut dem Bericht waren 63 Prozent der Tatverdächtigen organisierter Verbrechen nichtdeutscher Herkunft. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um vier Prozent. Differenziert man nach Nationalitäten sind die meisten Tatverdächtigen dennoch deutscher Herkunft.

Das war auch in Schleswig-Holstein der Fall, wie das Landeskriminalamt (LKA) auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilte. „Es dominieren die deutschen Tatverdächtigen, gefolgt von den Litauern und Albanern“, sagte LKA-Sprecher Stefan Jung. Einen der spektakulärsten Fälle organisierten Verbrechens im Norden ist der am Montag geplatzte Prozess um den Kieler Pfandhaus-Raub mit rund 60 Verfahrensbeteiligten (wir berichteten). 

Manfred Börner, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP): „Um organisierte Strukturen aufzubrechen, ist ein hoher Ermittlungsaufwand nötig.“ Das gelte besonders bei ausländischen Banden. „Die straff organisierten Täter sind auf polizeiliches Handeln eingestellt“, betont Börner.  „Sie arbeiten mit allen Tricks, wechseln regelmäßig Mobilfunknummern und Fahrzeuge.“ Der Bereich Einsatz und Ermittlung ist von den Sparplänen der Landesregierung nicht betroffen, soll sogar verstärkt werden. Börner sagt dazu: „Ich habe Zweifel, dass die personelle Ausstattung reicht.“

Im Bundesvergleich liegt Schleswig-Holstein auf Platz elf der Länder mit den meisten OK-Ermittlungsverfahren. Nordrhein-Westfalen ist mit 74 Verfahren trauriger Spitzenreiter. Hierzulande lag der Schwerpunkt krimineller Banden im Bereich der Rauschgift- und Wirtschaftskriminalität. Auf beide Bereiche entfielen jeweils sechs Verfahren. Vier OK-Verfahren wurden nach LKA-Angaben im Bereich der Eigentumskriminalität bearbeitet und jeweils ein Verfahren im Bereich der Waffen-, Gewalt- und Milieukriminalität und der sonstigen Kriminalität (Betrug). Insgesamt entstand hierzulande ein Schaden von etwa 5,76 Millionen Euro. 

Das Kieler LKA  bestätigt einen Trend, der sich in ganz Deutschland abzeichnet. Das organisierte Verbrechen widmet sich zunehmend mehreren Deliktfeldern wie Rauschgift und Gewaltdelikte. Dort tummelten sich früher vor allem Kleinkriminelle. Auch den Anstieg der Eigentumskriminalität bestätigt Stefan Jung für Schleswig-Holstein: „Dieser Trend dürfte sich in den Folgejahren weiter fortsetzen.“

Kriminelle Banden haben in Deutschland im vergangenen Jahr laut Bundeskriminalamt vor allem Straftaten aus folgenden Bereichen begangen, in Klammern die Zahl der ermittelten Banden:

Rauschgifthandel und -schmuggel (188)
Eigentumskriminalität (108)
Kriminalität in Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben (73)
Steuer- und Zolldelikte (52)
Schleuserkriminalität (35)
Gewaltkriminalität (23)
Fälschungskriminalität (22)
Geldwäsche (20)
Kriminalität in Zusammenhang mit dem Nachtleben (19)
Cybercrime (12)
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