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WHO-Prüfung zur Verlegung der Olympischen Spiele : Olympia 2016 im Schatten des Zika-Virus

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüft eine Empfehlung zur Verlegung der Spiele. Wie groß ist die Gefahr wirklich?

shz.de von
erstellt am 14.Jun.2016 | 07:00 Uhr

Rio de Janeiro/Genf | Das Zika-Virus hängt über den im August beginnenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro wie ein Damoklesschwert. Der amerikanische Radsportler Tejay van Garderen ist einer der ersten Sportler, die wegen möglicher Gefahren des Zika-Virus nicht an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen wird. Auch der australische Golfprofi Marc Leishman hatte vor kurzem mitgeteilt, aus Sorge wegen des Zika-Virus nicht nach Rio reisen zu wollen. Das Notfall-Kommitee der Weltgesundheitsorganisation WHO berät am Dienstag in Genf und will eine mögliche Empfehlung für eine Verlegung der Olympischen Spiele prüfen. Die Risiken der für August geplanten Sommerspiele sollen aufgrund des „aktuellen Grads der internationalen Besorgnis“ untersucht werden, schrieb WHO-Chefin Margaret Chan in einem Brief an die US-Senatorin Jeanne Shaheen. Zuletzt hatten mehr als 150 Gesundheitsexperten vor dem Zika-Virus gewarnt und die räumliche oder zeitliche Verschiebung der Olympischen Spiele gefordert.

Stecken sich Schwangere mit dem Virus an, können ihre Babys mit einem zu kleinen Schädel (Mikrozephalie) auf die Welt kommen. Die Kinder sind oft geistig behindert. Die Gefahr: Eine halbe Million Besucher der Spiele könnten in Rio angesteckt werden und die Krankheit mit in ihre Heimatländer bringen.

Die Weltgesundheitsorganisation, aber auch andere Experten und Politiker, hatten die Gefahren zunächst zurückgewiesen. Es gebe kein „Gesundheitsrisiko für die Öffentlichkeit“ während der Spiele, sagte der Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele, Carlos Nuzman, noch vergangene Woche in Lausanne. „Das ist keine dramatische Sache, weil es Winter in Brasilien ist.“ Die WHO gibt dem Druck nun doch nach.

Wie groß ist die Zika-Gefahr bei Olympia?

Der Leiter der Gesundheitsdienste der Spiele, Joao Grangeiro, sieht keine Gesundheitsrisiken wegen der Zika-Fälle in Brasilien. Rio werde ein „sehr sicherer“ Austragungsort für Olympia sein, erklärte Grangeiro auf einer Pressekonferenz. Das relativ kühle und trockene Winterklima sowie die Maßnahmen zur Vorbeugung der Zika-Übertragung hätten die Gefahr einer Ansteckung für Olympia-Teilnehmer und -Besucher stark eingegrenzt. Die Zahl von Ansteckungen des von der Mücke Aedes aegypti übertragenen Virus seien in Rio ab März abrupt gefallen, erklärte Grangeiro.

Rio habe das geringste Erkrankungsniveau des Zika-Ausbruchs im Land, fügte der Gesundheitssekretär der Olympia-Stadt, Daniel Soranz, hinzu. Die Angaben bestätigt Gesundheitsminister Ricardo Baros. Von Februar bis Mai haben sich die Fälle um 87 Prozent verringert, wie der Politiker am Freitag erklärte. Das Risiko für Sportler und Publikum bei den Spielen im August sei minimal.

Unter den 150 Gesundheitsexperten „ist kein namhafter Virologe oder Zika-Experte dabei“, sagt Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Man müsse mit solchen Forderungen sehr vorsichtig sein. Durch die Olympischen Spiele könnten zwar mehr Fälle nach Deutschland und in andere Länder eingeschleppt werden. „Aber das ist nicht mit einem großen Ausbruch in Brasilien zu vergleichen.“

Könnte man Olympia eigentlich noch verschieben?

Ein klares Nein! Das ist absolut unmöglich. „Weltfremd“, kommentierte ein deutscher Sportfunktionär. In wenigen Wochen kann keine Stadt einfach Olympische Spiele „übernehmen“. Eine zeitliche Verschiebung, etwa auf 2017, wäre theoretisch möglich. Aber dann müssten Zeitpläne in der ganzen Welt neu abgestimmt werden. Millionen Reisen und Hotelzimmer sind für diesen Sommer schon gebucht. Zudem geht es um Milliardensummen. Das Olympische Kommitee der Rio-Spiele hat tausende Vereinbarungen mit Logistik- und Zulieferfirmen sowie anderen Dienstleistern geschlossen. Konventionalstrafen drohen.

Allerdings: Im Falle höherer Gewalt - wie zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe oder eben einer Virus-Epidemie - gibt es keinen Schuldigen. Die Absage wäre erzwungen. Keiner der Vertragspartner hätte gegen eine Klausel verstoßen, das IOC könnte seinen Vertragspartner – in diesem Falle das Rio-Ok – also auch nicht bestrafen. Kein Olympia-Ok kann garantieren, dass die Ausrichterstadt von extremen Ereignissen verschont bleibt.

Gab es schon einmal eine Verlegung?

Ja. 1956 fanden die Reit-Wettbewerbe nicht am Ort der Sommerspiele in Melbourne statt, sondern in Stockholm. 1953, drei Jahre vor den Spielen in Down Under, teilten die Australier mit, dass ausländische Pferde per Gesetz für sechs Monate in Quarantäne müssten. Damit war Reiten für Melbourne außen vor. Trotzdem sah das IOC davon ab, dem Land die Spiele ganz zu entziehen oder das Reiten zu streichen. 1954 wurden die Reiterspiele neu ausgeschrieben, Stockholm bekam den Zuschlag und hatte zwei Jahre Zeit zur Vorbereitung. Dabei ging es aber nur um sechs Medaillen-Wettbewerbe. Zum Vergleich: In London standen 2012 insgesamt 302 Wettbewerbe in 26 Sportarten auf dem Programm.

Deutscher Olympischer Sportbund setzt auf Prävention und Information

„Die erste Zika-Information wurde hier im September 2015 veröffentlicht, erst Ende April wurde das letzte Update beim Olympia- Vorbereitungsseminar der deutschen Mediziner und Physiotherapeuten durchgeführt“, heißt es vom DOSB. Das aktuelle Mittel zur Vorbeugung sei der Insektenschutz. „Dieses Vorgehen hat auch den Vorteil, dass neben der Zika-Prävention auch den aus medizinischer Sicht eher noch problematischeren Dengue- und Chikungunya-Erkrankungen vorgebeugt wird“, heißt es in der Mitteilung. Das deutsche Olympia-Team werde mit dem Mückenschutzmittel „Anti-Brumm“ ausgestattet. Experten stehen den Olympia-Startern „jederzeit bei individuellen Fragen zur Verfügung“.

Auch WHO gibt Präventiv-Tipps für Olympia-Besucher

Die WHO rät Touristen, nach ihrer Heimreise aus Zika-Gebieten mindestens acht Wochen auf ungeschützten Sex zu verzichten. In neuen Studien sei zu sehen, dass der Virus der Überträger-Mücke länger als zunächst gedacht in Körperflüssigkeiten nachweisbar sei. Die UN-Organisation hatte ursprünglich Reisenden geraten, vier Wochen lang mit Kondomen zu verhüten. Das sei nach den neuen Erkenntnissen aber zu kurz. Zika wird hauptsächlich durch Mückenstiche verbreitet. Die WHO wies aber darauf hin, dass immer mehr Nachweise zeigen würden, dass Zika auch sexuell übertragbar sei.

Frauen und Männer, die planen ein Kind zu zeugen, sollen damit mindestens sechs Monate nach ihrer Reise in ein Zika-Gebiet warten. Abstinenz oder Verhütung mit Kondomen wird auch denjenigen geraten, die Symptome wie Grippe während ihres Auslandsaufenthalts erleben.

Zika-Fälle auch in den USA und Deutschland

Zika ist bisher in etwa 60 Ländern nachgewiesen worden. Besonders betroffen sind Länder in Mittel- und Südamerika. Wie gefährlich der Zika-Virus ist, zeigen auch Zahlen aus Deutschland. Demnach sind im ersten Monat nach Einführung der amtlichen Meldepflicht für den Erreger in Deutschland zwölf Fälle registriert worden. Seit Oktober ist die Zahl der behördlich erfassten Zika-Erkrankungen in Deutschland auf 56 gestiegen. Die Meldepflicht gilt seit dem 1. Mai. Experten gehen davon aus, dass sich die Menschen auf Reisen infiziert haben. Die Dunkelziffer gilt als hoch, da die Krankheit mild verläuft und die meisten Menschen gar nicht zum Arzt gehen, heißt es vom Robert-Koch-Institut (RKI). Das Zika-Virus löst meist allenfalls grippeähnliche Symptome aus.

Nach einem Bericht der „New York Times“ wurde erstmals an der US-Ostküste ein mit dem Zika-Virus infiziertes Kind geboren. Die 31-jährige Mutter habe sich vermutlich in ihrem Heimatland Honduras angesteckt, berichtete die Zeitung unter Berufung auf einen Arzt am Mittwoch. Sie habe nach Bluttests bereits von ihrer Infektion gewusst. Das Baby kam am Dienstag mit einem ungewöhnlich kleinen Schädel per Kaiserschnitt auf die Welt. Die Ärzte wollten das stark untergewichtige Kind im Mutterleib nicht länger dem Virus aussetzen. Im Januar war in Hawaii ein Baby geboren worden, dessen Hirnschäden in Zusammenhang mit dem Erreger stehen. In den USA sind derzeit rund 600 Zika-Fälle bekannt, die alle importiert wurden. In Außengebieten der Vereinigten Staaten wie Puerto Rico gibt es jedoch auch Zika-Übertragungen.

Zu wenig Geld für den Kampf gegen Zika

Neben Ratschlägen, wie sich Olympia-Urlauber nach ihrer Rückkehr verhalten sollen, beklagt die WHO auch fehlende Finanzmittel für den Kampf gegen die Zika-Epidemie. Um den internationalen Aktionsplan zum Stopp der rasanten Ausbreitung des Virus umzusetzen, werden für die allernötigsten Maßnahmen zumindest 15,9 Millionen Euro benötigt, teilte die WHO mit. Bislang erhielt die WHO allerdings nur rund 2,1 Millionen Euro. Ursprünglich hatten verschiedene UN-Behörden - wie die WHO - um 50 Millionen Euro gebeten. Angesichts der schleppenden Zahlungen von Mitgliedsländern und wohltätigen Organisationen wurde die Summe aber nun nach unten gesetzt.

Erkrankte sollen mit den Mitteln verbesserte medizinische Betreuung erhalten und die Entwicklung eines Impfstoffes soll schneller vorangebracht werden. Die Strategie umfasst auch Hilfe im Kampf gegen die Überträger-Mücken sowie eine bessere Aufklärung über Risiken einer Infektion.

Das Zika-Virus ist kein Neuling – eine Chronologie

Es ist schon kurios: Vor fast 70 Jahren wurde das Zika-Virus entdeckt, doch erst jetzt gilt es als globale Bedrohung. 1947 wird bei einem Rhesusaffen aus dem Zika-Wald in Uganda das Virus erstmals nachgewiesen. Fünf Jahre später finden Forscher den Erreger dann bei Menschen in Uganda und Tansania. In den folgenden Jahrzehnten werden jedoch nur vereinzelte Infektionen aus Afrika und Südasien bekannt. Erst 2007 häufen sich im Pazifik-Raum die Infektionen. Seit 2013 gibt es laut Weltgesundheitsorganisation weitere Fälle in Afrika und Amerika.

Am 29. April 2015 stellen Forscher einer Universität in Salvadorn das Virus erstmals in Brasilien fest. Nur wenige Monate später, im Oktober 2015 wird eine Häufung von Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen registriert. Fachleute haben schnell das Zika-Virus im Verdacht. Die Regierung führt eine systematische Erfassung der Mikrozephalie-Fälle ein. Bis Dezember springen die Verdachtsfälle sprunghaft an. Behörden in Jamaika und Kolumbien reagieren im Januar 2016 und empfehlen, geplante Schwangerschaften aufzuschieben. Im Februar erklärt die WHO den globalen Gesundheitsnotstand. Es gebe eine starke räumliche und zeitliche Verbindung zwischen Zika und dem Auftreten von Schädelfehlbildungen. Brasiliens Regierung schickt 220.000 Soldaten in den Zika-Kampf, um die Zahl der Moskitos, die das Virus übertragen, einzudämmen. Im April liegt die Zahl der Fälle in Brasilien bereits bei über 1100. Einen Impfstoff gegen das Virus gibt es noch nicht.

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