Schon 13 Tote auf Adria-Fähre : „Norman Atlantic“: 17 Deutsche gerettet, zwei Helfer tot

Auch zwei Tage nach dem Brand auf der „Norman Atlantic“ dauern die Rettungsmaßnahmen auf der Adria an.
Auch zwei Tage nach dem Brand auf der „Norman Atlantic“ dauern die Rettungsmaßnahmen auf der Adria an.

Mindestens 13 Menschen starben beim Feuer auf der Adria-Fähre. Die Suche nach Opfern geht weiter. Viele Fragen sind offen.

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30. Dezember 2014, 10:48 Uhr

Rom/Athen | Zwei Tage nach dem Schiffsunglück in der Adria geht die Suche nach möglichen Opfern weiter. Am Dienstag wurde bekannt, dass sich die Zahl der Toten auf 13 erhöht hat. Bei dem Versuch, das havarierte Schiff abzuschleppen, sind zwei albanische Einsatzkräfte ums Leben gekommen. Die beiden seien gestorben, als ein Tau gerissen sei, teilte die italienische Marine am Dienstag mit.

In dem Wrack der „Norman Atlantic“ seien wahrscheinlich noch mehr Opfer, sagte der italienische Staatsanwalt Giuseppe Volpe, der mit den Ermittlungen beauftragt ist.

Die griechische Anek Lines korrigierte die Zahl der Passagiere an Bord am Dienstag von 478 auf 475. 427 Menschen wurden von der brennenden Fähre gerettet - aber von Dutzenden, die auf der Passagierliste standen, ist der Verbleib unklar. Zudem waren offenbar blinde Passagiere an Bord.

Nach Angaben des griechischen Ministers für Handelsschifffahrt wurden auch Menschen gerettet, die nicht auf der ursprünglichen Passagierliste standen. Etwa zwanzig Unbekannte waren unter den Geretteten, die eine griechische Militärmaschine im italienischen Bari aufnehmen sollte, wie Miltiadis Varvitsiotis sagte.

Unterdessen teilte das Auswärtige Amt mit, dass bislang 17 Deutsche gerettet werden konnten. Bei zwei weiteren Fällen dauerten die Nachforschungen noch an, da die Situation vor Ort noch unübersichtlich sei und die Geretteten erst nach und nach und in verschiedenen Häfen an Land kämen, teilte eine Sprecherin des Außenamtes der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag mit. „Es liegen derzeit keine Hinweise darauf vor, dass Deutsche unter den Opfern dieser Schiffskatastrophe sind.“ Die Bundesregierung danke allen, die in Italien, Griechenland und Albanien an der schwierigen Rettungsmission beteiligt seien.

Die „Norman Atlantic“ treibt vor der albanischen Küste. Möglicherweise sind noch Opfer auf dem Schiff. Unklar ist auch, wie das Feuer ausbrach. Vermutlich entzündete es sich im Fahrzeugdeck. Lkw-Fahrer berichten, dass mit Olivenöl beladene Lastwagen den Brand ausgelöst haben könnten. Bei Windstärke zehn seien sie auf dem  schwankenden Schiff hin- und hergerutscht. Dabei seien ihre Tanks gegen Stahlstreben des Schiffs geschrammt und hätten einen starken Funkenflug ausgelöst.

„Bei Autofähren ist die Ladung die große Gefahr“, sagt ADAC-Schifffahrtsexperte Jan-Peter Hoffmann (78). Defekte in der Elektrik von Fahrzeugen könnten zu Bränden führen, die sich auf den offenen Decks rasch ausbreiten. Benzin und Diesel in den Tanks von Lastern und Autos gäben den Flammen reichlich Nahrung. „Oft wird der Brand auch nicht schnell genug bemerkt, weil die Autodecks menschenleer sind.“

In einer solchen Situation komme es dann auf die Besatzung an. Hoffmann: „Hat sie die vorgeschriebenen Übungen absolviert und fällt der Kapitän die richtigen Entscheidungen, können die Passagiere gerettet werden.“ Hoffmann ist nautischer Experte für die europaweiten Fährentests des ADAC, bei denen in diesem Jahr 18 Schiffe unter die Lupe genommen worden sind. Zum Sieger wurde die Reederei Color Line mit ihrer Kreuzfahrtfähre „Color Magic “ (Kiel-Oslo) gekürt. Das Schiff punktete mit modernen Sicherheits-, Rettungs- und Brandschutzeinrichtungen. „Die Crew hat eine von uns spontan geforderte Sicherheitsübung routiniert absolviert“, lobt Hoffmann.

Auf der Ostsee wurde keine Fähre schlechter als „gut“ bewertet, anders als auf dem Mittelmeer. Im Fall der „Norman Atlantic“ hatten Hafeninspekteure mehrere Sicherheitsmängel festgestellt.

Die „Norman Atlantic“ wurde beschlagnahmt und sollte nach Brindisi in Süditalien geschleppt werden. Gegen den italienischen Kapitän Argilio Giacomazzi und den Eigentümer der italienischen Reederei Visemar, Carlo Visentini, leitete die Staatsanwaltschaft in Italien Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführens einer Havarie ein. Auch die Staatsanwaltschaft in Piräus in Griechenland ermittelt.

Immer mehr Details über die Zustände bei der Rettung werden bekannt. So klagte ein geretteter Lkw-Fahrer im griechischen Fernsehen, von der Besatzung sei keine Hilfe gekommen. „Es gab keinen Feueralarm, der Rauch hat uns geweckt. Wir mussten Wasser vom Deck trinken und uns mit dem zudecken, was wir gerade finden konnten.“ Auch die Retter hätten sich nicht gekümmert. „Wir waren zwischen Feuer und Wasser und niemand hat geholfen. Sie haben nicht eine Flasche Wasser oder eine Decke für die Kinder abgeworfen, und die waren zum Teil in Unterwäsche. Es war ein schwimmender Vulkan.“

Ein Mann mit seiner Tochter nach der Rettung von der brennenden Fähre „Norman Atlantic“.
dpa
Ein Mann mit seiner Tochter nach der Rettung von der brennenden Fähre „Norman Atlantic“.
 

Nach dem Ausbruch des Feuers herrschte zunächst Panik, es kam zu Schlägereien. „Man wollte Kindern und Frauen Vorrang bei der Rettung geben“, sagte die griechische Sopranistin Dimitra Theodossiou, die an Bord war. Aber einige Männer hätten sich nicht darum geschert. „Sie schlugen uns und schoben uns weg, um sich als erste in Sicherheit zu bringen.“ Niemand habe die Leute beruhigt, das Personal sei praktisch nicht vorhanden gewesen, berichtet Passagierin Rania Fyreou.

Geklärt werden muss auch, wohin die „Norman Atlantic“ geschleppt werden soll. Die Fähre gehört zur griechischen Linie Anek Lines, fuhr aber unter italienischer Flagge. Die italienische Reederei La Visemar beauftragte die niederländische Firma Smit mit der Bergung, die schon beim Unglück der „Costa Concordia“ geholfen hatte.

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